Vor allem die schweren Jungs steigen aus. - Bildquelle: imago images/Icon SMIVor allem die schweren Jungs steigen aus. © imago images/Icon SMI

München - Es ist eine nicht zu unterschätzende Entscheidung, eine komplette NFL-Saison auszusetzen. Nicht nur, weil der Spieler auf Geld verzichtet, sondern auch auf wichtige Monate für die eigene Karriere. 

Immerhin üben die NFL-Profis bis zum Frühjahr 2021 ihren Beruf nicht so aus, wie sie es normalerweise getan hätten. Das kann Nachteile mit sich bringen.

Entscheidung respektieren

Die Gründe für den Rückzug inmitten der Coronavirus-Pandemie sind ebenso unterschiedlich wie persönlich. Und auch wenn es "nur" ist, weil man sich wegen des Virus generell unwohl fühlt, weil man sich sorgt, obwohl man nicht unbedingt zur Risikogruppe gehört - dass es nicht wenige Spieler sind, die die Chance ergreifen, "auszusteigen", sollte man respektieren. 

Genauso wie die Geschichten hinter den Entscheidungen.

"Ich bin am Ende meiner Karriere und wollte Football spielen. Aber wenn es darauf ankommt, denke ich, dass Geld nicht so wichtig ist", sagte Patriots-Profi Patrick Chung. Er hat eine schwangere Freundin, sein Sohn hat Asthma, sein Vater ist 75 Jahre alt. "Ich hatte einfach das Gefühl, dass dies die beste Entscheidung für meine Familie war, alle in Sicherheit zu bringen", sagte er.

Sein Teamkollege Dont'a Hightower ist gerade erst Vater geworden, hat eine Mutter, die an Diabetes leidet. Marcus Cannon hat Frau und drei Kinder und in der Vergangenheit bereits an Non-Hodgkin-Lymphon gelitten. Alle drei haben allerdings genug Geld verdient, um sich diese Entscheidung auch leisten zu können. 

Aber natürlich gehört das zur Privatsphäre, die Spieler müssen sich theoretisch nicht öffentlich erklären. Ganz grundsätzlich reicht auch ein Blick auf die aktuelle Entwicklung der Infektionszahlen, die seit Wochen steigen und steigen, die USA haben die Pandemie nie wirklich in den Griff bekommen.

Vor allem die schweren Jungs

Was bei den "Opt outs" auffällt: Die meisten Spieler, die auf die Saison verzichten, gehören zu den schweren Jungs der Liga. Also Guards, Tackles, Defensive Linemen. Sie sind nicht so athletisch wie Quarterbacks oder Wide Receiver, sondern eher der Typ Bulldozer. Wie Michael Pierce, Star Lotulelei, Eddie Goldman, Kyle Peko, Eddie Vanderdoes oder Chance Warmack.

Klar: Auf diesen Positionen sind Kraft und Masse angesagt. Echte Kolosse treffen da aufeinander. Da darf die Frage bereits beim ersten Anblick gestellt werden: Ist das tatsächlich noch gesund?

Dass die Lebensqualität der Spieler unter dem Druck, sich dem Spiel körperlich anpassen zu müssen, massiv leidet, ist nicht erst seit Corona ein Thema. Das natürliche Gewicht der Kanten liegt weit unter dem, was sie auf dem Feld mit sich herumtragen.

2004 waren 56 Prozent der NFL-Profis fettleibig

Während bei der Durchschnittsbevölkerung ein Körperfettanteil von 26-32 als normal gilt und einem BMI von 22 bis 25 entspricht, liegt der Körperfett-Anteil bei einem Athleten in der Regel zwischen sechs und 13 Prozent.

Bei Linemen bewegt sich der BMI meist ab 20 aufwärts.

Zahlreiche Studien zeigen, dass bei einem BMI von mehr als 25 die Wahrscheinlichkeit drastisch steigt, an Herz- und Nierenerkrankungen oder Diabetes zu leiden. Ab 30 gilt ein Mensch als fettleibig.

Zwar hat sich seit einer Untersuchung aus der Saison 2004, die auch im "Journal of the American Medical Association" erschien, viel getan, insbesondere im Bereich Ernährung, jedoch wurde damals bei 56 Prozent der 2.168 untersuchten NFL-Profis ein BMI von über 30 nachgewiesen.

Und auch Vergleiche aus den Zeiten von 2008 und 2020 zeigen, dass sich bei der Offensive Line wenig getan hat. Die Bodyguards der Quarterbacks bringen immer noch zwischen 135 und 145 Kilogramm auf die Waage. 

Vollmer hat Olivenöl gelöffelt

Super-Bowl-Sieger Sebastian Vollmer erklärte 2019 im "Tagesspiegel", wie es zu seiner aktiven Zeit war, verdeutlichte, wie groß das Thema Gewicht auf besagten Positionen ist. Ein Dauerthema. Eine Dauer-Baustelle.

"Ich habe becherweise Haferflocken gegessen, becherweise Nüsse. Dazu viele Flüssigkeiten, weil die leichter zu verdauen sind. Ich hatte immer Panik, wenn ich auf die Waage gegangen bin und gemerkt habe: ups, ich habe Gewicht verloren. Dann haut man sich danach automatisch kalorienhaltige Sachen rein" sagte er.

"Manchmal habe ich Olivenöl gelöffelt, ein Löffel davon hat 110 Kalorien. Das sind die kleinen Tricks, um die Statur zu halten. Das geht vielen in meiner Gewichtsklasse so."

Neues Aussehen

Vollmer hat dabei zumindest versucht, sich gesund zu ernähren, was nicht alle hinbekommen. Nach seinem Karriereende hat sich der frühere Offensive Tackle verändert. Immer noch Hüne mit über zwei Metern und 130 Kilogramm, inzwischen aber dünner wirkend. Muskeln statt Masse.

Was zeigt, wie krass die Profis während ihrer Karriere ihren Körper auf die Aufgabe ausrichten. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

Aber: Auch hier bekommen nicht alle den Wandel zurück auf ein gesundes Maß hin, es gibt Spieler, die gehen nach ihrer aktiven Karriere noch mehr auseinander.

Da unter anderem Fettleibigkeit zu den Risikofaktoren bei einer Corona-Infektion gehört, ist es nicht auszuschließen, dass dies der Grund für die auffallende Flucht auf diesen Positionen ist.

Die Spieler haben bei der Entscheidung die Wahl zwischen einem freiwilligen Ausstieg oder einem "Risiko-Ausstieg". In dem Fall gehören die Spieler durch Vorerkrankungen wie Diabetes, Asthma, Krebs oder Fettleibigkeit zur Corona-Risikogruppe.

Die "Freiwilligen" bekommen trotzdem für die Saison 150.000 Dollar, die Profis mit Vorerkrankungen 350.000 Dollar.

Doch auch hier gilt: Die Entscheidung gilt es zu respektieren. Schließlich ist sie nicht zu unterschätzen.

Andreas Reiners

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