Rasanter Aufstieg: Freddie Kitchens ist knapp ein Jahr nach seinem Einstieg ... - Bildquelle: Getty ImagesRasanter Aufstieg: Freddie Kitchens ist knapp ein Jahr nach seinem Einstieg als RB-Coach bei den Cleveland Browns der neue Head Coach © Getty Images

Cleveland/München - Wenn Freddie Kitchens seine Route durch die NFL beschreibt, greift er auf ein Zitat eines Mentors von Martin Luther King zurück. "Wer im Spiel des Lebens hinterherhinkt, muss eben schneller laufen, um aufzuholen", hatte der baptistische Pastor Benjamin E. Mays vor rund einem Jahrhundert festgestellt.

Im vergangenen Dezember wiederholte Kitchens diese inspirierende Passage. Als er höchstens erahnen konnte, dass die Cleveland Browns ihm den Job als Head Coach für die Saison 2019 anvertrauen würden. Sein damaliger Zusatz lautete: "Ich denke, dass ich mein ganzes Leben lang schnell gelaufen bin."

2018 als RB-Coach zu den Browns gestoßen

Die Überholspur als natürlicher Lebensraum. Zumindest für seine Zeit bei den Browns bestehen da keine Zweifel. Erst vor einem Jahr stieß Kitchens zum Prügelknaben der Liga. Als Coach für die Running Backs. Die breite Öffentlichkeit nahm erst so wirklich Notiz von ihm, als er infolge der Entlassung von Head Coach Hue Jackson und Offensive Coordinator Todd Haley nach der Hälfte der Regular Season den Posten des Letzteren übernahm.

Unter Kitchens agierte die Offense um Rookie-Quarterback Baker Mayfield im Vergleich zu den ersten acht Saisonspielen wie ausgewechselt. Nur ein paar Beispiele: Die Passquote des First-Overall-Picks des Draft 2018 stieg um zehn auf 68 Prozent, die Passing Yards nahmen von 1471 in acht Partien auf 2254 in ebenso vielen Partien mächtig zu, auf acht Touchdown-Pässe folgten 19 weitere. Keine Frage: Kitchens beschleunigte Mayfields Metamorphose zum Franchise Quarterback.

Bei Sacks unter Kitchens die Nummer eins 

Aber nicht nur der Signal-Caller blühte auf. Auch die O-Liner performten plötzlich auf Playoff-Niveau: Fünf zugelassene Sacks in den acht Partien unter OC Kitchens sind Ligabestwert. Zuvor waren es satte 33!

Die wichtigste Statistik: Fünf Siege standen drei Niederlagen gegenüber. Hochgerechnet auf die ganze Saison hätte das für den ersten Division-Titel seit dem Neueinstieg der Browns 1999 genügt. Ergo: Cleveland hätte erstmals nach 16 Jahren wieder Playoff-Football erlebt.

Kein typischer Browns-Move

Zurück zur Realität. Dass die die notorisch erfolglose Franchise bei dem Bestreben, endlich mal wieder Teil der Postseason zu sein, nicht etwa auf Interims-Head-Coach Gregg Williams sondern eben auf Kitchens setzen, wirkt zunächst zwar wie ein typischer Browns-Move.

Doch John Dorsey ließ schon vor den Interviews der vergangenen Tage durchblicken, dass er die Arbeit des 44-Jährigen extrem schätzt. "Er hat dafür gesorgt, dass der Quarterback den Ball schneller loswird", lobte der General Manager den Emporkömmling: "Und er hat ihm mit seinem Fingerspitzengefühl und diversen Routen-Kombinationen sehr geholfen."

Kitchens sticht Stefanski aus

Mayfield soll bei der Wahl des neuen Head Coaches - als zweiter heißer Kandidat galt bis zuletzt Kevin Stefanski, OC der Minnesota Vikings - mit einbezogen worden sein. Es gab sogar Gerüchte, der Signal-Caller wäre bei den Interviews zugeschaltet worden. Das wurde jedoch umgehend dementiert. Dennoch: Dem mit enormen Veranlagungen gesegneten 23-jährigen dürfte die Entscheidung sehr gut schmecken.

Kitchens gilt als aggressiver Caller. Und einer, der den Gegner immer wieder überrascht. So ließ er Receiver Jarvis Landry zweimal werfen, Mayfield tobte sich hinter der Line of Scrimmage aus. Tempo, Tempo, Tempo - Kitchens hat keine Zeit zu verlieren.

"Etwas vorbereiten oder direkt punkten"

Der neue Head Coach selbst beschwichtigt zwar: "Es ist nicht nötig, mit jedem Call das Spiel gewinnen zu wollen, aber man will damit etwas vorbereiten oder direkt punkten." Bei Mayfield, Landry und dem enorm aufstrebenden Running Back Nick Chubb scheint er damit einen Nerv getroffen zu haben.

Dem zweifachen Familienvater selbst blieb der Sprung in ein NFL-Roster verwehrt. In den 90ern führte er mit Alabama Crimson Tide eines der renommiertesten College-Teams als Quarterback an. Kitchens spielte sich in vielen team-internen Ranglisten auf Topplätze, ergatterte sogar eine Ernennung zu "Mr. Football" in seinem Heimatstaat Alabama.

Mit Witten und den Cowboys begann das NFL-Abenteuer

Den ersten Schritt in die NFL aber machte er als Tight Ends Coach bei den Dallas Cowboys. Zwölf Jahre ist das nun schon her. Einer seiner damaligen Schützlinge war kein Geringerer als Jason Witten, der am Ende der Saison im Pro Bowl stand.

In den folgenden elf Spielzeiten war Kitchens dann Teil des Coaching Staff bei den Arizona Cardinals. Als Quarterback Coach stimmte er Carson Palmer ein, der in dieser Zeit die Cardinals-Saisonrekorde für Passing Yards (4671) und Touchdown-Pässe (35) einheimste. 2015 stellten die "Cards" die beste Offense der Liga - auch dank des Tandems Palmer-Kitchens.

 

Von drei früheren SB-Champions gelernt

Als Assistent lernte Kitchens von drei früheren Super-Bowl-Siegern: Bill Parcells, Ken Whisenhunt und dem just zu den Tampa Bay Buccaneers gegangenen Bruce Arians. Letzterer war auch beim prägendsten Erlebnis seit seinem Sprung in die NFL an seiner Seite.

Im Sommer 2013 musste sich Kitchens erblich bedingt einem Eingriff am Herzen unterziehen. Dadurch habe sich sein Blick auf das Leben komplett verändert: "Ich hatte schon vorher das Gefühl, ich würde jeden Tag leben als wäre es mein letzter. Aber so ein Vorfall lässt dich erst realisieren, wie wichtig gute Freunde sind."

Arians steht bei Herz-OP in Klinik bei

Arians, erst wenige Wochen vorher als Head Coach zu den Cardinals gestoßen, stand Kitchens während der OP bei. "Als wir mit dem Helikopter auf dem Dach der Klinik gelandet sind, habe ich sein Auto auf dem Parkplatz gesehen", erinnert sich der damalige Patient. Kitchens zufolge hatte sein Chef die eigentlich 35 Minuten dauernde Tour in der Hälfte der Zeit zurückgelegt.

Ein echter Freundschaftsbeweis. Wie Kitchens ohnehin zu vielen ehemaligen Weggefährten beste Verbindungen haben soll. Er gilt als beliebt bei früheren Chefs und Schützlingen.

 

Nur drei Coaches bleiben im Staff

Dass Kitchens aber auch anders kann, bewies er direkt nach seiner Ernennung zum Head Coach in der NFL. Fast alle Mitglieder des Coaching Staff müssen sich nach neuen Jobs umschauen. Lediglich der für die Receiver zuständige Adam Henry und DeWayne Walker, der die Defensive Backs trainiert, dürfen ihre Posten behalten.

Zudem winkt dem bei Kitchens' Aufstieg zum OC als Running Backs Coach eingestellten Ryan Lindley ein Aufstieg innerhalb des Staffs. Doch ansonsten dreht der neue HC die Browns auf links. Volles Risiko also - denn Kitchens hat auch mit den Browns eben einiges aufzuholen. Frei nach Pastor Mays.

Marcus Giebel

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