Blick über den Spielfeldrand hinaus: Bei den Seattle Seahawks wurde ein ganz... - Bildquelle: Getty ImagesBlick über den Spielfeldrand hinaus: Bei den Seattle Seahawks wurde ein ganzes Team-Meeting zur Diskussion über das aktuelle Weltgeschehen genutzt © Getty Images

Seattle/München - An virtuelle Meetings haben sich die Profis der Seattle Seahawks längst gewöhnt. Doch das vom Montag wird ihnen dennoch lange in Erinnerung bleiben. Dank Head Coach Pete Carroll, der zwar schon 25 Jahre Teil der NFL ist, aber nur zu gut weiß, dass das Leben nicht hinter der Endzone oder neben der Seitenlinie endet. Sondern eigentlich dort erst anfängt.

Deshalb ließ der 68-Jährige bei diesem Team-Termin NFL und American Football ganz einfach NFL und American Football sein. Und gab seinen Profis die Chance, über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen.

 

USA wegen Floyd-Tod vor Zerreißprobe

Denn der durch Polizeigewalt herbeigeführte und völlig sinnlose Tod des Kleinkriminellen George Floyd wühlt nicht nur die afroamerikanische Gesellschaft in den USA auf. Er stellt das ganze Land vor eine Zerreißprobe, die auch auf anderen Erdteilen widerhallt.

Was natürlich auch an den NFL-Athleten nicht spurlos vorbeigeht. Unabhängig von deren Hautfarbe. Team-Kapitän Bobby Wagner gab nach der Team-Runde per Video-Statement Einblick in sein Innenleben und lobte speziell den Coach für dessen besonderes Gespür.

"Gefühle, Emotionen und Zorn ausdrücken"

"Coach Carroll nimmt sehr genau wahr, was vor sich geht. Deshalb haben wir heute nicht über Football gesprochen, sondern uns darauf fokussiert, was in der Welt abgeht", erklärte der Linebacker: "Wir haben jedem die Möglichkeit gegeben, seine Gefühle, seine Emotionen und seinen Zorn auszudrücken. Denn am Ende des Tages ist das Leben bedeutender als Football."

Für ihn und wohl auch seine Teamkollegen habe es sich angefühlt "wie ein Rauschmittel, denn viele unterdrücken ihre Gefühle und Emotionen eher, und nun eine Plattform dafür zu bekommen, war großartig".

Wagner verlässt Demonstration vor Eskalation

Wagner hatte am Samstag selbst an friedlichen Protesten in Seattle teilgenommen. Er zog sich jedoch schnell zurück, als die Lage zu eskalieren drohte, weil ein Weißer einen Gegenstand nach einem Polizisten geworfen hatte.

Diese "schwarzen Schafe" unter den Demonstranten sind mittlerweile zahlreich. Umso mehr appelliert Wagner an die Journalisten: "Ihr Jungs spielt eine wirklich wichtige Rolle bei dem, was gerade los ist, denn ihr seid ein Teil dieser Geschichte."

"Wir reden nicht darüber, wie es begonnen hat"

Ihn beschleiche "das Gefühl, dass es vor allem um die Randale und die Plünderungen geht, Menschen klauen Zeug, aber wir reden nicht genug darüber, wie das begonnen hat". Darauf müsse jedoch der Fokus liegen.

"Die schwarze Gemeinschaft hat es satt, immer wieder die gleichen Dinge zu erleben und keinen Wandel zu sehen", wettert der sechsmalige Pro Bowler: "Wir haben es satt, dass Menschen für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen werden, während wir wissen, dass wir in dieser Position sehr wohl zur Rechenschaft gezogen würden."

Aufwühlende statt spektakuläre Bilder

Deshalb solle es bei den aktuellen Aufständen nicht um die spektakulärsten Bilder gehen. Sondern die Szenen, die aufwühlen und zum Nachdenken animieren.

"Berichtet auch über die friedlichen Proteste. Berichtet über die Menschen, die Gutes tun, denn davon gibt es dort draußen eine Menge", betont Wagner: "Es gibt viele Menschen, die einen Wandel in der Welt sehen wollen und nicht mehr die aktuellen Zustände."

"Herausfinden, was wir für eine Besserung tun können"

Es genüge jedoch nicht, sich schlicht von der aktuellen Nachrichtenlage berieseln zu lassen: "Ich ermahne jeden, sich selbst zu bilden, herauszufinden, was wir für eine Besserung tun können."

Er selbst habe darauf nicht alle Antworten parat. Nur so viel: "Ich bin verletzt, ich bin wie jeder andere genervt, ich habe es wie jeder andere satt und ich möchte etwas anderes sehen, aber dafür benötigen wir eine Führung. Und diese Führung haben wir aktuell nicht."

Klar, dass er damit die USA meint. Und nicht etwa seine Seahawks.

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