Sebastian Vollmer erklärt die Situation bei den Patriots.Sebastian Vollmer erklärt die Situation bei den Patriots. ©

Hi Football-Fans,

die NFL-Saison biegt mit der Divisional Round (Samstag und Sonntag auf ProSieben MAXX, ProSieben und ran.de) so langsam aber sicher auf die Zielgerade in Richtung Super Bowl ein. Jetzt greift auch mein Ex-Team und der amtierende Champion New England Patriots ins Geschehen ein – allerdings steht bei den Pats im Moment leider weniger das Sportliche, sondern mehr die angeblichen internen Querelen zwischen Besitzer Robert Kraft, Head Coach Bill Belichick und Quarterback Tom Brady im Fokus des öffentlichen Interesses. Ich habe natürlich auch davon gelesen und möchte in dieser Kolumne versuchen, die von "ESPN" erhobenen Vorwürfe mit meinen Erfahrungen ein wenig einzuordnen.

Da ist zum Beispiel die Personalie Alex Guerrero. Ich kenne ihn natürlich sehr gut und habe in meiner aktiven Karriere auch hier und da mal mit ihm gearbeitet. Er ist zwar Tom Bradys exklusiver Physiotherapeut, Fitnesscoach und Berater, aber auch alle anderen Spieler des Patriots-Rosters können auf Alex zurückgreifen. Allerdings gilt dabei immer: Tom's first! Alex hat in der Vergangenheit auch mit vielen anderen Spielern und Teams zusammengearbeitet, bis Tom ihn irgendwann exklusiv für sich verpflichtet hat – auch, weil er der Meinung war, dass es nicht sein könne, dass Alex noch in anderen Locker Rooms ein und aus geht.

Kein eigenes Büro für Guerrero

Apropos ein und aus gehen: Es ist mitnichten so, dass Alex – wie bei "ESPN" beschrieben - dauerhaft in der Kabine der Patriots rumhängt. Und es ist auch ein Märchen, dass er direkt neben dem Locker Room ein eigenes Büro besitzt. Aber er ist nun einmal die erste Vertrauensperson von Tom, sie haben ein sehr inniges Verhältnis und somit bekommt er auch ein bisschen mehr zugestanden, als andere. Denn: Tom möchte möglichst immer Zugriff auf ihn haben. Mich persönlich hat seine Anwesenheit übrigens nie gestört. Dass nun angeblich einige Patriots-Spieler aber eben genau das behaupten, kann ich nicht so recht nachvollziehen. Sie müssen sich ja nicht mit ihm abgeben. In einem Team mit 53 Spielern ist zum Beispiel auch immer mal einer dabei, mit dem man vielleicht nicht so gut kann – dann redet man mit dem einfach etwas weniger und versucht ihn möglichst zu meiden. Wobei man dabei immer professionell bleiben sollte – dann am Ende wollen ja alle das gleiche: Erfolg.

Tom und Alex haben ein gemeinsames System gefunden, das für sie wunderbar funktioniert. Ich habe in meiner aktiven Karriere auch mein eigenes, persönliches System entwickelt – und das hat für mich funktioniert. So geht es übrigens jedem einzelnen Spieler in der NFL. Jeder macht das oder trainiert mit dem Personal-Trainer, der für ihn individuell am besten ist. Warum sich also angeblich einige Patriots-Spieler über die Combo Brady/Guerrero aufregen, ist mir ein wenig schleierhaft. Zumal Tom mit 40 Jahren immer noch auf absolutem Top-Niveau spielt und die Patriots erneut in den Super Bowl führen könnte. Das können nicht viele Spieler in diesem Alter in der NFL von sich behaupten.

Dem Stellvertreter keine Chance geben

Und was den Trade von Jimmy Garoppolo zu den San Francisco 49ers und die angeblichen Rollen von Patriots-Besitzer Kraft, Head Coach Belichick und Brady betrifft, möchte ich zunächst einmal generell festhalten: Der Besitzer eines NFL-Teams kann immer tun und lassen, was er will. Er ist quasi der Arbeitgeber und als Arbeitnehmer musst du das umsetzen, was dir aufgetragen wird. Das aber wirklich nur generell. Und ich kann aus eigener Erfahrung noch sagen, dass du dir immer großen Druck machst, wenn du einen Back-Up auf deiner Position hast, der sehr talentiert ist. Denn: Du willst als NFL-Spieler immer auf dem Rasen stehen und deinem Konkurrenten keine Chance geben, sich zu zeigen. Denn das könnte am Ende im schlimmsten Fall schlecht für dich ausgehen.

 

Quarterback-Legende Brett Favre hat im Herbst seiner Karriere, mit Anfang 40, mal gesagt: "So lange ich auf dem Platz stehe, gebe ich meinem Stellvertreter keine Chance, sich zu beweisen. Und deshalb blende ich auch kleinere Verletzungen aus und spiele durch." Genau so denken alle Spieler in der NFL. Tom Brady kennt diese Situation auch noch zu gut. Er war damals noch ein recht unbedeutender Quarterback, der 199. Pick der sechsten Runde des Drafts und Back-Up des damaligen Star-Spielmachers Drew Bledsoe. Als dieser sich verletzte, schlug Toms Stunde und seitdem ist er aus dem Team der Patriots nicht mehr wegzudenken. Spätestens seit damals weiß Tom, dass jeder seinen Job will. Aber er hat ein gewisses Selbstverständnis, ist mehrfacher MVP und ein All-Pro. Da will man seinen Startplatz, auch mit 40 Jahren, nicht so einfach aufgeben. Damit möchte ich aber definitiv nicht sagen, dass Tom diesen Trade bei Robert Kraft forciert oder gar gefordert hat.

Dass Belichick die Patriots nach dieser Saison eventuell verlassen könnte, ist durchaus im Bereich des Möglichen. Die Gefahr besteht aber ja schon seit ein paar Jahren, dass er seine Karriere beenden könnte. Belichick ist jetzt 65 Jahre alt und hat alles erreicht – was soll da noch kommen? Er braucht niemandem mehr etwas beweisen und macht den Job nur noch aus Liebe zum Spiel – deswegen halte ich es auch für ausgeschlossen, dass er sich, wie spekuliert wird, nochmal den New York Giants anschließt. Eher trainiert er nochmal eine High-School-Mannschaft in Massachusetts, um nicht ganz den Kontakt zum American Football zu verlieren. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich mich damals schon, als ich meinen neuen Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben habe, bereits gefragt habe, wie lange Belichick noch Head Coach sein wird. Brady war damals auch bereits 36 Jahre alt. Und beide sind immer noch da. Meiner Meinung nach wäre es sogar das Beste, wenn Belichick und Brady gleichzeitig aufhören würden – bestenfalls mit einem Super-Bowl-Sieg. Sie haben eine Ära geprägt und würden diese dann auch gleichzeitig – hoffentlich erfolgreich – beenden.

Josh McDaniels als Belichick-Nachfolger?

Wer in diesem Fall Belichicks Nachfolger werden könnte? Schwer zu sagen. Für mich waren eigentlich immer entweder Offensive Coordinator Josh McDaniels oder Defensive Coordinator Matt Patricia die designierten Nachfolger. Allerdings stehen beide aktuell hoch im Kurs als neue Head Coaches bei diversen NFL-Teams. Kein Wunder. Ich halte beide für absolut fähig, sie sind beide sehr beliebt bei den Spielern und haben definitiv das Zeug dazu, ein NFL-Team eigenverantwortlich zu coachen. Bei den Patriots würden beide Positionen mit Sicherheit intern neu besetzt – denn das System ist vorgegeben. Zumindest so lange Belichick da ist. Das System in der Offense und Defense bleibt also gleich, nur die Charaktere der handelnden Personen ändern sich. Gut möglich, dass zum Beispiel der aktuelle Wide-Receiver-Coach Chad O'Shea neuer Offensive Coordinator werden könnte.

Aber das sind alles nur Gerüchte – jetzt zählt für die Patriots erstmal die Divisional Round gegen die Tennessee Titans. Ein Team, dass man nicht unterschätzen sollte. Allerdings sind die Titans eine Mannschaft, die vor allem über den Lauf kommt und somit sehr eindimensional ist – aus meiner Sicht zu wenig, um Belichick zu überraschen. Deswegen gehe ich schon von einem Heimsieg der Pats aus. Lassen wir uns einfach mal überraschen.

Jetzt wünsche ich euch auf jeden Fall viel Spaß mit der Divisional Round live auf ProSieben, ProSieben MAXX und ran.de.

Wir lesen uns bald wieder!

Bis dann,

Euer Sebastian

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