Patrick Mahomes gewann als zweitjüngster Quarterback nach Ben Roethlisberger... - Bildquelle: gettyPatrick Mahomes gewann als zweitjüngster Quarterback nach Ben Roethlisberger den Super Bowl. © getty

München - Ende Dezember 2019 saß Patrick Mahomes in einem Büro des Headquarters der Kansas City Chiefs am One Arrowhead Drive in Kansas City und sah sich ein paar Spielszenen von Lamar Jackson an. Neben ihm saß ein Reporter von "Sports Illustrated", eine Einschätzung von Mahomes über den Quarterback der Baltimore Ravens war als Teil des verabredeten Interviews gedacht.

"Er wird MVP und das berechtigt", sagte Mahomes und outete sich als "großer Fan" von Jackson. Zum Zeitpunkt des Interviews war eine Reise der Chiefs nach Baltimore und damit ein direktes Aufeinandertreffen zwischen Mahomes und Jackson im AFC Championship Game quasi abgemacht.

Doch dann unterlagen die Ravens den Tennessee Titans in der Divisional Round und Jackson machte dabei sein vielleicht schlechtestes Saisonspiel. Er lief zwar für 143 Yards, warf aber zwei Interceptions und wirkte unaufgeräumt. Bei jedem incomplete Pass schimpfte er gestenreich und warf auch mal seinen Helm in der Gegend rum.

 

Andy Reid: Mahomes' größte Stärke ist seine innere Ruhe

Viele Experten hielten Jackson anschließend für (noch) zu grün hinter den Ohren, um in Playoffspielen der NFL zu bestehen.

Einen Tag später war Mahomes mit seinen Chiefs an der Reihe. Ein Sieg gegen die Houston Texans und Kansas City darf im Championship Game gegen die Titans im heimischen Arrowhead antreten.

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Houston dominiert das erste Viertel, bei KC geht dagegen alles schief. Die Chiefs liegen 0:24 zurück, ehe Mahomes zu einem unbeschreiblichen Run ansetzt. Am Ende legten die Chiefs 51 Punkte auf, Mahomes warf für 321 Yards und fünf Touchdowns.

Head Coach Andy Reid adelte Mahomes nach dem Spiel und hob insbesondere dessen mentales Plus hervor. "Seine vielleicht größte Stärke ist, dass er innerlich immer ruhig bleibt", sagte Reid.

Wende im Super Bowl dank Mahomes Magic 

Mahomes' Fähigkeit, praktisch nie hektisch zu werden und blind auf sein Können zu vertrauen, unterscheidet ihn von fast allen Quarterbacks in der NFL. Werfen können viele, aber kaum jemand verbindet Risiko und Genauigkeit so perfekt wie Mahomes. Er kann jederzeit Big Plays auflegen und Pässe auch über 30, 40, 50 Yards in die engste Man Coverage abfeuern, die dann auch ankommen.

"The Chiefs need some Mahomes Magic", sagte "Fox"-Reporter Joe Buck im Super Bowl vor dem 3. Versuch und 15 bei 7:13 Minuten im letzten Viertel. 10:20 lagen die Chiefs zurück, nur etwas Magisches konnte sie irgendwie im Spiel halten.

Mahomes zündete einen 44-Yards-Pass auf Tyreek Hill - der Beginn des dritten und alles entscheidenden Postseason-Comebacks von Kansas City. Sieben Minuten und drei Touchdowns später hatten die Chiefs ihre 50 Jahre andauernde Durststrecke beendet.

Kelce: "Geiles Zeug nur möglich, weil er frei ist"

Mit 24 Jahren ist Mahomes der jüngste Spieler, der MVP und Super-Bowl-Champion wurde. Er ist gerade mal drei Jahre in der Liga und hat schon unzählige Bestmarken aufgestellt. Eine Mini-Auswahl: Kein Spieler schaffte jemals schneller 70 TD-Pässe, kein Quarterback vor ihm drehte in drei aufeinanderfolgenden Spielen einen Rückstand von mindestens zehn Punkten noch in einen Sieg, kein Quarterback warf hatte seinen ersten drei Jahren als Starter so viele 300-Yards-Spiele (17).

Statistiken können schnell langweilen und um Mahomes' atemberaubende Zahlen lückenlos aufzuschreiben, fehlen Zeit und Muße. Ein Stat können wir uns an dieser Stelle aber nicht verkneifen: Mahomes brachte in der abgelaufenen Saison bei 3 und 15 von 17 Pässen 13 an den Mann, warf dabei für 299 Yards, drei Touchdowns und 0 Interceptions. Stichwort Risiko, Stichwort Präzision.

Mahomes hat aber nicht nur langen Hafer im Repertoire. Er verblüfft gerne mit No-Look-Pässen und kann’s auch mit dem "schwachen" linken Arm. Für Tight End Travis Kelce ist Mahomes dazu fähig, weil er schlichtweg keinen Druck verspürt. "Alles, was er macht, diese No-Look-Pässe und das ganze andere geile Zeug, kann er machen, weil er einfach da rausgeht und frei ist", sagt Kelce.   

Intensive Beinarbeit in der Offseason

Neben seinem von Gott gegebenem Wurftalent verfügt Mahomes über ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: ein fotographisches Gedächtnis. Ihm wird nachgesagt, ähnlich wie Rams-Head Coach Sean McVay in der Lage zu sein, sich unzählige Spielzüge genauestens zu merken und jederzeit abrufen zu können. Seine Vorstellungskraft hilft ihm, sämtliche Formationen und Plays aufzunehmen und zu verarbeiten.

Hinter all dem steckt aber natürlich eins: verdammt harte Arbeit. Am Tag nach dem Trade von Freund und Mentor Alex Smith nach Washington, wodurch Mahomes quasi über Nacht zum Starter der Chiefs aufstieg, rief er einige seiner Teamkollegen an und arrangierte eigene Workouts.

Nach einer grandiosen letzten Saison, die für Mahomes im Championship Game gegen die New England Patriots bitter endete, widmete er sich im frühen Stadium der Offseason seiner Beinarbeit, da er, wie er sagt, "öfter in alte Muster zurückfiel". Das resultierte in ungenauen Pässen, "weil ich dann mit dem Gewicht auf dem hinteren Fuß werfe."

Deshalb bestellte er seinen privaten Quarterback-Coach, Jeff Christensen, in seinen Heimatort Tyler/Texas und verbrachte mit ihm im März und April 2019 unzählige Stunden. Beide arbeiteten an einer verbesserten Balance und Körperbeherrschung. Dabei wurden oft brenzliche Situationen (Druck von gegnerischen Pass Rushern) simuliert. "Wenn meine Füße passen, kann ich so präzise werfen, wie ich es haben möchte", sagte Mahomes.

Zwölf-Minuten-Video bereitete Mahomes auf Super Bowl vor

Man kann noch so viel draufhaben als Profispieler der NFL, man muss es aber auch dann abrufen können, wenn die Preise verteilt werden. Insofern war Super Bowl 54 der ultimative Test für Mahomes.

Um das ganze Ausmaß im Vorfeld besser einschätzen zu können, ließen Kafka und Offensive Coordinator Eric Bieniemy ein zwölfminütiges Video produzieren, das Mahomes die großen Unterschiede zwischen einem "normalen" NFL-Spiel und dem Super Bowl aufzeigen sollte.

Auf möglichst jede Marotte, jedes Detail, jede Auffälligkeit sollte Mahomes vorbereitet werden. Auf die extra installierten Kameras in der Kabine und im Spielertunnel. Auf die genaue Position der Play Clock im Hard Rock Stadium von Miami. Auf die ungewöhnliche Halbzeit und die ungewöhnliche lange Warm up-Phase auf dem Feld vor dem Kickoff - ein zentraler Punkt hinsichtlich der mentalen Vorbereitung.

Den Coaches war wichtig, Mahomes darzulegen, dass der seine Emotionen und seine Energie in der verlängerten Aufwärmphase kanalisieren muss, um beim Gong voll da zu sein.  

So richtig da war Mahomes erst wesentlich später. Bei 7:13 Minuten vor Schluss. Das hat gereicht den Chiefs. Weil sie Patrick Mahomes haben.

Thomas Gaber

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