Washington/München - Mike McCartney ist derzeit einer der meistgefragten Männer in der NFL. Dabei flog der 53-Jährige in seinen bisherigen drei Jahrzehnten im Football-Business zumeist unter dem Radar. Doch jetzt führt der Weg zum wohl gefragtesten Profi in der am Mittwoch beginnenden Free Agency nur über ihn.

McCartney vertritt Kirk Cousins, der sich auf dem überhitzten Quarterback-Markt vor Angeboten kaum retten kann. Dem jahrelangen Signal-Caller der Washington Redskins winkt ein Megavertrag. Und McCartney der Deal seines Lebens. Die aktuell heißeste Spur führt dabei zu den Minnesota Vikings.

850 zertifizierte Spielerberater in NFL

Das klingt nach einem Sechser im Lotto für den Berater, der aktuell 28 seiner Klienten bei Klubs unter Vertrag weiß. Viele seiner zahllosen Kollegen - die Spielergewerkschaft NFLPA spricht von 850 zertifizierten Agenten in der Liga - können davon nur träumen.

Denn von den mühsam ausgehandelten Gehältern für die eigenen Spieler fällt nur ein sehr geringer Teil für sie ab. Die Liga lässt nicht mehr als drei Prozent an Berater-Provision zu - laut dem US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" weniger als die NHL, die NBA (jeweils vier), die MLB (fünf) oder die FIFA (zehn).

Signing Bonus und Fixgehalt doppelt wichtig

Zudem gilt: Die Berater kassieren immer erst dann, wenn auch der Spieler den Teil des Gehalts ausgezahlt bekommt. Entsprechend sollten die Spielervertreter nicht nur ihren Klienten zuliebe einen Signing Bonus sowie ein hohes Fixgehalt anvisieren.

Schon allein diese Fakten lassen erahnen, dass die große Mehrheit der Agenten nicht unbedingt ein Jetset-Leben führt. Zu den wenigen Ausnahmen zählt Drew Rosenhaus, der kürzlich einen weiteren großen Zahltag dank der Umstrukturierung des Vertrags von Antonio Brown feierte.

Verträge über mehr als zwei Milliarden US-Dollar

Der in Miami beheimatete Agent vertritt mehr als 100 Profis - darunter neben dem Star-Receiver der Pittsburgh Steelers auch Rob Gronkowski von den New England Patriots. Seit seinem Einstieg 1989 soll Rosenhaus Verträge mit einem Volumen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar ausgehandelt haben.

Wer sich so lange in der Branche hält, muss das Business beherrschen. Andere Agenten sind längst vom immer schneller rotierenden Personalkarussell gesprungen.

Aussteiger berichtet von "Achterbahnfahrt"

Andrew Brandt etwa ließ sich bereits vor einigen Jahren in einem Beitrag für "ESPN" über die einem Haifischbecken gleichende Szene aus. "Das Leben eines Agenten ist eine alles verzehrende emotionale und physische Achterbahnfahrt, die von den Launen junger Menschen abhängt", fasste er zusammen.

Der Abschied schien ihm also nicht schwergefallen zu sein. Wobei dazu gesagt werden muss, dass Brandt am falschen Ende der Nahrungskette agierte. Mit Ricky Williams wurde ihm der vielversprechendste Klient von einer konkurrierenden Agentur aus den Händen gerissen.

Vergleich mit Fantasy Football Team

Brandt vergleicht die Tätigkeit als Spieleragent mit dem Managen eines realen Fantasy Football Teams. Nur seien die Folgen bei falschen Entscheidungen ungleich heftiger. Sie können einem Erwachsenen den Boden unter den Füßen wegreißen.

Der Karriereweg sollte ohnehin wohlüberlegt werden. Denn anders als etwa im Fußball müssen Berater einige Voraussetzungen erfüllen. So listet die NFLPA neben einer Anmeldegebühr von 2500 US-Dollar auch einen Abschluss sowie eine Promotion in Rechtswissenschaften und einen bestandenen Multiple-Choice-Test am Ende eines zweitägigen Seminars auf.

Nach Thanksgiving wird's wichtig

Nur wer das alles vorweisen kann, darf sich vorantasten in die Arme der NFL-Familie und ein Teil der profitabelsten Liga der Welt werden. Und dann geht es ans Eingemachte - nicht selten rund um die Uhr.

Brandt berichtet von ausgiebigen Touren quer durch die Staaten während der "go time" - die Wochen zwischen Thanksgiving und dem Jahreswechsel. Wenn die Bündnisse zwischen Spielern und Beratern geschlossen werden. Bis dahin sind Gespräche über Gespräche zu führen - mit Kollegen, Trainern, Eltern und nicht zuletzt den Talenten selbst.

Brady und Garoppolo schwören auf Yee

Wer das richtig gut macht und auch eine Portion Glück hat, bekommt die dicken Fische ab. Wie Don Yee, der für Patriots-Superstar Tom Brady verhandelt und dessen langjährigem Backup Jimmy Garoppolo bei den San Francisco 49ers zu einem Rekordvertrag verholfen hat. Oder David Dunn, der Aaron Rodgers zu seinen rund 20 Klienten zählt und dank des Quarterbacks der Green Bay Packers demnächst auf den ganz großen Zahltag hoffen darf.

Für andere wird es immer schwieriger, sich zu behaupten. Denn aktuell scheinen Spieler vermehrt auf Agenten zu verzichten und für sich selbst verhandeln zu wollen.

Auch wenn die Zahlen von Richard Shermans Dreijahresvertrag eher abschrecken dürften. Der viermalige Pro-Bowler soll bei den 49ers nur drei Millionen US-Dollar an Gehalt sicher kassieren, weil er nach jeder Saison entlassen werden könnte und vor dem Trainingscamp einen Fitnesstest bestehen muss.

Talent Jackson wird von Mutter gemanagt

Auch der potenzielle First-Overall-Pick Baker Mayfield dachte offenbar über eine Karriere ohne Berater nach. Lamar Jackson, Heisman-Trophy-Gewinner von 2016, verzichtet aufgrund der Regulierungen bei Rookie-Verträgen auf einen Agenten, lässt sich von seiner Mutter managen.

Das spart Kosten. Doch Mike Florio warnt vor einem neuen Trend. "Jeder hochgehandelte Rookie kann von einem guten Agenten profitieren, weil er für einen geringen Einsatz von jemandem unterstützt wird, der den Spieler auch auf diverse unerwünschte Erfahrungen wie Stress, Unsicherheit und Frustration vorbereiten kann", schreibt der "NBC"-Reporter.

Stress und Frust sind Erfahrungen, die sicher nicht wenige Berater am eigenen Leib erfahren mussten. Ob auch McCartney dazu zählte? Zumindest spricht er in der "Washington Post" über die Entbehrungen: "Ich habe meinen Glauben, meine Familie und Football. Aber Hobbies habe ich nicht, spiele kein Golf." Cousins und Co. sollten es ihm danken.

Marcus Giebel

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