Justin Fields. - Bildquelle: imago images/ZUMA WireJustin Fields. © imago images/ZUMA Wire

München – Das Geschehen rund um einen Draft kann sehr komplex sein. Überraschend, bisweilen ein Rätsel.

Hart und erbarmungslos. 

Ein Auf und Ab. Für Justin Fields war es in den vergangenen Wochen vor allem ein Ab. Als Quarterback Nummer zwei hinter Trevor Lawrence ging er in die College-Saison, und blieb das auch lange. 

Doch es gehört zu dem Mysterium Draft, dass Talente scheinbar von jetzt auf gleich fallen können. Es entwickelt sich dann eine gewisse Eigendynamik, die zu einem gewissen Teil nur schwer zu erklären ist. 

Gefährliche Eigendynamik

Warum sinkt der Stern eines Top-Talents, wenn es nicht spielt und auch nichts ausgefressen hat? 

Warum wird jemand durchgereicht, der sein Team in der vergangenen Saison ins College-Finale geführt hat und in zwei Jahren mit den Ohio State Buckeyes auf eine 20-2-Bilanz kommt, auf 5.373 Passing Yards, 63 Touchdowns, neun Interceptions sowie 867 Rushing Yards und 15 Touchdowns? 

Wenn er an zwei Pro Days abgeliefert hat?

 

Bei Fields waren es wohl auch aufkommende Zweifel an seinen Fähigkeiten, zum Beispiel beim Lesen einer Defense oder aber, was seine Arbeitseinstellung betrifft. Dazu soll sein Drang, nicht nur ein guter, sondern ein großartiger Quarterback sein zu wollen, nicht ganz so ausgeprägt sein.

So die "Vorwürfe".  

Die auch hin und wieder gestreut werden. Nebelkerzen nennt man so etwas. So oder so: Wenn die Antwort auf die Frage, ob ein Spieler bereit ist für die NFL, Teams verunsichert, kann es schnell gehen. 

Schnell abwärts.  

Denn auf ganz hohem Draft-Niveau geht es wie später im normalen NFL-Leben auch um Nuancen. Die durch Corona veränderte Draft-Vorbereitung erschwert das Ganze zusätzlich.

Die Folge: Fields fiel, geradewegs in die Hände der Chicago Bears, die die Gunst der Stunde nutzten - zum Beispiel, dass die Denver Broncos kurz zuvor überraschend auf einen Spielmacher verzichteten - und von der 20. Stelle an Position elf tradeten, um die einstige Nummer zwei unter den Quarterbacks zu bekommen.

Fields ein Steal?

Trotz der vier Picks, darunter zwei Erstrundenpicks, die zu den New York Giants gingen, gilt Fields durchaus als Steal, da gewisse Vorzüge des 22-Jährigen natürlich nicht von der Hand zu weisen sind. Für das Team, das sich ein gefallenes Talent schnappt, kann die beschriebene Dynamik eine große Chance sein.

Fields ist für die Bears genau das: Eine Chance, das traditionelle Quarterback-Problem, das die Franchise seit Jahren massiv belastet, endlich zu lösen. Denn der Draft 2017 hängt wie ein Damoklesschwert über General Manager Ryan Pace, er tradete damals von drei auf zwei hoch, um sich Mitch Trubisky zu schnappen. 

Patrick Mahomes und Deshaun Watson ließ er links liegen.

In den Folgejahren mussten die Bears schmerzvoll erfahren, dass man für einen Super-Bowl-Sieg nicht nur eine Monster-Defense, sondern eben auch einen starken Quarterback benötigt.

Fields ist ein Dual-Threat Quarterback, er ist mobil und erinnert damit an Spieler wie Russell Wilson, dazu ist er dynamisch und schnell, hat einen exzellenten Wurfarm und eine schnelle Entscheidungsfindung.

Head Coach Matt Nagy nannte vor einigen Wochen die Anforderungen, die er an einen Quarterback stellt: "Führung, Entscheidungsfindung und wenn man als Quarterback eine gewisse Vielseitigkeit mit seinen Beinen hat - großartig." In Fields hat er ganz offensichtlich genau das gefunden.

Verrückte Zoom-Frage

Hinzu kommt eine Intelligenz, gepaart mit einem guten Gedächtnis, womit Fields die Bears tatsächlich nachhaltig beeindruckt hat. Nachdem die Franchise Fields im Draft auswählte, fragte Nagy im ersten Gespräch via Zoom spontan eine Wochen zuvor besprochene taktische Formation ab, die Fields wie aus der Pistole geschossen abrufen konnte.

"Ich denke, ich passe perfekt", sagte Fields. "Ich denke, wenn er nicht denken würde, dass ich gut passe, hätte er nicht hochgetradet. Mit ihm zu reden, zu erfahren, wie er mit seinen Quarterbacks kommuniziert und wie sein Stil ist, wird mich zu einem besseren Quarterback machen", so Fields, der in den vergangenen Monaten bereits ein gutes Verhältnis zu seinem Coach aufgebaut hat.

Auch das wird essentiell sein bei der weiteren Entwicklung des Top-Talents, das neben Routiniers wie Andy Dalton und Nick Foles lernen kann. Und ganz nebenbei die Jobs von Pace und Nagy sichern soll, denn der Wind der hohen Erwartungen in der "Windy City" bläst den beiden Verantwortlichen eisig ins Gesicht. Immerhin: In einer Umfrage gaben 74 Prozent der Bears-Fans dem Pick eine Top-Note. Und: Die Buchmacher haben ihn auch auf dem Zettel, bei den Quoten für den Award zum "Offensive Rookie of the Year" wird er mit einer Quote von 4,5 an zweiter Stelle geführt, hinter Lawrence (Jaguars/3,5).

Wo sieht Fields selbst seine Stärke?

"In großen Momenten da zu sein", sagte er: "Wenn sich große Momente ergeben, gibt es einfach eine Sache, die in mir kickt. Ich denke, dass ich aus großen Momenten Kapital schlagen und auch auf der großen Bühne gut spielen kann." 

Diesen "Kick" wird er gut gebrauchen können. Denn auch in der NFL geht es hart und erbarmungslos zu.

Andreas Reiners

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