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München/New Orleans - Es war ein Bild, bei dem auch gestandenen Männern die Tränen hätten kommen können: Nach dem 30:20-Erfolg der Tampa Bay Buccaneers bei den New Orleans Saints warfen die Top-Quarterbacks Drew Brees und Tom Brady noch ein paar Bälle, gemeinsam mit ihren Kindern. Beide wussten wohl, dass es das letzte Mal war, dass sie sich auf dem Feld als Kontrahenten treffen würden.

Trotz des bitteren Playoff-Ausscheidens gegen den Division-Konkurrenten und des noch bitteren Abschieds von Saints-Legende Brees schien bereits Vorfreude auf die neue Ära zu herrschen.

Thomas-Posse überschattet ganze Offseason

Doch die scheint längst verflogen. Denn von Ruhe war die gesamte Saints-Franchise in den vergangenen Monaten weit entfernt. Zentrales Thema: Michael Thomas. Der Wide Receiver, der in der Saison 2019 noch einen NFL-Rekord für Catches in einer Spielzeit aufstellte, fiel in der Saison 2020 öfter mal aus. Nicht etwa wegen Problemen mit dem Coronavirus, sondern wegen einer hartnäckigen Knöchelverletzung.

In den Playoffs spielte Thomas zwar, war jedoch kein Faktor. Jeder, der etwas genauer hinschaute, konnte sehen, dass er nicht fit war. Dort begann die Schlammschlacht jedoch: Während die Saints von Thomas verlangten, sich schnellstmöglich operieren zu lassen, lehnte er das zunächst ab.

Erst im Juni unterzog er sich dem Eingriff, Head Coach Sean Payton brodelte innerlich. "Es ist enttäuschend, wissen Sie? Wir hätten gerne gesehen, dass diese Operation früher passiert. Jetzt müssen wir eine ganze Zeit lang ohne ihn auskommen", so der 57-Jährige, sichtlich angefressen auf einer Medienrunde. Bei optimalem Verlauf wird Thomas im November zurückerwartet.

Quarterback-Situation lange unklar - Receiver-Corps unterdurchschnittlich

Neben dem Streit um und mit Thomas hatten die Saints ein weiteres großes Problem: Wer wird der (vorläufige) Erbe von Brees? Taysom Hill, der die meiste Zeit einsprang, wenn der Routinier verletzt war, oder doch Jameis Winston, der Passing-Yards-Leader der Saison 2019?

Am Ende wurde es Letzterer. Winston überzeugte die Coaches in der Off- und Preseason mehr und erkämpfte sich den Job als Starter. Hill wird in seine bekannte Rolle als "Schweizer Taschenmesser", also einen werfenden Tight-End/Running-Back-Hybriden, schlüpfen.

Aber zu wem soll Jameis überhaupt werfen? Durch den Thomas-Ausfall ist die aktuelle Nummer eins bei den Saints Maquez Callaway. Zur Einordnung: Callaway ist erst in seinem zweiten Jahr und fing in seiner Rookie-Saison 21 Bälle für 213 Yards und keinen Touchdown. Nicht gerade die Statistiken eines Top-Receivers.

Daneben stehen noch Tre'Quan Smith sowie Deonta Harris und Chris Hogan zur Verfügung. Tight End Adam Trautman, als Starter eingeplant, verletzte sich in der Preseason. 2019, als Winston bei den Tampa Bay Buccaneers Passing-Yards-Leader wurde, hatte er mit Mike Evans, Chris Godwin und Tight End Cameron Brate ungleich bessere Receiver. Eine Wiederholung ist also mehr als fraglich.

Hurrikan Ida bringt Camp durcheinander

Nicht nur sportlich lief es in New Orleans nicht gerade rund: Gerade erst erschütterte der Hurrikan Ida den Süden der USA, unter anderem auch die Stadt New Orleans.

Neben den verheerenden Auswirkungen auf die Stadt selber ist auch die Vorbereitung der Saints gestört: Den ganzen September über werden die Spieler nicht zu Hause spielen oder trainieren können. Das heißt auch, dass die Profis lange von ihren Familien getrennt sein werden. Eine optimale Vorbereitung sieht anders aus.

Nach dem schweren Auftaktspiel gegen die Green Bay Packers, das in Jacksonville gespielt wird, geht es zum Division-Rivalen Carolina Panthers und danach in den Nordosten zu den New England Patriots. Einfach ist das Auftaktprogramm sicher nicht.

Die Defense muss die Offense tragen - Parallelen zu 2020er Patriots

Wenn die New Orleans Saints in dieser Spielzeit konkurrenzfähig sein wollen, dann muss ihre Defense auf dem Niveau der vergangenen Jahre spielen. Die musste nämlich kaum Aderlass verkraften, vorne ist Cameron Jordan noch immer einer der besten Defensive Linemen, im Backfield regelt Marshon Lattimore den Verkehr, das Personal ist also immer noch das oberste NFL-Regal.

Auch wenn Head Coach Payton zu den besten und kreativsten Playcallern der Liga gehört, die Offense wird trotz Running Back Alvin Kamara nicht so stark sein wie unter Brees.

Ein bisschen erinnert die Situation in New Orleans an die New England Patriots vom vergangenen Jahr. Der Franchise-Quarterback, in diesem Fall Tom Brady, hatte sich verabschiedet, lange herrschte Unklarheit auf der QB-Position, hinzu kamen viele Verletzte und eine schwache Receiver-Gruppe.

Auch dort brachte das hervorragende Coaching sowie die gute Defense-Einheit der Mannen aus Foxborough das Team auf immerhin eine 7-9-Bilanz, jedoch nicht wirklich in Playoff-Contention.

Die Saints-Fans werden hoffen, dass ihrem Team - trotz der vielen genannten Parallelen - zumindest diese Parallele erspart bleibt. Möglich ist es allemal, aber viel Anlass zum Optimismus besteht aktuell nicht.

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