John Dorsey: Macher bei den Cleveland Browns. - Bildquelle: imago/Icon SMIJohn Dorsey: Macher bei den Cleveland Browns. © imago/Icon SMI

München/Cleveland - Die Tage werden endlich wieder länger, die Vögel singen, während die ersten Blumen bereits blühen und die Temperaturen steigen. Gleichzeitig erwachen die berühmten Frühlingsgefühle aus ihrem Winterschlaf, die Hormone spielen verrückt. Die Emotionen fahren Achterbahn, Euphorie stellt sich ein.

So oder so ähnlich fühlen sich im Moment die Fans der Cleveland Browns. Und nicht nur die.

Sexy Vamp

Denn die einstige Lachnummer der NFL hat sich pünktlich zum Frühlingsbeginn einen schicken Minirock angezogen. Stöckelt aufreizend durch die Offseason, verführt Free Agents und sorgt sogar für überraschende Scheidungen. Und verdreht so einer ganzen Stadt, einer ganzen Liga den Kopf. Denn die Browns sind nicht mehr der unattraktive Niemand, sondern der sexy Vamp.

John Dorsey hat die Browns aus dem Dornröschenschlaf geweckt. 

Er ist der General Manager, also der Macher, der Strippenzieher. Hat in knapp einem Jahr aus einem notorischen Verlierer einen Playoff-Anwärter gemacht.

Wer ist der Mann, der auszog, um ein Team, das zuletzt 2002 die Postseason erreichte und von 2015 bis 2017 eine unterirdische 4-44-Bilanz vorwies, auf links zu drehen und mit neuem Leben zu füllen?

Der 58-Jährige übernahm den wohl unattraktivsten Schleudersitz der Liga am 7. Dezember 2017. Er brachte allerdings eine Menge Erfahrung mit: Nach seiner Spielerkarriere als Linebacker bei den Green Bay Packers blieb er der Franchise von 1991 bis 2012 in verschiedenen Funktionen treu, ehe er 2013 als General Manager zu den Kansas City Chiefs ging.

Schon dort formte er aus einem 2-14-Team einen Playoff-Anwärter. In seinen vier Jahren erreichten die Chiefs dreimal die Postseason, er wurde nach einer 43-21-Bilanz im Sommer 2017 entlassen.  

Er hatte oft ein glückliches Händchen bewiesen, vor allem in den fünf Drafts: Er holte unter anderem Travis Kelce, Marcus Peters, Tyreek Hill, Kareem Hunt und Patrick Mahomes. Allesamt Pro Bowler. Außerdem lockte er Quarterback Alex Smith nach Kansas City.

Die ersten Deals sitzen

Für die Browns setzte er sein gutes Auge 2018 fort: Damarious Randall war einer der ersten Deals, der saß: Ein Move, für den er in Cleveland heute noch gefeiert wird. Randall ist als Safety eine feste Größe bei den Browns, die im Gegenzug Draft-Missverständnis DeShone Kizer loswurden. Daneben holte er auch Wide Receiver Jarvis Landry.

Der Draft war ein Feuerwerk: Running Back Nick Chubb und Cornerback Denzel Ward sind Leistungsträger, und Signal Caller Baker Mayfield könnte der lang ersehnte Franchise-Quarterback sein. Als seine erste Saison begann, hatte er 60 Prozent des Rosters umgekrempelt.

Die wohl wichtigste Personalie erledigte er im Oktober, als er den erfolglosen Head Coach Hue Jackson endlich entließ und so Kräfte freisetzte, mit denen sich das Team sogar in Playoff-Reichweite spielte. 

Keine positive Bilanz

7-8-1 lautete die Bilanz. Zufrieden war Dorsey nicht. "Alle fühlen sich gut aber was haben wir getan? Wir haben sieben Spiele gewonnen. Das ist in meinen Augen immer noch keine positive Bilanz. Wir wollen Jahr für Jahr konkurrenzfähig sein", sagte er. Und bekräftigte: "Wir haben einen Plan und den wollen wir weiter verfolgen."

 

Das tat Dorsey von Anfang an, und das aggressiv. Kein Zögern, kein Zaudern wie bei seinem erfolglosen Vorgänger Sashi Brown. Dorsey schlägt zu, wenn sich die Chance bietet.

Kritik wie bei der Verpflichtung von Kareem Hunt? Prallt an ihm ab.

Ein Monster-Trade wie der von Odell Beckham Jr.? Machen, wenn er möglich ist. Zugreifen, bevor man es nachher bereut, es nicht getan zu haben.

Ein schwieriger Charakter? Besser als ganz ohne Rückgrat.

Den offenen Head-Coach-Posten besetzte er mit dem früheren Offensive Coordinator Freddie Kitchens. Eine interne Lösung, keine große. Es darf eben gerne ein bisschen Risiko sein.

Man kann ihn sich dabei vorstellen, wie er Kaugummi kauend breitbeinig hin und herläuft, überlegt, dabei den grauen Dorsey-Sweater über dem Hemd, dazu die "Air-Dorseys" und die klassische Kappe. In Modefragen ist der Mann sowieso ein Fall für sich.

Beste Voraussetzungen

In Franchisefragen hat er dafür die passenden Antworten. Mit dem hohen Salary Cap und hohen Draft Picks hatte er natürlich auch beste Voraussetzungen, doch die muss man auch erst einmal nutzen.

Bei aller Euphorie darf man aber auch nicht vergessen: Er wurde in Kansas City trotz seines Erfolgs entlassen, angeblich waren sein Management-Stil, seine mangelnde Kommunikation und auch die Salary-Cap-Probleme die Gründe für die Trennung. Ein ernüchterndes Ende.

In Cleveland herrscht hingegen erst einmal Hysterie. Hunt, Olivier Vernon, Sheldon Richardson und Beckham Jr. folgten in der Offseason - Dorsey gönnt sich keine Feuerpause. 

Die neue Favoritenrolle

Vom Super Bowl wird bereits gesprochen, die Wettbüros korrigieren ihre Quoten, die Gegner nicken anerkennend und schieben den Browns applaudierend die Favoritenrolle in der AFC North zu.  

 

Dorsey versucht, die Pferde wieder ein wenig einzufangen. Auf dem Papier hat man noch keine Spiele gewonnen, geschweige denn Titel. "Ich höre viel von den Erwartungen. Wir haben jetzt mehr Talent, jetzt muss sich die Chemie bilden. Und ich weiß: Gute Football-Teams gewinnen im Herbst, und nicht im März."

Frühlingsgefühle hin oder her. 

Andreas Reiners

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