Damals noch aktiv: Markus Kuhn für die Giants und Sebastian Vollmer für die ... - Bildquelle: imagoDamals noch aktiv: Markus Kuhn für die Giants und Sebastian Vollmer für die Patriots. © imago

ran.de: Herr Kuhn, Herr Vollmer, die Offseason ist endlich vorbei, die NFL startet in die Preseason 2018, bevor es dann im September mit der Regular Season so richtig losgeht. Worauf freuen Sie beide sich in der kommenden Spielzeit am meisten?

Sebastian Vollmer: "Endlich gibt es wieder Competition, also Wettbewerb zwischen den 32 Teams. Für alle heißt es: neues Jahr, neues Glück. Alle starten bei Null und haben von Beginn an die gleichen Chancen. Für mich ist es als mittlerweile Außenstehender sehr schön zu beobachten, wie sich die Teams in den nächsten sechs Monaten schlagen. Ich gehe da ganz unvoreingenommen ran und bin gespannt, was die kommenden Wochen und Monate so bringen werden."

Markus Kuhn: "Ich sehe das alles ganz ähnlich wie Sebastian. Wobei ich mich persönlich vor allem auf unsere gemeinsame Arbeit in dieser Saison freue: Sebastian und ich laufen uns in der Preseason quasi bei den New England Patriots warm, in dem wir für die Franchise deren vier Vorbereitungsspiele live für die deutschen Fans übertragen und dann starten wir in der Regular Season wieder als ranNFL-Experten und Kolumnisten auf "ran.de" voll durch. Die Vorfreude auf die ganzen #ranNFLsüchtigen ist bei uns beiden echt riesig. Und an Prognosen für die 32 Teams möchte ich mich jetzt gar nicht wirklich herantrauen, weil sie am Ende sowieso wieder allesamt falsch sind."

ran.de: In der zurückliegenden Offseason haben viele Spieler millionenschwere Mega-Verträge unterschrieben. Superstars wie Odell Beckham Jr. oder Earl Thomas verhandeln derzeit noch um sehr viel Geld oder versuchen, sich zu einem neuen Kontrakt zu streiken. Wie sehen Sie diese Entwicklungen in der NFL?

Vollmer: "Diese Entwicklungen gibt es ja schon seit einigen Jahren und sie werden auch noch weitergehen. Denn die Liga verdient immer mehr, die TV-Gelder steigen an und somit letztlich auch der Cap Space der Teams. Natürlich sollen dann auch die Verantwortlichen, also die Spieler, davon profitieren. Wobei man immer bedenken sollte, dass bei all den Summen, die da im Raum stehen, so gut wie nie die komplette Kohle garantiert ist. Das ist in der NFL anders als beispielsweise der NBA, NHL oder MLB. Wenn es nach mir geht, soll jeder Spieler so viel Geld verdienen, wie es nur geht. Denn die Karriere kann nach nur einem misslungenen Spielzug beendet sein. Das Risiko im American Football ist einfach enorm groß."

Kuhn: "Wenn wir beispielsweise über den aktuell streikenden Earl Thomas reden, gibt es immer viele, die jetzt sagen: Wie kann der das nur machen? Da sieht der Spieler immer extrem egoistisch aus. Aber er muss einfach an sich denken und das Beste für sich herausholen. Viele Spieler haben einfach besser dotierte Verträge verdient. Und sie entscheiden sich letztlich für einen Holdout, weil sie Angst vor Verletzungen im Training oder Vorbereitungsspielen haben. Denn dann könnte die Karriere, wie es Sebastian schon gesagt hat, ganz schnell vorbei sein. Ich finde es deshalb eine schöne Entwicklung, dass die Rookie-Verträge mittlerweile fast alle garantiert sind."

Vollmer: "Viele Spieler haben Klauseln in ihren Verträgen, die sie viel Geld kosten können. Es gibt Statistiken die besagen, dass nur fünf Prozent der Spieler auch ihre im Vertrag garantierte Kohle kassieren. Alle anderen werden vorher gecuttet oder getradet. Das sehen viele Fans natürlich nicht, denn sie wollen verständlicherweise immer das Beste für ihr Team. Die Patriots haben uns immer den Rat gegeben, in der Öffentlichkeit besser nicht über Geld zu sprechen, weil wir da im Vergleich zu den normalverdienenden Menschen immer schlecht aussehen würden."

ran.de: Wie gefährlich ist die anstehende Preseason für die Spieler im Hinblick auf Verletzungen? Nimmt man sich da aus Ihrer Erfahrung heraus eher zurück oder gibt es vielleicht sogar Ansagen der Head Coaches, sich ein wenig zurückzuhalten?

Vollmer: "Football ist ein so harter und riskanter Sport, dass du dich nicht zurücknehmen, sondern immer alles geben solltest. Denn wenn du nicht voll bei der Sache bist, ist das Verletzungsrisiko noch deutlich höher. Ich fand es als Veteran immer schwierig, wenn ich in Preseason-Games gegen Rookies spielen musste. Denn die Jungs mussten sich in solchen Partien ja immer extrem beweisen und wussten im Zweifel noch nicht so recht, wie sie sich auf dem Spielfeld richtig verhalten. Da kam es nicht selten vor, dass sie ein wenig übermotiviert in die Blocks oder Tackles gingen und so Verletzungen riskierten. Und wie gesagt: Im American Football kann jeder Spielzug dein letzter sein."

Kuhn: "Ich bin auch der Meinung, dass du dich im Football nicht zurücknehmen kannst. Das ist schlicht und einfach nicht möglich. Wobei die Head Coaches schon stark darauf achten, ihre Top-Stars in der Preseason nur sehr ausgewählt einzusetzen. Ich kann mich auch noch erinnern, dass es überhaupt keinen Spaß gemacht hat, gegen Rookies zu spielen, die um jeden Zentimeter kämpfen, kratzen und beißen. Das war schon extrem unangenehm. Allerdings gehören Verletzungen im American Football letztlich zur Tagesordnung. Die können nicht nur in Preseason-Games, sondern auch schon im Training passieren. Davor kann man sich als Spieler fast nicht schützen." 

ran.de: Wie ist Ihre Meinung zu den modifizierten NFL-Regeln wie beispielsweise der neuen "Helmet-Rule" oder der überarbeiteten "Kick-Off-Rule"?

Vollmer: "Die neue Helmet-Rule ist vor allem für Defensiv-Spieler überhaupt nicht umsetzbar. Markus als ehemaliger Defense Tackle könnte mich in der O-Line zum Beispiel nicht einmal mehr 'bullrushen', also mich in gebeugter Haltung tackeln. Es ist einfach nicht möglich, in allen Spielsituationen den Kopf oben zu behalten. Football ist ein brutaler Sport, das weiß jeder, der ihn ausübt und jeder geht dieses Risiko freiwillig ein. Ich bin absolut dafür, dass Spiel sicherer zu machen, aber das muss dann auch sinnvoll und für die Spieler umsetzbar sein."

Kuhn: "Diese Regeländerungen gehen tatsächlich letztlich immer zu Lasten der Defensiv-Spieler. Da hat Sebastian absolut recht. Denn als Spieler hast du nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, um während eines Spielzugs zu reagieren. Da kannst du als Spieler ganz blöd aussehen. Schon beim Hall-Of-Fame-Game zwischen den Chicago Bears und den Baltimore Ravens in der vergangenen Woche sind die gelben Flaggen ja nur so geflogen. Ich finde, dass die Verantwortlichen mit all ihren Modifizierungen aufpassen müssen, dass sie den Sport nicht kaputt machen. Wobei ich die neue Kick-Off-Lösung richtig gut finde. Denn ich musste in meinen ersten beiden Spielzeiten bei den New York Giants bei den Kick-Offs immer die dicken Jungs blocken, die mit voller Geschwindigkeit auf uns zugelaufen kamen. Da waren die Kopfschmerzen schon vorprogrammiert und ich war froh, wenn ich wieder vom Feld war. Das kann jetzt ja nicht mehr passieren und das ist auch gut so."

ran.de: Auf welche Teams oder Spieler freuen Sie sich in der neuen Saison am meisten?

Vollmer: "Ich bin vor allem auf die Jacksonville Jaguars und die Tennessee Titans gespannt. Mal schauen, ob sie wieder so angreifen können wie in der vergangenen Spielzeit. Auch die Philadelphia Eagles sind als amtierender Super-Bowl-Sieger wieder ein mächtiges ‚Power House‘, wobei man abwarten muss, wie sie in der kommenden Saison mit der Favoritenrolle umgehen – denn 'Underdogs' sind sie nun sicherlich nicht mehr. In der AFC East darf man gespannt sein, ob und wann der Umschwung kommt. Aber ich glaube, dass so lange Tom Brady noch spielt, kein Weg an den New England Patriots vorbeiführen wird."

Kuhn: "Ich schaue natürlich vor allem auf meine beiden Ex-Klubs New York Giants und New England Patriots. Bei den Giants bin ich sehr gespannt, wie und ob all die Veränderungen im Roster greifen. Sie haben mit Pat Shurmur einen neuen Head Coach und mit Saquon Barkley den zweiten Overall-Pick im diesjährigen Draft in ihren Reihen, von dem alle unglaublich schwärmen. Aber auch die Cleveland Browns haben ihre Hausaufgaben gemacht und viele gute Spieler geholt. Ich könnte mir schon vorstellen, dass sie in der kommenden Saison etwas reißen können. Genauso übrigens wie die Los Angeles Rams, die sich ebenfalls unglaublich gut verstärkt haben."

Vollmer: "Bei den Rams und den Browns ist auf dem Papier alles super, aber es bleibt abzuwarten, was sie davon am Ende auch auf den Rasen bringen."

ran.de: Wie schätzen Sie die Chancen der Deutschen wie EQ St. Brown, Moritz Böhringer, Mark Nzeocha oder Kasim Edebali in der kommenden Spielzeit ein?

Vollmer: "Neues Jahr, neues Glück. Ich wünsche mir natürlich, dass es am Ende alle in die endgültigen Roster schaffen und auch Spielzeit bekommen. Aber der Konkurrenz ist hart. Dennoch hoffe ich für die Jungs nur das Beste."

Kuhn: "Es wird für die Jungs nicht so einfach sein, in die finalen Roster zu kommen. Aber vielleicht können sie sich ja dann über die Practice Squads der Teams empfehlen. Kasims Vorteil ist sicherlich, dass er schon einige Jahre NFL-Erfahrung vorzuweisen hat und vielseitig einsetzbar ist. Er kann in den Special Teams spielen und ist ein richtig guter Typ für den Locker Room. EQ St. Brown war auf einer hervorragenden Uni und ist ein Top-Athlet. Vielleicht wird er ja der zweite Deutsche mit einem Touchdown in der NFL. Das würde mich tatsächlich sehr freuen (Markus Kuhn war 2014 für die New York Giants der bislang erste und einzige Deutsche mit einem Touchdown; Anmerk. der Redaktion)."

ran.de: Welche Teams sind für Sie im kommenden Jahr die Favoriten auf den Super-Bowl-Sieg?

Vollmer: "Der amtierende Champion ist für mich immer einer der Favoriten. Deshalb setze ich in der NFC auch auf die Philadelphia Eagles. In der AFC fällt die Wahl etwas schwerer. Die Patriots haben viele Spieler verloren, da muss man mal abwarten, wie sie das verkraften. Aber in den Playoffs sehe ich sie auf jeden Fall und ich kann mir tatsächlich im Super Bowl auch ein Re-Match gegen die Eagles vorstellen. Allerdings habe ich auch die Houston Texans auf dem Schirm. Denn mit J.J. Watt und Quarterback Deshaun Watson kehren zwei absolute Führungsspieler von ihren Verletzungen zurück und können ihr Team in der kommenden Spielzeit sehr weit bringen."

Kuhn: "So lange Brady noch spielt und Bill Belichick coacht, muss man immer mit den Patriots rechnen. Aber auch die Eagles haben eine richtig gute Chemie im Team und die Rams eine gute Mannschaft beisammen. Ich sehe zudem die Jaguars gut im Rennen. Sie hatten im vergangenen Jahr noch nicht so die Erfahrung, könnten jetzt aber durchstarten. Mit einem Aaron Rodgers und den Green Bay Packers muss man auch irgendwie immer rechnen. Und persönlich hoffe ich natürlich, dass die Giants eine deutlich erfolgreichere Saison haben als noch im vergangenen Jahr."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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