Tom Brady steht vor einer ungewissen Zukunft - Bildquelle: imago images/UPI PhotoTom Brady steht vor einer ungewissen Zukunft © imago images/UPI Photo

München - Die Fans im Gillette Stadium haben ein feines Gespür für Football-Geschichte. Sie wussten, dass vielleicht die letzte Stunde für eine der prägendsten Figuren der NFL in New England geschlagen hatte.

"Brady! Brady!"-Rufe hallten durch das Stadion. Unzählige Transparente mit Aufschriften wie "Don't leave, Tom" waren zu sehen. Doch noch ist unklar, ob Brady noch einmal ins Gillette Stadium zurückkehrt. Zum ersten Mal überhaupt in seiner langen Karriere steht ihr Quarterback nach dem Playoff-Aus durch das 13:20 gegen die Tennessee Titans vor einer ungewissen Zukunft.

Denn erstmals geht Brady als Free Agent in die Offseason. Der Vertrag mit den Patriots läuft aus. Mit einem Franchise Tag oder Transition Tag darf ihn das Team wegen einer Vertragsklausel nicht binden. Plötzlich stehen Brady alle Optionen offen. Natürlich auch die eigentlich naheliegendste bei einem 42-jährigen Profisportler: der Rücktritt.

 

Wirklich noch ein Jahr auf der Patriots-Baustelle?

"Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, also werde ich sie nicht vorhersagen", ließ Brady nach seinem ersten Aus in der Wild Card Round seit Januar 2010 die Journalisten nach dem Spiel ratlos zurück. Ein Rücktritt sei für ihn allerdings "ziemlich unwahrscheinlich" – ehe er dann doch hinterherschob: "Hoffentlich unwahrscheinlich."

Möglich wäre auch eine neue Einigung mit den Patriots. "Ich liebe die Patriots. Sie sind eine großartig Organisation. All diese Jahre mit Kraft und Coach Belichick – ich glaube es gibt niemanden, der eine bessere Karriere hatte als ich, weil ich mit ihnen arbeiten durfte", so Brady.

Doch diese Saison hat auch gezeigt, wie stumpf die Waffen in der Offensive des Noch-Champions sind. Ein Rebuild des zerfledderten Receiving Corps ist unumgänglich. Dazu droht der Abgang von Offensive Coordinator Josh McDaniels. Nach dem möglichen Ende einer Patriots-Ära steht ein langwieriger Umbau und Unzufriedenheit im Umfeld bevor. Will sich Brady das wirklich antun?

Ungleiches Paar aus Tom Brady und Los Angeles Chargers?

Dagegen wirkt ein möglicher Schritt an die US-Westküste umso reizvoller: eine Vertragsunterschrift Bradys bei den Los Angeles Chargers. Moment, der GOAT bei einem Team, das nicht einmal die Home Base in Los Angeles interessiert? Was zunächst nach einem ungleichen Paar aussieht, verspricht auf dem zweiten Blick für beide Seiten einen großartigen Deal.

Die Chargers sind auf der Suche nach einem Gesicht, das die Franchise aus der Bedeutungslosigkeit hebt. Seit dem Umzug von San Diego nach Los Angeles schwindet die Anhängerschaft. In LA steht das Team klar im Schatten der Rams. Nicht wenige Heimspiele im für NFL-Verhältnisse winzigen Dignity Health Sports Park mit nicht einmal 30.000 Plätzen wurden für die Chargers durch laute Auswärtsfans zum Spießrutenlauf. Was in der NBA die Clippers im Schatten der Lakers sind, sind in der NFL die Chargers hinter den Rams.

Brady würde Glamour in die triste Chargers-Welt bringen – nicht zuletzt wegen Ehefrau Gisele Bündchen. Zudem würde Brady den Chargers ein Zeitfenster geben, einen jungen Quarterback als Backup reifen zu lassen. Sie sind im NFL Draft 2020 an sechster Stelle und können sich Hoffnungen auf Quarterback-Talente wie Joe Burrow, Justin Herbert, Tua Tagovailoa oder Jordan Love machen.

Los Angeles als perfekter Standort für die Marke Tom Brady

Und Brady? Der wäre in Los Angeles auf dem perfekten Markt positioniert: Für seine Lifestyle-Marke TB12, aber auch für sich selbst als Medienpersönlichkeit. Das neue Studio des NFL Network steht direkt neben dem zukünftigen Chargers-Stadion. Schon Mentor Bill Belichick trumpfte dort kürzlich auf, als er im Rahmen der Vorstellung des NFL All-Time Teams ungewohnt jovial unterhaltsame Auftritte hinlegte.

Zudem könnte Brady bei den Chargers noch einmal ordentlich abkassieren, nachdem er bei den Pats seit Jahren auf das ganz große Geld verzichtete, um Cap Space für bessere Nebenmänner zu schaffen. 30 Millionen Dollar im Jahr mit einer Option auf ein zweites Jahr bei zehn Millionen Dollar Buyout? Warum eigentlich nicht bei den Chargers?

Und: Bei den Bolts hätte Brady von Beginn an Top Anspielstationen mit den Wide Receivern Mike Williams und Keenan Allen sowie Tight End Hunter Henry. Und auch Running Back Austin Ekeler ist ein veritabler Passempfänger.

Doch bei den noch nicht playoffreifen Chargers droht Brady auch, seinen eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen. Immer wieder wird ihm vorgehalten, vor allem vom genialen Coaching Staff um Bill Belichick und Josh McDaniels zu profitieren und zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Eine Saison im Nirwana der NFL würde Brady-Skeptikern Rückenwind verleihen. Die Frage ist: Ist das für einen Mann mit sechs Super-Bowl-Ringen überhaupt ein Kriterium?

 

Tennessee Titans eine weitere Option

Ein Team, das spätestens gegen die Patriots Playoff-Klasse nachgewiesen hat, sind die Tennessee Titans. Auch bei ihnen wird Brady gehandelt. Titans-Quarterback Ryan Tannehill ist nach dieser Saison ebenfalls Free Agent. Zudem ist mit Mike Vrabel ein einstiger Mitspieler Bradys dort Head Coach. Und Brady hätte eine sattelfeste O-Line vor sich. Kein schlechter Ort für einen nächste Saison 43-jährigen Quarterback.

Brady selbst hält sich derzeit noch bedeckt. Rücktritt? Doch noch ein Jahr Patriots? Eine neue Herausforderung? Eine klare Antwort gibt es noch nicht. Doch etwas Abschied klang bei Tom Brady zwischen den Zeilen mit: "Ich bin einfach so dankbar für die Erfahrung, dieses Jahr und meine Karriere für dieses Team und diese Organisation gespielt zu haben. Ich habe immer versucht, auf dem Feld das richtige zu tun."

Nun muss er versuchen, das auch abseits des Feldes zu tun. In seiner neuen Rolle als Free Agent.

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