Aaron Rodgers und sein potenzieller Erbe Jordan Love, der ihm 2020 über die ... - Bildquelle: GettyAaron Rodgers und sein potenzieller Erbe Jordan Love, der ihm 2020 über die Schulter gucken wird. © Getty

München - NFL Draft 2005. Vor 15 Jahren. Mit dem 24. Pick holen die Green Bay Packers einen gewissen Aaron Rodgers, Quarterback, California.

Und das, obwohl mit Brett Favre ein gestandener Spielmacher, ein Super-Bowl-Sieger die Fäden in Green Bay in der Hand hält.

"Brett ist ein großartiger Quarterback, und seit Joe Montana seine Karriere beendet hat, ist er mein Lieblings-Quarterback", sagt Rodgers damals demütig.

Und mit seinem Idol darf er nun in einem Team sein. Ein großer Tag für den damals 21 Jahre alten Quarterback aus Kalifornien.

Und ein großer für Green Bay.

Favre sollte zwar noch drei weitere Jahre der Starter der Packers bleiben. Doch dann übernahm Rodgers. Und führte die "Cheeseheads" zu vier Championship Games und einer Lombardi Trophy.

Jener 23. April 2005 war der Anfang einer Ära in Green Bay.

 

Erster Packers-Quarterback in Runde 1 seit Rodgers

23. April 2020. NFL Draft 2020. Genau 15 Jahre später. Das Ende dieser Ära?

Eine Frage, die noch ein sehr großes Fragezeichen hinter sich stehen hat.

Aber wie lange noch?

Aaron Rodgers wird zumindest etwas geschluckt haben, als die Packers erst von 30 auf 26 hochtradeten und Commissioner Roger Goodell verkündete: "Mit dem 26. Pick im NFL Draft 2020 holen die Green Bay Packers Jordan Love, Quarterback, Utah State."

Ein Quarterback. Der erste, den die Packers in Runde 1 draften seit Rodgers 2005. Kein Wide Receiver, wie von vielen Mock Drafts vorhergesagt.

Packers-GM Brian Gutekunst entscheidet sich für eine Art Neuaufbau, die langfristige Lösung. Und stellt sich damit gegen seinen (Noch-)Quarterback.

 

Rodgers: "Das Fenster ist offen"

Dabei hatte der im Januar, nach dem Aus der Packers im NFC Championship Game bei den San Francisco 49ers, noch gemeint: "Das Fenster ist offen." Die Chance auf den Super Bowl gegeben. Jetzt. "Win now".

Und es schien so simpel: Die Position, die den Packers 2019 am meisten Kopfzerbrechen bereitete, waren die Wide Receiver. Hinter Davante Adams empfahl sich nicht wirklich jemand als Nummer 2. Gleichzeitig gilt die Receiver-Klasse im diesjährigen Draft als historisch gut.

Warum also nicht einfach einen der zahlreichen guten Receiver in Runde 1 holen - und zusehen, wie der zweimalige NFL MVP und Super-Bowl-Sieger Rodgers mit seiner Magie 2020 den Rest erledigt?

Pustekuchen.

"ESPN"-Kommentator Stephen A. Smith konnte den Pick der Packers kaum fassen, meinte auf Twitter: "Was zur Hölle!? Ich weiß, dass der Draft erst anfängt und J-Love Talent hat - aber wie wäre es, meinem Mann Aaron Rodgers etwas Unterstützung zu geben? Verdammt!"

Tatsächlich ist es nicht gerade ein Vertrauensbeweis für Rodgers. Keine Waffe für sein Passspiel. Sondern sein potenzieller Nachfolger. Ein Konkurrent.

 

Rodgers plötzlich in Favres Position

Er erlebt nun die andere Seite. Nun ist es nicht mehr er, der einem etablierten Quarterback Feuer macht. Er ist es nun, der das Feuer bekommt. Und er ist mit 36 dabei sogar ein Jahr älter als Favre 2005.

Der sagte 2016, zurückblickend auf die Zeit nach Rodgers' Draft: "Ich wusste, dass ich weiterhin der Quarterback sein würde. Ich war selbstbewusst. Und stolz, dass es so lange gedauert hatte, bis sie meinen Nachfolger holten. Aber ich wusste auch, dass er mich irgendwann ablösen würde."

Gut möglich, dass Rodgers nun ähnlich denkt. Mit einer Jetzt-erst-recht-Einstellung in die Saison geht. Alles daran setzt, seine zuletzt (auf einem hohen Niveau) sinkenden Zahlen wieder hochzuschrauben. Den vorhandenen Receivern - darunter der von seiner Knöchelverletzung genesene EQ St. Brown - auf die nächste Stufe verhilft. Es in den letzten Jahren seiner Karriere nochmal allen zeigt. Und dann zur Seite tritt.

Aber - anders als Favre - seinen Erben mit offenen Armen empfängt. Favre wollte damals kein "Mentor", schon gar kein "Babysitter" für Rodgers sein. Seine "Aufgabe" sei es gewesen, "Spiele zu gewinnen". Und er führte Green Bay immerhin noch einmal ins NFC-Finale.

Rodgers hatte dagegen vor dem Draft in der "Pat McAfee Show" angekündigt, er werde "der Erste sein", der den Nummer-1-Pick "mit einem Anruf begrüßt".

Und Love, 21 Jahre alt, wie Rodgers vor 15 Jahren, zeigt sich demütig, wie Rodgers vor 15 Jahren. Er glaubt: "Ich kann eine Menge von Aaron lernen."

Love is in the air? Wie gesagt: gut möglich.

Rodgers: Flucht statt Babysitter?

Gut möglich aber auch, dass es nicht so kommt. Dass die Kritiker des 36-Jährigen recht behalten. Diejenigen, die glauben, dass die "Diva" Rodgers weder den Kampfgeist noch die Kollegialität in sich habe, jetzt zu bleiben. Dass er wohl viel eher beleidigt sei - und flüchten werde.

Und zwar nicht erst nach drei Jahren, wie Favre, der 2008 erst seine Karriere beendete, dann zu den New York Jets ging und 2009 schließlich zu den Minnesota Vikings, ausgerechnet. Sondern jetzt. In dieser Offseason.

"Flee now" statt "win now".

Der ehemalige NFL-Receiver Andrew Hawkins ist einer von vielen, die einen Trade für möglich halten. Zum Beispiel zu den New England Patriots, die bekanntlich Tom Brady in dieser Offseason verloren und durchaus Bedarf auf der Quarterback-Position haben.

Und Vikings-Coach Mike Zimmer findet, wohl mehr auf seinen eigenen Vorteil bedacht, sogar: "Rodgers sollte zurücktreten."

Zumindest Letzteres erscheint sehr unrealistisch. Einer, der es wissen sollte, warnt davor, Rodgers zu früh abzuschreiben. Packers-Tackle David Bakhtiari glaubt: "Aaron wird on fire sein."

Aber falls Jordan Love einschlagen sollte - und dass er das irgendwann wird, davon gehen die Packers offensichtlich aus -, muss Aaron Rodgers eine Entscheidung treffen.

Zurücktreten. Oder Green Bay verlassen. Nach 15 Jahren, plus X. Das Ende einer Ära.

Dann ganz ohne Fragezeichen.

Kevin Obermaier

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