In der Kritik: Dave Gettleman. - Bildquelle: imago images / Icon SMIIn der Kritik: Dave Gettleman. © imago images / Icon SMI

München/New York - Die New York Giants haben sich den einfachen Weg ausgesucht. Den bequemen, den mit dem geringsten Widerstand.

Odell Beckham Junior geht von den Giants zu den Cleveland Browns. Wohl der Sensations-Trade der Offseason. Und was machen die Giants?

Versenden eine Pressemitteilung, in der sie nicht einmal OBJ als Aufhänger nehmen, sondern dass man durch einen Trade Jabrill Peppers, Kevin Zeitler und zwei Draft Picks (Nummer 17 und 95) von den Browns bekommen hat.

Nachfragen unerwünscht

Nachfragen? Ganz offensichtlich unerwünscht!

Stattdessen alles erklärt beziehungsweise erzählt im typischen PR-Blabla. "Wir danken Odell Beckham für seine Beiträge", dazu die üblichen Wünsche für die Zukunft. Nichtssagend. Warum einer der besten Wide Receiver der Liga, 26 Jahre alt und ein Aushängeschild, letztlich geht, wird nicht beantwortet.

OBJ war das Gesicht der Franchise, extrem populär. Vom sportlichen Wert ganz zu schweigen.

 

Deshalb fragen sich nicht nur die Giants-Fans: Warum zur Hölle ...?

Immerhin haben die Giants den Vertrag des Superstars erst vor der vergangenen Saison per Mega-Deal über 80 Millionen Dollar verlängert. General Manager Dave Gettleman erklärte zudem zuletzt immer, man habe das nicht getan, um ihn zu traden. Was dann doch trotz der Beteuerungen passierte. 

Aber zu welchem Preis? Am Ende bleibt die Franchise auf 16 Millionen Dollar an Dead Money sitzen.

Ja klar, Golden Tate wurde recht fix als Ersatz präsentiert.

Doch auch hier: Um welchen Preis? Sein Vertrag ist immerhin 37,5 Millionen Dollar schwer (23 Millionen davon garantiert). Sportlich dürfte der 30-Jährige im Vergleich zu OBJ keine Verbesserung sein, charakterlich ist er definitiv auch eine Herausforderung, um es mal vorsichtig zu formulieren. Er freut sich bereits auf einen neuen Lebensabschnitt.

Für den Verlust von Safety Landon Collins wiederum gibt es in Peppers Ersatz, allerdings hat der Erstrunden-Pick noch nicht gezeigt, dass er es qualitativ mit Collins aufnehmen kann. Warum Collins nicht gehalten wurde - ob per Franchise Tag oder langfristigem Vertrag? Eine gute Frage.

Eine weitere: Meldungen zufolge werden die Giants Quarterback Eli Manning den Roster-Bonus in Höhe von fünf Millionen Dollar zahlen. Ist dies das für viele Experten ausstehende Bekenntnis zu der alternden Legende, die in ihr letztes Vertragsjahr geht? Falls ja, warum setzt man weiter auf einen 38-Jährigen, der es in den letzten drei Jahren beim Passer Rating nicht unter die Top 20 der Liga geschafft hat? 

"Wenn man eine Lüge lange genug erzählt, glaubt man sie", sprach Gettleman beim Combine die zahlreichen Manning-Kritiker an: "Die Schilderung ist stets negativ, und ich glaube nicht, dass das fair ist." Die Verantwortlichen glauben weiterhin, dass Manning nicht das Problem ist.

"Wir haben einen Plan"

"Wir haben einen Plan", betonte Gettleman in der Pressemitteilung. Kritischen Nachhaken wich man so geschickt aus, denn das war ohne Pressekonferenz natürlich nicht möglich.  

Die erste von vielen Fragen wäre gewesen: Welcher Plan?  

Denn der erschließt sich auch auf den zweiten oder dritten Blick nicht. Dabei ist der für einen Umbruch essentiell. Überlebenswichtig. Zukunftsweisend. Sonst baut man sich um Kopf und Kragen und dreht sich im Kreis. Und ist für Jahre weg vom Fenster.

"Wir bauen das Team weiter um, und dafür braucht man Draft-Kapital. Dieser Trade gibt uns die Möglichkeit dazu", so Gettleman.

Aber neben Draft-Kapital braucht eine Franchise auch Stützen im Kader, die die Last schultern und das Team tragen, es mitreißen, es motivieren können.

Wie die Giants das gewonnene Draft-Kapital nutzen werden, scheint klar: Endlich den Manning-Nachfolge angehen, was aber fraglos ein Jahr zu spät kommt.

2019 geht Gettleman mit zwölf Picks in die Talenteziehung, zwei davon in Runde eins (Nummer 6 und 17), dazu einen in Runde zwei (37). Gut möglich, dass die Giants sich nach oben traden müssen, um zum Beispiel Dwayne Haskins zu bekommen.

2018 hatte man den zweiten Pick, ließ aber Sam Darnold, Josh Rosen und Josh Allen ziehen, holte stattdessen Running Back Saquon Barkley. Der Rookie of the Year ist ein Gewinn, ein qualitativ ähnlich starkes Talent wäre aber auch günstiger zu haben gewesen. In die Playoffs geführt hat er das Team auch nicht. Schon damals war die Planlosigkeit Gettlemans Thema.

Und: Die Haltbarkeit eines Running Backs erwies sich in den letzten Jahren in der NFL als äußerst gering, die Austauschbarkeit hingegen als äußerst groß. Ob James Conner für Le'Veon Bell, Alvin Kamara für Mark Ingram oder Kareem Hunt - auch niedrigere Draft-Picks versprechen Qualität auf der Running-Back-Position.

Trade für Rosen?

Denn hinzu kommt: Der Cap Space der Giants ist mit rund 26 Millionen Dollar nicht üppig. Dass man es fahrlässig ignorierte, um einen günstigen Rookie-Quarterback ein hoffnungsvolles Team aufzubauen, rächt sich jetzt. Denn während rechts und links die Free-Agents-Bomben platzen, schauen die Giants schweigend zu. Zu der Planlosigkeit passt zudem, dass sie Gerüchten zufolge jetzt für Rosen traden wollen, wenn die Arizona Cardinals ihn abgeben sollten.

So oder so: Es läuft alles darauf hinaus, dass die Giants eine vergleichsweise schlechtere Zukunftslösung teurer bezahlen müssen. 

Wobei man in New York froh wäre, überhaupt eine Lösung zu finden. Denn den richtigen Plan dafür haben sie ja offenbar noch nicht entdeckt.

Andreas Reiners

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