Warten auf bessere Zeiten: Bill Belichick und die erfolgsverwöhnten New Engl... - Bildquelle: Getty ImagesWarten auf bessere Zeiten: Bill Belichick und die erfolgsverwöhnten New England Patriots werden wohl durch ein tiefes Tal stapfen müssen © Getty Images

Foxborough/München - Irgendwann erwischt es jeden einmal. Denn genau darauf ist das US-Sportsystem mit Gehaltsobergrenzen in Form des Cap Space und dem Draft, der schlechte Teams bevorzugt, ja ausgelegt. Ein Neuaufbau wird nach einer gewissen Zeitspanne schlicht provoziert.

20 Jahre lang haben sich die New England Patriots diesem ungeliebten weil zumeist entbehrungsreichen Schritt entziehen können. In erster Linie dank des zumindest auf dem Feld kongenial funktionierenden Duos aus Bill Belichick und Tom Brady.

 

Patriots blieben zwischenzeitlich zehn Jahre ohne SB-Triumph

Gut, zwischen dem dritten und vierten von sechs gemeinsamen Super-Bowl-Triumphen vergingen zehn Jahre. Aber auch in dieser Phase standen die Patriots - mit der Ausnahme des Jahres 2008, in dem Brady sich das Kreuzband riss - Saison für Saison in den Playoffs und marschierten regelmäßig tief hinein in die Postseason.

Nachdem sich die Wege dieser beiden Erfolgsgaranten also getrennt haben, weil sich Brady in Tampa Bay unter einem anderen Head Coach beweisen will, muss Belichick die undankbare Aufgabe des Rebuild schultern. Auf seine alten Trainertage die erfolgreichste Franchise dieses Jahrtausends aufmotzen für eine ähnlich glorreiche Zukunft.

Neben Brady musste auch Routinier Gostkowski gehen

Dabei dürfte sich der 68-Jährige vorkommen wie ein Automechaniker, der aus allerhand Einzelteilen eine Edelkarosse anfertigen soll. Denn nicht nur der "GOAT" ist gegangen. Nach 14 Jahren musste auch Kicker Stephen Gostkowski seinen Spind räumen.

Die Defense verlor Jamie Collins (Detroit Lions), Nate Ebner (New York Giants), Duran Harmon (ebenfalls Lions) und Kyle van Noy (Miami Dolphins). Außerdem gab James Develin - einer der letzten Fullbacks der Liga - sein Karriereende nach acht Jahren in Foxborough bekannt. Der lädierte Nacken spielte nicht mehr mit.

Gronkowski wiedervereint mit Brady - in Tampa Bay

Phillip Dorsett fängt nun Bälle von Russell Wilson bei den Seattle Seahawks. Und Rob Gronkowski wieder von Brady - nur eben im Dress der Tampa Bay Buccaneers. Der 30-Jährige meldet sich für die Wiedervereinigung sogar aus seiner Football-Rente zurück.

Den Patriots blieb anstatt des womöglich besten Tight Ends der NFL-Geschichte nur ein Compensatory Pick in der vierten Runde. Ein allzu schwacher Trost, der in einem fünf Picks umfassenden Trade mit den Las Vegas Raiders letztlich Tight End Devin Asiasi und Kicker Justin Rohrwasser nach New England spülte.

"Gronk" flüchtete wohl vor Belichicks Football-Philosophie

"Gronk" jedoch setzte mit seiner überraschenden Rückkehr auf den Platz samt sofortigem Abschied aus seiner langjährigen sportlichen Heimat direkt ein Statement. Mit Brady will er unbedingt wieder zusammenspielen, aber eben nicht mehr in die Mühlen von Belichicks höchst intensivem Spiel geraten.

Für den "Boston Herald" ist Gronkowskis endgültiges Goodbye ein besonders heftiger Schlag für die "Pats". Denn mit seiner aufopferungsvollen und kraftraubenden Darbietung verkörperte er die Philosophie von Belichicks Football nahezu perfekt.

Neuaufbau als Belichicks letzte Hürde vor dem Football-Olymp

Aber nicht nur die Abgänge der beiden NFL-Stars Brady und Gronkowski lassen "The Hoodie" vor seiner wohl größten Herausforderung in 21 Jahren Patriots stehen. Falls es sie überhaupt noch braucht, ist der nun anstehende Neuaufbau Belichicks letzte Hürde auf dem Weg in den Football-Olymp.

Eine, die er nicht mal eben im Vollsprint nehmen wird. Laut "CBS"-Reporter Jason La Canfora sei Belichick nur zu bewusst, dass der Umbruch nicht in einem Jahr abgeschlossen sein werde. Er also Schritt für Schritt vorgehen und Geduld bewahren müsse.

Auf Patriots kommen sehr wahrscheinlich "Dog Days" zu

Der "Herald" warnt Fans des Klubs bereits vor so genannten "Dog Days". Diese sind keineswegs zu vergleichen mit den europäischen Hundstagen im Hochsommer. Sondern ein Synonym für schlechte Zeiten.

Wie sie viele der Anhänger des Teams wohl noch nicht erlebt haben, seit sie mit den Patriots fiebern. Neben Brady seien schlicht auch "zu viele andere gegangen". Nur den Häuptling auf dem Platz zu verlieren, wäre wohl schon schlimm genug. Der aktuelle Aderlass aber mutet an wie ein Desaster. Eines mit System?

Patriots seit 2009 Jahr für Jahr AFC-East-Champion

Vorerst werde es keine Diskussionen mehr über Super-Bowl-Ringe oder Siegerparaden geben, schreibt die Zeitung weiter. Ja, sogar "der Titel in der AFC East ist nicht länger das Geburtsrecht von New England". Den Division-Sieg verpassten die Patriots zuletzt 2008 und überhaupt nur dreimal in der Brady-Ära.

Längst wird spekuliert, ob der Klub die anstehende Saison abschenken würde. Wahlweise unter dem - natürlich geheimen - Motto "Tank for Trevor" oder "Fumble for Fields". Eine besonders schlechte Bilanz würde beim Draft 2021 schließlich mit einem sehr frühen Pick versüßt werden.

Belichick vertraut wohl erstmal Stidham

So könnte Belichick ein Auge auf den zweimaligen College-Champion Trevor Lawrence von Clemson oder Heisman-Trophy-Finalist Justin Fields von Ohio State werfen. Vorerst lautet die erste Option aber allem Anschein nach Jarrett Stidham. Immer mehr deutet darauf hin, dass der Fourth Rounder des Draft 2019 seine Chance als direkter Brady-Nachfolger erhalten wird.

Es wirkt wie ein mutwilliges Experiment. Aber dachte die Football-Welt vor 20 Jahren bei Brady nicht genauso?

Kein Geld für große Stars vorhanden

Dazu kommt: Sollte es schiefgehen, würden die "Pats" im Idealfall relativ weich fallen. Deals mit namhaften Stars wie Cam Newton erscheinen ohnehin utopisch. Laut "Spotrac" beträgt das Cap Space mickrige zwei Millionen US-Dollar.

Was eben keine großen Sprünge erlaubt. Allenfalls kleine Hüpfer, soll nicht noch ein Eckpfeiler des Erfolgsteams abgegeben werden müssen.

15 ungedraftete Talente unter Vertrag genommen

Am Tag nach dem Draft wurden auf einen Schlag 15 weitere Talente unter Vertrag genommen. Darunter zwei Quarterbacks und vier Wide Receiver. Zwei Skill-Positionen, auf denen dringend Bedarf besteht, der bei der virtuellen Talenteziehung zuvor aber nicht gedeckt wurde.

Später gestand sogar Belichick beinahe kleinlaut ein, dass beim Draft nicht alles nach Plan gelaufen sei. Einen Quarterback zu picken wäre irgendwie schon fein gewesen, aber: "Es hat einfach nicht funktioniert in den drei Tagen. Das war so nicht beabsichtigt."

Belichicks Draft wohl einer mit Weitsicht

Immerhin verwunderte er so mit quasi jedem seiner zehn Picks Experten und Konkurrenten. Doch dahinter steckt eine Strategie, die der "Herald" zu durchschauen glaubt.

Belichick habe keine Spieler gewählt, die sofort den Unterschied ausmachen würden. Er plane langfristig. So kann sich wohl zumindest schneller eine neue Hierarchie herauskristallisieren und manifestieren.

Immer noch viele Stars im Patriots-Kader

Denn das Team verfügt nach wie vor über zahlreiche Athleten, nach denen sich die Liga die Finger lecken dürfte. Potenzielle Anführer wie Devin McCourty, der um zwei Jahre verlängert hat. Stephon Gilmore, der Defensive Player of the Year. Defense-Captain Dont'a Hightower. Oder Brady-Kumpel Julian Edelman.

Schon im vergangenen Jahr wurden die Patriots in ihrer besten Phase - ganz untypisch in den ersten Saisonwochen - in erster Linie von der Defense getragen. Natürlich noch mit Ebner oder van Noy.

Vergesst die Rolle der Special Teams nicht

Der für das Spielerpersonal zuständige Direktor Nick Caserio verweist im "Herald" aber auch darauf, dass American Football nicht nur aus Offense und Defense besteht: "Das Kicken nimmt ein Drittel des Spiels ein. Wir verbringen damit wahrscheinlich genauso viel Zeit wie jedes andere Team in der Liga. Das erfüllt uns mit Stolz - und die Spieler auch."

Die Draft Picks, für die Belichick im Falle der beiden neuen Tight Ends Asiasi und Dalton Keene sogar hochtradete, sollen allesamt vielseitig einsetzbar sein. Offenbar eine wichtige Voraussetzung, um von den Patriots ausgewählt zu werden. Sieben der zehn Picks seien auch Optionen für die Special Teams.

Belichick will es allen nochmal zeigen

Vielleicht wird auch das eine der Stärken der "Pats" nach Brady: das Überraschungsmoment. Belichick scheint es jedenfalls allen noch einmal zeigen zu wollen, besonders den Fans des "GOAT", der noch immer vorhandenen Gruppe an Zweiflern und nicht zuletzt sich selbst. Auch wenn er gern den Eindruck vermittelt, die Meinungen anderer seien ihm herzlich egal.

Sicher ist: Der achtmalige Super-Bowl-Champion macht keine halben Sachen. Dann zur Not noch einmal ein großer Umbruch. Der kann bei einem Kader-Durchschnittsalter von 26,3 Jahren - dem zweithöchsten der Liga - ja nicht schaden. Jedenfalls kann man es drehen und wenden wie man will: Dass Belichick an seiner neuesten Herausforderung scheitern wird, scheint irgendwie doch undenkbar.

Auch wenn die kommenden Monate und vielleicht Jahre ein paar Entbehrungen für die erfolgsverwöhnten Patriots parat haben dürften. Aber das ist halt der Lauf der Dinge im US-Sport.

Marcus Giebel

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