Während Peyton Manning (l.) in der NFL eine Trophäe nach der anderen gewann,... - Bildquelle: Getty ImagesWährend Peyton Manning (l.) in der NFL eine Trophäe nach der anderen gewann, hatte Ryan Leaf mit persönlichen Dämonen zu kämpfen. © Getty Images

München/Los Angeles - 1998 galt Ryan Leaf als kommender NFL-Superstar und wurde vor dem Draft als ebenbürtiger Konkurrent von Peyton Manning angesehen. Die Indianapolis Colts, Besitzer des Nummer-eins-Picks im Draft, zerbrachen sich lange den Kopf darüber, wen sie zu ihrem nächsten Franchise-Quarterback machen sollen.

16 Jahre später hatten sich die beiden Karrieren in extrem unterschiedliche Richtungen entwickelt: Peyton Manning war gerade dabei, seinen zweiten Super-Bowl-Ring zu gewinnen und wurde bereits fünfmal als NFL-MVP ausgezeichnet. Ryan Leaf saß in einer Gefängniszelle in Texas.

"Ich hatte keine Identität. Ich war dieser gescheiterte Football-Spieler. Die Leute haben mich als Bust (Spieler, der den Erwartungen nicht gerecht wird, Anm. d. Red.) beschimpft und für mich hieß das nicht nur, dass ich ein schlechter Spieler bin, sondern auch ein schlechter Mensch. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Das hat mich auf einen zerstörerischen Pfad geführt. Ich musste mich entscheiden: Versuche ich, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen oder will ich einfach verschwinden und sterben", erzählt Leaf in der "Rich Eisen Show".

Drastische Worte, die dennoch zutreffend sind. Denn während Manning einen Award nach dem anderen gewann, war Leaf nicht nur in der NFL gescheitert. Der heute 42-Jährige hatte mit Drogenproblemen und inneren Dämonen zu kämpfen, die nicht nur seine Sportler-Karriere beeinträchtigten.

Draft 1998: Kopf-an-Kopf Rennen zwischen Manning und Leaf

Dabei begann Leafs Weg äußerst vielversprechend. Nach einer glänzenden College-Karriere für die Washington State Cougars, galt Leaf gemeinsam mit Manning als bester Spieler im NFL-Draft 1998. "Die eine Hälfte der Scouts wollte Manning, die andere Leaf. Die Manning-Befürworter wurden von seinem Intellekt überzeugt. Die Leaf-Befürworter argumentierten, dass er ein außergewöhnlicher Athlet sei, viel besser als Manning", erinnerte sich der damalige General Manager der Colts, Bill Polian, bei der "New York Times".

"Er konnte den Ball aus dem Stand 80 Yards weit werfen", schwärmte Leafs ehemaliger College-Teamkollege Jason McEndoo. 

Manning galt als leichter Favorit, allerdings glaubten fast alle Scouts, dass beide Quarterbacks zu Stars werden würden. Die Colts entschieden sich letztendlich für Manning. Die San Diego Chargers wählten Leaf ohne zu zögern an zweiter Stelle. Die Chargers hatten extra nach oben getradet, um sicherzustellen, dass sie einen der begehrten Youngster bekommen würden. "Uns gefielen beide. Wir dachten, wir könnten da gar nicht verlieren", berichtet Kevin Gilbride, der damalige Coach der Chargers.

Doch erste Warnsignale gab es schon damals. "Er war ein arroganter Kerl und damit hat er seine Teamkollegen vergrault. Ich glaube, er hat nur eine Stimme als Team-Captain bekommen", erinnert sich Leafs ehemaliger High-School-Coach Jack Johnson bei der "Times". Leaf schwänzte den letzten Tag der Einführungsveranstaltung, die für alle NFL-Neulinge verpflichtend ist, und musste 10.000 Dollar Strafe zahlen.

Leaf ist bei Teamkollegen unbeliebt

Nach zwei Siegen zu Beginn der Saison ging es für Leaf und die Chargers bergab. Im dritten Spiel gegen die Kansas City Chiefs brachte Leaf nur einen von fünfzehn Pässen für insgesamt vier Yards an den Mann. Dazu warf er zwei Interceptions und leistete sich vier Fumbles. Der hochgelobte Rookie stand erstmals wirklich in der Kritik - und war dieser Situation nicht gewachsen. Nach dem Spiel bekam Leaf in der Umkleidekabine einen Wutanfall und schrie einen Reporter an, der ihm kritische Fragen gestellt hatte. Dabei wurde er gefilmt und musste sich am nächsten Tag öffentlich entschuldigen. In der Woche darauf warf Leaf in der ersten Halbzeit vier Interceptions und wurde auf die Bank verbannt.

Nicht nur seine Leistung auf dem Feld erntete Kritik. "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so viel dafür getan hat, dass seine Teamkollegen ihn hassen", berichtet der damalige Chargers-GM Bobby Beathard bei "ESPN". Leaf war demnach arrogant und suchte die Schuld für seine schlechte Leistungen immer bei anderen. "Als Quarterback war er der Beste, mit dem ich je gespielt habe. Als Mensch hatte er Probleme damit, er selbst zu sein", sagt McEndoo.

Rücktritt nach nur vier Jahren

Die Chargers hielten es noch zwei weitere Jahre mit Leaf aus, doch 2001 war ihre Geduld am Ende und der einstige Hoffnungsträger wurde entlassen. Er versuchte sich noch erfolglos bei den Tampa Bay Buccaneers, den Dallas Cowboys und den Seattle Seahawks, bevor er 2002 im Alter von 26 Jahren seinen Rücktritt bekanntgab. Seine Bilanz: 25 Spiele, 3666 Yards, 14 Touchdowns, 36 Interceptions. "Das war der Tiefpunkt", sagt Leaf später, "dass ich nach vier Jahren freiwillig aufhören wollte. Als Football zu meinem Job wurde, hat das Spiel seinen Reiz für mich verloren", so Leaf. Nach seiner Zeit in der NFL heuerte er als Assistant Coach bei der West Texas A&M University an. Nachdem er einen seiner Spieler um Schmerzmittel gebeten haben soll, musste er zurücktreten.

 

Leaf war abhängig. 2013 brach er in zwei Häuser in Montana ein und stahl verschreibungspflichtige Medikamente. Er wurde gefasst und angeklagt. Nachdem er sich schuldig bekannt hatte, verbrachte er 32 Monate im Gefängnis. Der einstige NFL-Star war ganz unten angekommen. Doch das Gefängnis in Texas war auch der Ort, an dem Leaf einen Sinneswandel erlebte.

Sinneswandel im Gefängnis

Ein Kriegsveteran sagte Leaf, er solle damit aufhören, sich selbst zu bemitleiden. Der ehemalige Soldat forderte Leaf auf, in der Bibliothek anderen Gefangenen das Lesen und Schreiben beizubringen. "Es war das erste Mal, dass ich jemandem wirklich geholfen habe. Das hat mich verändert. Als ich aus dem Gefängnis gekommen bin, wusste ich, dass ich anderen Menschen helfen will", sagt Leaf.

Seit 2018 arbeitet er als Botschafter für die "Transcend Recovery Community". Ein Programm, das Drogenabhängigen beim Entzug helfen soll. Zudem hat Leaf seine eigene Stiftung gegründet, um Spenden für abhängige Menschen zu sammeln, die sich eine Behandlung nicht leisten können. Inzwischen lebt er mit seiner Verlobten in Los Angeles, hat sein Studium abgeschlossen und arbeitet erfolgreich als TV-Experte in den USA.

Er wirkt gefestigt und zufrieden. In einem offenen Brief an sein jüngeres Ich schreibt der Ex-Quarterback: "Ich habe nur einen Rat für dich - sei kein Arsch. Du wirst erstaunt sein, wie viel du zurückbekommst, wenn du Menschen mit Respekt und Würde behandelst. Und es fühlt sich richtig gut an", so Leaf.

Eine NFL-Legende, wie Peyton Manning, wurde Ryan Leaf nicht. Doch seine Identität scheint er gefunden zu haben.

Julian Huter    

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