Wer ist/war hier der Boss? Aaron Rodgers (r.) muss oder darf bei den Green B... - Bildquelle: Getty ImagesWer ist/war hier der Boss? Aaron Rodgers (r.) muss oder darf bei den Green Bay Packers jetzt ohne Mike McCarthy arbeiten © Getty Images

Green Bay/München - Das Ende kam dann doch abrupt. Nicht einmal drei Stunden, nachdem die unerwartete und ebenso unnötige 17:20-Pleite der Green Bay Packers gegen die Arizona Cardinals feststand, war Mike McCarthy seinen Job los. Nach fast 13 Jahren und neun Playoff-Teilnahmen.

Es drängte sich schon der Eindruck auf, die Verantwortlichen um Chief Executive Officer Mark Murphy wollten in der Personalie nicht noch mehr Zeit verlieren. Nachdem die Hoffnung auf Besserung einmal mehr ausgeblieben und der Playoff-Zug damit wohl endgültig ohne die Franchise aus Wisconsin abgefahren war.

McCarthy von Entlassung überrascht

Die Trennung vom 55-jährigen Head Coach überraschte letztlich niemanden mehr rund um die NFL. Der Zeitpunkt dagegen eben schon. Auch McCarthy selbst, der laut "ESPN"-Reporter Adam Schefter nicht mit dem Schritt gerechnet habe. Immerhin ist er der erste verantwortliche Packers-Trainer seit 65 Jahren, der in einer Saison ausgetauscht wird - damals kündigte Gene Ronzani seinen Job zwei Spiele vor Ende der Regular Season.

McCarthy ist nach der zweitlängsten Ära in Green Bay nach Curly Lambeau nun also Geschichte. Geblieben sind viele Fragen - auch diese: Welche Rolle spielte Aaron Rodgers, der allmächtige Quarterback?

McCarthy opferte einst Favre für Rodgers

General Manager Brian Gutekunst verneinte, dass der Superstar mit der Entlassung zu tun habe. Aber nicht wenige Experten halten Rodgers für die treibende Kraft hinter dem Abschied seines langjährigen Weggefährten. Zur Erinnerung: McCarthy war es auch, der Rodgers 2008 auf Kosten von Brett Favre - einem weiteren Meister seines Fachs - zum Starting Quarterback beförderte. Eine Packers-Legende musste ihre Koffer packen, damit ein anderer Stern an Green Bays Himmel erstrahlen konnte.

Mehr als zehn Jahre später schimpft der anerkannte TV-Journalist Stephen A. Smith bei "ESPN" über eben jenen Packers-Stern: "Er hat Mike McCarthy aufgegeben. Man hat ihm angemerkt, dass er zeigen wollte: 'Ich glaube nicht mehr an diesen Kerl. Werft ihn verdammt nochmal raus.'"

"Wie ein Primadonna-Basketballer in der NBA"

Noch drastischer drückt sich in einer anderen "ESPN"-Sendung der frühere Packers-Profi Mark Chmura aus. "Aaron sieht bei der Sache nicht gut aus", wettert der dreimalige Pro-Bowler und Super-Bowl-Champion der Saison 1996: "Vielleicht ist er damit glücklich, aber Aaron, für mich wirkst du dabei wie ein Primadonna-Basketballer in der NBA, der seinen Coach loswerden will." Harte Worte des Tight End!

Zumindest eine Mitschuld sieht auch ranNFL-Experte Volker Schenk beim Quarterback. In "Fantasy Manager - die ranNFL Webshow" (jeden Donnerstag ab 18:30 Uhr im Livestream auf ran.de und unserer Facebook-Seite) wirft er Rodgers vor, "das Team allgemein durch seine Laune ein Stück" runterzuziehen. Weiter betont Schenk: "Wenn du ein GOAT bist, dann gehst du rein und reißt die Jungs vom Hocker. Du musst ein Leader sein."

Rodgers-Saison unter keinem guten Stern

Genau das ist der Superstar in dieser Saison aber höchst selten. Wobei zu seinem Schutz festzuhalten ist: Rodgers verletzte sich am 1. Spieltag beim Comeback-Sieg über die Chicago Bears am linken Knie, beißt seither auf die Zähne und läuft Woche für Woche auf. Inwiefern ihn die Blessur noch in seinen Bewegungen einschränkt, wissen nur die Packers.

Die Statistiken belegen jedenfalls, dass es nicht die Saison des Aaron Rodgers ist. Seine Completion-Rate von 61,8 Prozent ist die zweitschlechteste in seiner Zeit als Starter. Laut "Pro Football Focus" warf er vor dem Spiel am Sonntag bereits 47 Bälle weg - etwa um einen Sack zu verhindern. Damit gibt er jeden zehnten Pass auf - Ligadurchschnitt ist demnach ein weggeworfener Ball bei 28 Pässen.

 

Zweitschlechtestes QB-Rating der Saison

Gegen die Cardinals, die zuvor nur zwei Spiele gewonnen hatten, brachte er an seinem 35. Geburtstag ein Quarterback-Rating von 79,8 zustande. Sein zweitschlechtester Wert dieser Saison, der die erste Heimschlappe und die siebte Pleite insgesamt zur Folge hatte. Peter King von "NBC Sports" nennt Rodgers' jüngste Darbietungen "grenzwertig desinteressierten Football".

Der dreimalige US-Sportjournalist des Jahres lässt aber auch an McCarthy und dessen Coaching Staff kein gutes Haar. Die Passing Offense sei "veraltet", die Spielzüge wären selbst für Laien vorhersehbar.

Rodgers soll Calls oft überstimmt haben

Da scheint es wenig verwunderlich, dass Rodgers seinem eigentlichen Chef zuletzt laut "Sports Illustrated" häufiger unter die Arme griff, als dem lieb sein kann. "Er änderte die Calls so häufig, dass es für McCarthy schwierig war, in einen Rhythmus zu kommen", schreibt Kalyn Kahler. Für Kollege Albert Breer ist es fast ein Wettbewerb um die Frage: "Wer hat den besseren Call gemacht?"

NFL-Fantasy-Experte Michael Fabiano verwundert derweil vor allem McCarthys Personalentscheidung in Sachen Running Backs. So hätte Aaron Jones gegen die Cardinals nur vier Bälle mehr bekommen als sein Backup Jamaal Williams. Dabei hat Ersterer 2018 bislang 820 Scrimmage Yards für acht Touchdowns zurückgelegt, Letzterer dagegen eher bescheidene 384 Scrimmages Yards inklusive einem Touchdown.

Receiver lassen Pässe für 201 Yards fallen

Allerdings ist auch festzuhalten: Die Receiver um Rookie Equanimeous St. Brown lassen Rodgers' Pässe teilweise fallen, als wären die Bälle heiße Kartoffeln. "ESPN" zufolge kosteten diese Drops unfassbare 201 Yards - ein Höchstwert.

Da kann der Quarterback schon mal verzweifeln. Und landet letztlich dann doch wieder bei seinem Head Coach. Wann genau die Beziehung Rodgers-McCarthy nicht mehr zu kittende Risse bekam, wird sich wohl nie aufklären. Aber in diesem Jahr deutete der sechsmalige Pro-Bowler oft genug an, dass ihm die Entscheidungen des Coaches missfielen.

 

Ärger wegen QB-Coach und Nelson

Los ging es schon im Januar, als Frank Cignetti als neuer Quarterback Coach eingestellt wurde. Auf Wunsch von McCarthy, der Rodgers bei der Entscheidung links liegen ließ. Kurz vor dem Super Bowl in Minneapolis echauffierte sich der Übergangene via "ESPN": "Ich denke, dass ist ein wichtiger Tausch, ohne mich anzuhören. Es besteht eine enge Verbindung zwischen dem Quarterback und dem Quarterback Coach und es war eine interessante Entscheidung."

Keine zwei Monate später musste Jordy Nelson seine Koffer packen. Rodgers' über zehn Jahre bewehrte und längst favorisierte Anspielstation wurde vor dem letzten Vertragsjahr für 10,2 Millionen US-Dollar mehr Cap Space geopfert.

Rodgers verabschiedet Kumpel und schießt gegen Coaches

Rodgers verabschiedete seinen Kumpel via Instagram. Dort schrieb er: "Kein Teamkollege verkörpert die Packers so sehr wie er." Oder: "Es wird hier nie wieder jemanden geben wie den 'Weißen Blitz'." Weitere Anzeichen, dass ihm das Vorgehen überhaupt nicht schmeckte.

Die Retourkutsche folgte schon früh in der Saison. Nach dem 22:0 über die Buffalo Bills am 4. Spieltag ereiferte sich Rodgers: "Wir waren schrecklich in der Offense. Die Defense spielte wie ein Championship-Team, die Offense nicht auf Playoff-Niveau."

McCarthy kritisiert Rodgers nie öffentlich

McCarthy hingegen verlor öffentlich nie ein böses Wort über seinen wichtigsten Spieler. Weil das nicht seinem Naturell entspricht? Oder weil er wusste, wie ein solches Kräftemessen enden würde?

Rodgers jedenfalls kotzte sich Woche für Woche vor der Presse aus. "Es sind leider die gleichen Dinge, die wir jede Woche ansprechen. Wir befinden uns einfach nicht immer auf der selben Wellenlänge", haderte er am Sonntag einmal mehr resignierend: "Es ist immer der gleiche Mist. Schlechte Würfe, nicht auf der selben Wellenlänge wie die Receiver, falsche Tiefe, Absicherung - wir haben alle unseren Anteil."

Nicht nur an Rodgers gescheitert

Den Kopf musste dafür am Ende nur einer hinhalten. McCarthy ist sicher auch, aber nicht nur an Rodgers gescheitert. "Die Packers haben sich sicherlich gefragt: Hat Aaron Rodgers das Potenzial, uns in den Super Bowl zu bringen? Ja, auf jeden Fall! In Zusammenhang mit Mike McCarthy? Nein!", analysierte ranNFL-Experte Patrick Esume die zweite Head-Coach-Entlassung der Saison.

Womöglich wäre die Ära McCarthy in Green Bay ohne einen unantastbaren Quarterback wie Rodgers trotz der jüngsten Durststrecke am Sonntag nicht beendet worden. Wahrscheinlich hätte sie dann aber auch gar nicht so viele Jahre überdauert.

Marcus Giebel

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