Ratlos: Adam Gase. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressRatlos: Adam Gase. © imago images/ZUMA Press

München – Es gibt viele Möglichkeiten, auf so eine Peinlichkeit zu reagieren. Schreien, wüten, ausrasten. Oder weinen. Man könnte sich nach einer Niederlage bei den Miami Dolphins auch einfach verkriechen. Oder sich wenigstens schämen.

Adam Gase reagierte auf die Tatsache, dass seine New York Jets jetzt die neue Lachnummer der Liga sind, auf seine Art. "Das ist die NFL", sagte er: "Du kannst dich nicht für Scheiße schämen."

"Alle fühlen sich beschissen"

Die Jets stehen bei 1-7. Die Stimmung? Am Boden, die Fans fordern bereits die Entlassung des Trainers, der keine gute Figur inmitten der Krise macht, geschweige denn erfolgreich gegensteuert. "Alle fühle sich beschissen", so Gase: "Du investierst nicht all diese Zeit und Mühe, um hierher zu kommen und zu verlieren. Wir müssen die Probleme lösen."

Das Problem: Es ist nicht ein Problem, nicht zwei, es ist ein ganzer Haufen an Problemem und Baustellen, die dazu geführt haben, dass die Auftritte in dieser Saison als "Clown Show" verlacht werden. 

 

Es ist ja ziemlich simpel: Wenn ein Team, dessen Head Coach bereits auf einem stark angewärmten Stuhl sitzt, bei einem anderen Team 18:26 verliert, das in den ersten sieben Spielen 26 Touchdowns beziehungsweise 238 Punkte zuließ und selbst nur 77 Punkte erzielte, dann ist das ein Statement gegen den Trainer. Noch dazu, wenn es das Ex-Team des Coaches ist.

Geht noch mehr Signalwirkung?

Seit 2000 wurden in der NFL nur zehn Trainer während oder nach einer ersten Saison mit einem Team entlassen. Neue haben dann doch eine etwas längere Leine, der Geduldsfaden ist fraglos dicker. 

Allerdings ist Gase kein NFL-Neuling, er hat eine eher maue dreijährige Vergangenheit mit den Dolphins, eine 23-25-Bilanz, mit einer Playoff-Teilnahme 2016 und dem Aus in der Wildcard-Runde.

Alarmierender Ist-Zustand

Ist die Vergangenheit nicht berauschend, ist vor allem der Ist-Zustand der Jets alarmierend. 

Uninspiriert. Undiszipliniert. Lustlos. Desinteressiert. Ganz offensichtlich nicht in der Lage, zu antworten. Zurückzuschlagen, Lösungen zu finden. Da ist es egal, ob das Team gegen den Trainer spielt oder der nicht in der Liga ist, es zu führen und einzustellen – beides ist schlimm und ein Armutszeugnis.

Dabei hat Gase eigentlich die Rückendeckung von Besitzer Christopher Johnson, der zu seinem Head Coach einen guten Draht hat und ihn mit General Manager Joe Douglas und Team-Präsident Hymie Elhai ausgestattet hat. Aber: Gase zu entlassen, ist nicht zuletzt auch eine finanzielle Komponente. 2020 würden die Jets dann Gase bezahlen, Ex-Coach Todd Bowles und denjenigen, der es dann richten soll.

Hinzu kommen Entscheidungen in der Offseason, die seltsam anmuteten. Dass Douglas‘ Vorgänger Mike Maccagnan sowohl für die Offseason als auch den Draft verantwortlich zeichnete ehe er entlassen wurde, sorgte schon damals für viele Fragezeichen. So soll Douglas mit einigen Personalentscheidungen im Nachhinein nicht einverstanden gewesen sein.

Als größtes Sorgenkind ist Quarterback Sam Darnold ein trauriges Gesicht der Krise. Er hat das schlechteste Passer-Rating der Liga, kommt überhaupt nicht in Tritt, kommt in fünf Spielen auf 1077 Yards, sechs Touchdowns und neun Interceptions. Vier Yards pro Play sind der schlechteste Wert der Liga, zwölf Punkte pro Spiel ebenfalls.

Rückschritte bei Darnold

Der einst als Quarterback-Flüsterer hochgelobte Gase bekommt zu seinem Signal Caller, Nummer-drei-Pick im Draft 2018 und die Franchise-Hoffnung, offenbar keine Verbindung. Das führt zu Stillstand, teilweise auch zu Rückschritten in der Entwicklung in seinem zweiten Jahr in der NFL. Auch das ist alarmierend, weil offenkundig, während über Probleme im Locker Room nur spekuliert werden kann. Wenn sich Star-Safety Jamal Adams verbal Luft verschafft und die Verantwortlichen wegen eines geplanten Trades kritisiert, kann man das als Zeichen werten, dass es hinter den Kulissen brodelt. 

Der in der Offseason mit viel Geld und Getöse verpflichtete Le'Veon Bell? Kommt nach acht Spielen auf 415 Rushing und 242 Receiving Yards und zwei Touchdowns. Wunder kann auch er nicht bewirken, komplett ins Spiel integriert ist er zudem auch nicht.

Zahlreiche Baustellen

Hinzu kommen Verletzungsprobleme, Disziplinlosigkeiten, die darin münden, dass die Jets zu den Teams mit den meisten Strafen gehören. 

Eine harmlose Offense und eine zahnlose Defense unterbieten sich gegenseitig in unterirdischen Auftritten. Unvergessen die Klatsche gegen die New England Patriots, bei der Darnold Geister sah.

 

Man kann Erklärungen anführen für die Bilanz, wie die Verletzten, die Eingewöhnungszeit, die durchaus harten Gegner, generelle Anlaufschwierigkeiten. 

Für eine Niederlage wie bei den Dolphins gibt es allerdings keine mehr. 

Andreas Reiners

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