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München/Baltimore – Wenn ein Quarterback im Alter von 23 Jahren zum MVP gewählt wird, kann das Folgen haben. Je nach Charakter auch negative.

Lamar Jackson begleitete von Anfang an das Narrativ, dass er als Passer nicht gut genug ist. Nicht gut genug werden kann, dass es nicht reicht für das allerhöchste Level, für das ganz große Kino. Das geht seit seinem Debüt 2018 so, zog sich durch die MVP-Saison 2019 bis hin zum erneut frühen Playoff-Aus 2020.

"Nicht schlecht für einen Running Back"

"Nicht schlecht für einen Running Back", war ein Satz, den Jackson selbst sagte, um seinen Kritikern verbal eins auszuwischen. Das Narrativ blieb aber.

Mit seinen Beinen ist er ein Elite-Quarterback, einer der besten, wenn nicht der beste im Moment. Doch sein Arm reicht nicht an den Maßstab, den er selbst läuferisch setzt, heran.

Bis jetzt. 

Denn Jackson widerlegt in dieser Saison seine Kritiker nicht nur, er macht sie mundtot. Die Argumente: sind überzeugend, schlagkräftig, beeindruckend. Oder um im NFL-Sprech zu bleiben: Scharf und akkurat abgefeuert. 

Jackson orchestrierte gegen die Indianapolis Colts eine Aufholjagd nach einem 3:22-Rückstand zum Ende des dritten Viertels, die nicht nur dafür sorgt, dass sich seine Baltimore Ravens wieder mal in den Favoritenkreis spielen, sondern auch dafür, dass Jackson zeigt: Der MVP von 2019 wird immer mehr zu einen echten Most Valuable Player, zu einem kompletten Spieler. 

Es verwundert daher nicht, dass er nach dem 31:25-Sieg nach Verlängerung seinen Helm in die Luft warf. So hoch, dass ihn jemand anderes wieder fangen musste. Eine der wenigen Aktionen, die er an diesem Abend bereut. 

"Ich hätte das nicht tun sollen - im Ernst", sagte Jackson. "Ich muss mehr Zurückhaltung zeigen, aber ich war einfach aufgeregt. Wir hatten einen Sieg nach Verlängerung verbucht. Es war ziemlich cool." 

Ziemliche coole Zahlen

"Ziemlich cool" sind auch die Zahlen, mit denen die Loblieder auf den 24-Jährigen untermauert werden können. Da gibt es alleine aus dem Colts-Spiel genug.

Ein paar Auszüge: Jackson übertraf mit seinen 442 Yards den Franchise-Rekord von Vinny Testaverde für Passing-Yards in einem Spiel, der bis ins Jahr 1996 zurückreichte (429).

Jackson ist laut ESPN der erste Quarterback in den letzten 20 Jahren, der einen 16-Punkte-Rückstand im letzten Viertel überwinden und das Spiel mit 400 Yards und vier Touchdowns beenden konnte.

Die Completion Percentage von 86 Prozent ist nicht nur beeindruckend, Jackson ist zudem der erste Quarterback in der NFL-Geschichte, der diesen Wert bei über 40 (43) Pässen erreichte. Die Quote von 86 Prozent war auch die höchste für einen Spieler, der für mindestens 400 Yards geworfen hat. 

Weitere Zahlenspiele: Er hat mit 1.860 Total Yards – 1.519 in der Luft, 341 am Boden –mehr als 17 andere NFL-Teams. Er ist bei seinem aktuellen Tempo auf dem Weg, für 5.164 Yards zu werfen. Damit würde er seine bisherige Bestmarke (3.127 Yards) pulverisieren. Der All-Time-Rekord liegt im Moment bei 5.477. 

Funfact: Er belegt bei den Passing Yards ligaweit Platz fünf, und hat 29 Yards mehr als Patrick Mahomes.

Doch da gibt es auch einen Rekord, für den sich Jackson tatsächlich interessierte, denn er ist der, der sich darum dreht, worum es am Ende geht: um Siege. 

Lamar Jackson: "Konzentriere mich auf das Gewinnen"

Jackson hält mit Dan Marino den Rekord für die meisten Siege (34) eines Quarterbacks vor dem 25. Geburtstag. Den feiert Jackson am 7. Januar. "Ich bin da oben mit den Jungs - diesen Legenden", sagte Jackson. "Ich weiß das zu schätzen. Es ist eine Ehre, mit diesen Jungs dort oben zu stehen, aber ich konzentriere mich auf das Gewinnen."

Das funktioniert ziemlich gut und überzeugend, seitdem er sich nach dem MVP-Erfolg nicht auf den Lorbeeren ausgeruht hat, sondern Kritik annimmt, an Schwächen arbeitet, Ratschläge erfolgreich umsetzt und seine Fehler weiter limitiert oder eliminiert. Die Ravens liegen nach vier Siegen in Folge mit einer 4:1-Bilanz im Soll. 

"Das ist eine der besten Leistungen, die ich je gesehen habe", schwärmte Ravens-Trainer John Harbaugh. "Und es war nicht einfach. Wir mussten einige Dinge überwinden und uns durchkämpfen. Lamar stand unter Druck, und er hat mit seinen Füßen Spielzüge kreiert. Er hat den Ball geworfen, wenn er ihn werfen musste. Alles beginnt mit Lamar. Ihm gebührt das Lob."

 

Auch Comeback-Qualitäten kann man Jackson nicht mehr absprechen. "Das kann man nicht mehr sagen", sagte Tight End Mark Andrews. "Schauen Sie sich die letzten paar Spiele an. Er ist einfach ruhig und gelassen, und er ist ein Anführer. Das ist es, worauf wir alle schauen."

Lamar Jackson kratzt erst an der Oberfläche

Defensive End Calais Campbell hat schon einige Quarterbacks gesehen, für ihn ist Jackson "etwas Besonderes. Er kratzt gerade erst an der Oberfläche, wie gut er sein kann", so Campbell. Auch er richtete sich an die Kritiker. "Ich weiß, dass er dafür bekannt ist, was er mit seinen Beinen anstellen kann, und ich habe das Gefühl, dass man sein Arm-Talent nicht respektiert", sagte Campbell.

Und schob hinterher: "Ich denke, dass viele Leute das Gesagte zurücknehmen sollten."

Denn es ist längst Zeit für ein neues Narrativ. 

Andreas Reiners

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