Brian Schottenheimer (li.) war drei Jahre als Offensive Coordinator in Seatt... - Bildquelle: twitter.com/brgridironBrian Schottenheimer (li.) war drei Jahre als Offensive Coordinator in Seattle beschäftigt. © twitter.com/brgridiron

München/Seattle - Nach einer Saison die nicht vielversprechender hätte beginnen können, trennten sich die Seattle Seahawks überraschend von ihrem Offensive Coordinator Brian Schottenheimer. 

Der Abgang des 47 Jahre alten Coordinators ist einerseits sehr tragisch, könnte andererseits aber auch ein richtiger Schritt für den zukünftigen Erfolg der Seahawks sein.

Bittere Enttäuschung

"Wir sind alle sehr enttäuscht über das Ergebnis", gab ein geknickter Pete Carroll nach der 20:30-Niederlage gegen die Los Angeles Rams zu Protokoll.

Der langjährige Seahawks-Head-Coach musste nach der Partie ein weiteres frühes Aus in den Playoffs verkraften, schien aber gleichzeitig schon den Schlüssel für den zukünftigen Erfolg des Klubs gefunden zu haben.

"Wir müssen den Ball besser laufen - nicht nur besser laufen, sondern vor allem mehr laufen. Ich weiß, dass die Fans es nicht gerne hören wollen."

Wie der 69-Jährige anschließend versicherte, sei die Aussage keineswegs als Kritik an Offensive Coordinator Brian Schottenheimer gerichtet, stattdessen zähle er darauf, dass "jeder auch im nächsten Jahr an Bord" sei.

Keine 24 Stunden später musste Schottenheimer sein Büro räumen. "Brian Schottenheimer ist ein fantastischer Mensch und Coach, wir danken ihm für die vergangenen drei Jahre", erklärten die Seahawks in einem Statement.

Als offizieller Trennungsgrund benennt das Schreiben "philosophische Differenzen" - genauere Angaben gab es nicht.

Die Seahawks-"Küche" läuft heiß

Lange Zeit hatten sich die Anhänger der Seahawks eine stärkere Fokussierung auf das Passspiel gewünscht. Spielmacher Russell Wilson sollte mit seinen Armen über den Ausgang eines Spiels entscheiden und damit seiner Rolle als einer der besten Quarterbacks in der NFL gerecht werden.

Anfang September 2020 wurden ihre Wünsche schließlich erhört. In den sozialen Medien wurde der Hashtag "Let Russ Cook" (zu deutsch etwa: "Lasst Russ abliefern") zu dem geflügelten Begriff eines Angriffsspiels, das die Liga so nur selten zuvor gesehen hatte.

In der Folge konnte Wilson den Ball fast beliebig über das Feld verteilen, eine dominante Leistung folgte auf die andere. Die Statistiken des 32-Jährigen schossen in die Höhe, kein anderer Passgeber konnte mit Wilsons Touchdowns, Completions und Passer Rating mithalten.

Das Laufspiel um Running Back Chris Carson, welches in den vergangenen Jahren eigentlich ein Erfolgsgarantie für die Seahawks war, würde vernachlässigt. Stattdessen freuten sich die Anhänger über die Big Plays von Wilson und seinem neuen Lieblingsreceiver D.K. Metcalf.

Schottenheimer hatte ein Konzept erarbeitet, welches in der ersten Saisonhälfte einen Rekord nach dem anderen zu Fall bringen, ihn letztlich aber auch den Job kosten sollte.

Ein bekannter Name

Der Name Schottenheimer ist dabei kein Unbekannter in den Analen der NFL: Brians Vater Marty Schottenheimer ist einer der erfolgreichsten Head Coaches, dem es nie gelang einen Super Bowl zu gewinnen.

Als Hauptübungsleiter bei den Cleveland Browns, Kansas City Chiefs, Washington Redskins und San Diego Chargers verließ sich Schottenheimer Senior dabei auf ein intensives Laufspiel. "Marty Ball", wie die Offense genannt wurde, sollte Zeit von der Uhr nehmen und dabei die gegnerische Abwehr sukzessive zermürben. 

Anders als bei dem heute 77-Jährigen nahm das Laufspiel in der Offense der Seahawks eine eher untergeordnete Rolle ein. Mit durchschnittlich 123,2 Yards belegte Seattle einen soliden 12. Platz, ein Großteil der insgesamt fast 6.000 Yards wurden in der Regular Season aber durch die Luft erzielt.

Wende in Glendale

Bis zum Gastspiel bei den Arizona Cardinals am 7. Spieltag hatte Wilson unter Schottenheimers Leitung eine perfekte Saison gespielt, danach brach das fragile Kartenhaus langsam in sich zusammen.

Der risikobereite Spielstil forderte langsam seinen Tribut: Wilson leistete sich teilweise haarsträubende Fehlwürfe, während die offensive Produktion gleichzeitig langsam in den Keller fiel. Konnte der Spielmacher während der ersten fünf Spiele noch 19 Touchdowns erzielen, waren es in der kompletten restlichen Saison nur noch 23.

Die Zahl der Interceptions verdreifachte sich, bis zum ersten Spiel gegen die Cardinals hatte Wilson nur drei Fehlwürfe verbucht - zum Saisonende sollten es insgesamt 13 sein.

Die Effektivität der Offense nahm in der Folge von Spiel zu Spiel ab und kulminierte letztlich in der bitteren Playoff-Niederlage gegen die Rams. Bis tief im vierten Quarter kam das Passspiel nicht über 120 Yards hinaus, am Ende sollten es gerade einmal 174 Yards, bei zwei Touchdowns und einem Pick Six sein.

Emotionaler Abschied

Trotz einer letztlich erfolglosen Saison lässt sich der unmittelbare Ertrag von Schottenheimers Offensive nicht von der Hand weisen, das weiß auch Head Coach Pete Carroll: "Wir haben mehr Punkte erzielt als jeder andere Team in der Geschichte dieser Franchise."

Russell Wilson spielte lange Zeit die beste Saison seiner Karriere und profitierte wie kein Zweiter von der Fokussierung auf das Passspiel. Mit Ausnahme von NFL-Legende Peyton Manning gibt es nach den ersten vier Spieltagen keinen besseren Quarterback (beide Spieler stehen bei 16 Touchdowns nach vier Saisonspielen).

Umso emotionaler wurde Wilsons Statement zum unerwarteten Abschied von Schottenheimer: "Schotty, ich bin dir unendlich dankbar für das, was du mir in den letzten drei Jahren bedeutet hast."

"Gott hat mich mit dir gesegnet, wir haben eine Menge Spiele gewonnen, Touchdowns erzielt und hatten großen Spaß in den Meetings. Die besten Zeiten liegen noch vor dir", versicherte Wilson auf Twitter.

Eine neue Zeitrechnung

Wie genau es für Schottenheimer und die Seattle Seahawks nun weitergehen wird, ist noch unklar. Die unerwartete Trennung bringt nun eine neue Dynamik in das sich schnell drehende Trainerkarussell der NFL, schließlich galt auch Schottenheimer lange Zeit als heißer Kandidat für einen Job als Head Coach.

Über seinen Nachfolger kann bislang nur spekuliert werden, allerdings scheint eine erste Spur zu Shane Steichen zu führen. Steichen wirkte zuletzt als Offensive Coordinator der Los Angeles Chargers und wäre nach Informationen von NFL-Insider Mike Garafolo wohl ein potenzieller Kandidat.

 

Durch das frühe Ausscheiden steht Seattle trotz einer aufregenden Saison mit leeren Händen da. Nach 17 aufregenden und offensiv-geprägten Spielen haben sich die Verantwortlichen um Pete Carroll und General Manger John Schneider zu einem radikalen Umbruch entschlossen. 

Die tollen Spielzüge und Big Plays aus der Feder von Brian Schottenheimer werden den Anhängern der Seahawks jedoch ohne Zweifel lange in Erinnerung bleiben. 

Tom Offinger

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