Zach Wilson. - Bildquelle: imago images / ZUMA PressZach Wilson. © imago images / ZUMA Press

München/New York - Es gibt Dinge, die stehen vor einem Draft fest. Dazu gehört 2021 zum Beispiel, dass die New York Jets mit ihrem zweiten Pick einen Quarterback auswählen werden. Das ist nach dem Trade von Sam Darnold mehr als offensichtlich.

Genauso klar scheint es zu sein, welcher Spielmacher das sein wird: Zach Wilson. Der Spielmacher der BYU Cougars wurde vom ESPN-Experten Adam Schefter per SMS bereits "offiziell" als Zugang der Jets begrüßt. 

Doch während Trevor Lawrence - den die Jacksonville Jaguars noch sicherer an Nummer eins auswählen werden - schon eine gefühlte Ewigkeit als Top-Pick gehandelt wird, stand Wilson lange im Schatten der Top-Quarterbacks auf dem College.

Er musste sich nach einer für ihn enttäuschenden Saison 2019 den Starter-Platz 2020 sogar erst erkämpfen, war also alles andere als gesetzt.

Was hat ihn nach oben gespült?

Was hat den 21-Jährigen also in so kurzer Zeit in der Rangliste nach oben gespült? 

Wenn es nach ihm geht, ist es seine Liebe zum Spiel. "Was mich unterscheidet, ist meine Leidenschaft für das Spiel", sagte Wilson zuletzt nach seinem Pro Day. "Ich habe wirklich viel Zeit in das investiert, was ich tue. Im Laufe der Jahre habe ich mein Leben dem Football gewidmet. Es ist verrückt. Die Leute fragen mich, was ich außerhalb des Footballs mache, und Football ist mein Leben. Es bedeutet mir alles."

Seine Zahlen 2020 können überzeugen, er kam in zwölf Spielen auf 3.692 Yards, 33 Touchdowns und drei Interceptions, 73,5 Prozent seiner Pässe brachte er zum Mann. Er führte die BYU so zu einer 11:1-Bilanz und zum Sieg im Bowl-Game.

Und wie. Denn sein Arm wird immer wieder gelobt. Mit welcher Leichtigkeit er die Bälle abfeuert, sorgt für regelrechte Jubelarien.

"Der Ball fliegt einfach aus seiner Hand", sagte ESPN-Draft Analyst Matt Miller: "Es fällt ihm leicht, den Ball so hart zu werfen. Die Fähigkeit, mit so viel Geschwindigkeit und so weit zu werfen - und die Tatsache, dass er dafür nicht viel aufrufen muss - ist beeindruckend." 

Auf dem College beeindruckte Wilson mit weiten Würfen, er brachte immerhin 62 Prozent seiner Bälle über 20 Yards und mehr an den Mann. 

Ex-Jets-Quarterback Mark Sanchez lobt den Überraschungseffekt, den Wilson mit seiner riskanten Art zu spielen mitbringt, auch wenn ihm der Hang zu vielen 50/50-Bälle durchaus auch negativ ausgelegt wird. 

Vergleich mit Favre

Sanchez vergleicht Wilson mit Brett Favre, Wilson sei nicht der typische "Fünf-Schritte-Typ", sondern einer, "der hinter seinem Rücken zum Fullback wirft. Es macht so viel Spaß, ihm dabei zuzusehen." Soll heißen: Wenn es chaotisch in der Pocket wird, blüht Wilson erst so richtig auf.

Es sind eine Menge Vorschusslorbeeren, die Wilson einheimst. "Ich glaube, er ist eine Art Generationen-Talent", sagte NFL-Legende Steve Young. "Dabei geht es um mehr als darum, wie er den Football wirft. Es ist sein Verhalten und seine Fähigkeiten. Ich glaube wirklich an den Jungen."

Auch wenn Young weiß, dass es beim Wachsen im Haifischbecken NFL weh tun kann, vor allem an so einem schwierigen Ort wie New York.

Denn: Es kommt bei einem Quarterback nicht nur auf den Arm an, es spielen zahlreiche Punkte eine Rolle, viele Fäden laufen zusammen, die einen Spielmacher zu dem machen, was er in den Hoffnungen der Teams ist: der zukünftige Franchise-Quarterback. 

Das Gesicht des Klubs. Anführer, Macher, Erfolgsgarant. Im Idealfall.

Was bei Wilson von den Kritikern gerne angeführt wird, sind die vergleichsweise leichten Gegner, die er mit der BYU 2020 hatte. Darunter war kein Power-5-Gegner und nur zwei gesetzte Teams. Wilson steht gegen Power-5-Kontrahenten in seiner College-Karriere bei einer 3:4-Bilanz, gegen andere Gegner sind es 16:5-Siege. Ausbaufähig sind zudem seine Entscheidungen unter Druck. Daran kann man freilich arbeiten.

Erobert er auch die Kabine?

Doch die Dinge, die Teams ebenfalls evaluieren, haben nicht nur etwas mit den sportlichen Fähigkeiten zu tun. Wie kommt Wilson zum Beispiel in der Kabine an, wie gibt er sich im Huddle, wie gewinnt er das Vertrauen seiner Mitspieler, seiner O-Line, die ihn beschützen soll?

So gibt es durchaus Leute, die meinen, er habe charakterliche Probleme. So soll er egoistisch, arrogant und kein Anführer sein, wurde ein NFC-Direktor zitiert, wobei anonyme Verrisse immer mit Vorsicht zu genießen sind. Fakt ist, dass er von seinen Teamkollegen nicht zum Kapitän gewählt wurde.

Fürsprecher führen an, dass Wilson tatsächlich als arrogant herüberkommen kann, da dies schnell mit einem gesunden Selbstbewusstsein verwechselt wird. Unter dem Strich ist es für ihn ein gutes Training, dass im harten NFL-Geschäft nicht immer der Kuschelkurs eingeschlagen wird.

Wird Wilson also wie erwartet von den Jets ausgewählt, richten sich sofort alle Augen auf den Neuen. Der Druck steigt, die Erwartungen werden riesig sein, die Aufmerksamkeit ebenfalls.

Auch das steht bereits vor einem Draft fest.

Andreas Reiners

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