Baltimore-Bromance: John Harbaugh und Lamar Jackson. - Bildquelle: 2019 Getty ImagesBaltimore-Bromance: John Harbaugh und Lamar Jackson. © 2019 Getty Images

München/Baltimore – Als sich John Harbaugh zu Lamar Jackson herunterbeugt, ist es eine Szene, wie sie in einer Saison tausendfach vorkommt. Ein Gespräch zwischen Head Coach und Quarterback. 

Ein kurzer Austausch. Business as usual. Meistens kann man nur erahnen, was gesagt wird. Ein Lob, eine Ansage, ein Spielzug, so etwas eben.

In der NFL gibt es zum Glück Ausnahmen. Denn die Konversation machte nach dem 49:13 der Baltimore Ravens bei den Cincinnati Bengals und einem weiteren Gala-MVP-Auftritt Jacksons die Runde.

"Ich liebe Sie auch, Coach"

"Die meisten Quarterbacks sorgen sich um ihre Statistiken", sagt Harbaugh zu Jackson. Der erwidert: "Ich sorge mich um mein Team, Coach." Harbaugh: "Du bist ein Anführer. Deshalb lieben sie dich."

Jackson versteht dies im ganzen Stadion-Trubel als persönliche "Liebeserklärung" und gibt sie postwendend zurück: "Ich liebe Sie auch, Coach."

Ein Moment, bei dem sich bei den ersten Ravens-Fans ein Kloß im Hals festsetzt.

"Ich sagte, deshalb lieben sie dich. Aber deshalb liebe ich dich auch. Ich liebe die Art, wie du spielst. Du weichst nicht zurück, du greifst nur an. Alles, was du tust, ist anzugreifen", meint Harbaugh.

"Es ist alles was ich weiß", antwortet Jackson. "Du hast das Spiel verändert, Mann", lobt Harbaugh. Jackson: "Und wir werden so weitermachen." Dann wird es endgültig herzerweichend. "Weißt du, wie viele kleine Kinder in diesem Land in den nächsten 20 Jahren die Nummer 8 als Quarterback tragen werden?", sagt Harbaugh.

"Ich kann kaum erwarten, es zu sehen, wenn ich älter werde", sagt Jackson. "Aber jetzt muss ich erst einmal in den Super Bowl."

Eine bewegende Baltimore-Bromance.

Vor allem aber ein Gespräch, das eine Menge über Jackson und seinen enorm gewachsenen Stellenwert bei den Ravens im Speziellen und in der NFL im Allgemeinen aussagt.

Und über Coach Harbaugh.

Der stolze Vater

Denn er wirkt in der Szene nicht nur wie der stolze Vater, er ist es in gewisser Weise auch. Als Vater des Erfolgs, denn er hat immer an die Fähigkeiten seines Erstrundenpicks von 2018 geglaubt. Als Jackson in einer Klasse mit Baker Mayfield (Nummer 1), Sam Darnold (3), Josh Allen (7) und Josh Rosen (10) an 32. Stelle ausgewählt wurde.

Harbaugh machte fortan das einzig Richtige: Er fing an, die Offensive rund um die Stärken seines laufstarken Quarterbacks um- und aufzubauen. Sie ist in ihrer Form und Ausprägung deshalb selten und deswegen schwierig zu bespielen. Der Lohn: Vor dem dem Spiel gegen die Houston Texans (Sonntag ab 19 Uhr, live auf ProSieben MAXX und ran.de) stehen die Ravens bei einer 7-2-Bilanz, gelten als Super-Bowl-Mitfavorit und Jackson als MVP-Kandidat.

 

Ganz klar mit ein Verdienst von Harbaugh, der seit 21 Jahren in der NFL tätig ist. In der Saison 2012 holte er mit den Ravens den Super Bowl. Seine Bilanz seit 2008 inklusive Playoffs: 201 Spiele, 121 Siege, 80 Niederlagen, darunter nur eine negative Saison-Bilanz. Er befindet sich mit den Ravens 2019 in seiner zwölften Saison.

Dabei gehört Harbaugh mit seinen 57 Jahren nicht zu der jungen, aufstrebenden, innovativen Offensiv-Guru-Generation um Sean McVay. Dazu steht er in der medialen Betrachtung oft im Schatten von Kollegen wie Bill Belichick, Sean Payton, Andy Reid oder Pete Carroll. 

Und auch im Schatten seines jüngeren und vor allem lauteren Bruders Jim, der nach dem verlorenen Super Bowl mit den San Francisco 49ers gegen die Ravens seines Bruders nach der Saison 2014 für eine Menge Geld in den College-Football zurückkehrte und die Michigan Wolverines trainiert. 

Konservativer Weg

Vielleicht liegt es auch daran, dass John im Vergleich dazu einen sehr konservativen Weg gegangen ist, als Special Teams Coach aus Philadelphia nach Baltimore kam und der Franchise treu blieb. 

Dabei brillierte er vor allem als standfester Anführer, der das große Ganze im Blick hat. Ein gelassener Krisenmanager, der die Nerven nicht verliert.

Einer der Gründe, warum Harbaugh die aktuell viertlängste Amtszeit in der NFL inne hat, ist seine Fähigkeit, den Puls der Mannschaft zu fühlen. Dabei passt er seine Ansagen oder Botschaften den Umständen an, und das gerne mit Motto-Shirts, mit denen er die Botschaften an seine Spieler verstärkt.

T-Shirts mit Sprüchen drauf – was sich nach Junggesellenabschied anhört, trifft nach zwölf Jahren offenbar immer noch einen Nerv.

Am Scheideweg

Ein Beispiel für Harbaughs Umgang mit dem Team, für seine etwas anderen Ansätze oder Inspirationen, die er sucht: In der vergangenen Saison stand die Franchise nach drei Niederlagen in Folge bei 4-5 am Scheideweg und Jackson nach der Verletzung von Routinier Joe Flacco vor seinem Debüt. 

Und Harbaugh unter Druck, schließlich drohte die vierte Saison ohne Playoffs in Folge, es wäre die fünfte in den sechs Jahren seit dem Super-Bowl-Sieg gewesen.

 

Die Mechanismen waren schon längst angeworfen worden, Harbaugh blies der Wind ins Gesicht. Die Diskussionen um seine Person liefen längst.

Doch vor dem elften Spieltag zeigte er seinen Spielern ein Video des früheren Navy Seals Jocko Willink, der als Motivation auf alle negativen Ereignisse mit "Good" antwortete. Ein positiver Ansatz bei der Verarbeitung von Rückschlägen. "Good" fand Einzug in den Locker Room und in die Sprache der Ravens. Und in die Köpfe.

Es war der Auftakt einer 6-1-Aufholjagd, die mit dem Playoff-Einzug belohnt wurde. 

Das soll aber nur der Anfang gewesen sein. Denn jetzt ist Jackson einen Schritt weiter. Ein Anführer, bereit für den Super Bowl, den großen Wurf.

Und damit wohl auch für eine neue Liebeserklärung. Oder Motto-Shirts.

Andreas Reiners

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