Jalen Hurts: Die Zukunft der Eagles? - Bildquelle: Getty ImagesJalen Hurts: Die Zukunft der Eagles? © Getty Images

München/Philadelphia - Eigentlich gibt es keinen schlechteren Zeitpunkt. In der Offensive Line ersetzen die Ersatzmänner der Ersatzmänner die Ersatzmänner.

Den Wide Receivern gelingt es nicht, sich Raum zu verschaffen. Die gegnerischen Running Backs überlaufen die Defense, die Pässe des Gegners finden durchweg in die zugehörigen Hände.

Und dann sind da noch die angesagten Spielzüge. Kein Esprit, keine Finesse, nichts Neues, nur Altbekanntes, Vorhersehbares.

Kein Wunder, dass sich die vierte Niederlage in Serie anbahnt. 3:20 steht es aus Sicht der Philadelphia Eagles bei den Green Bay Packers. Es ist der Zeitpunkt, an dem Jalen Hurts das Quarterback-Spiel bei den Eagles übernimmt.

Mitte Drittes Viertel. Es ist aber auch der Zeitpunkt, der den Klub verändert, der dazu führt, wo die Eagles jetzt stehen. Zur Entlassung von Doug Pederson, zum Trade von Carson Wentz zu den Indianapolis Colts.

Denn genau zu diesem Zeitpunkt, der auf keinem Statistikbogen wiederzufinden ist, passiert etwas, was, zugegeben, eine fast schon abgedroschene Metapher ist: Der Funke springt über.

Hurts haucht der Offense und dem gesamten Team Leben ein. Der Zweitrunden-Pick nimmt das Spiel in die Hand - im wahrsten Sinne des Wortes. Mal per Pass, mal per Lauf. Seine Receiver fangen wieder Pässe, seine O-Line blockt sich den Allerwertesten ab. Kurz: Das gesamte Eagles-Team, sein Team spielt besser. 

Umbruch bei den Eagles

Der weitere Verlauf ist bekannt: Hurts startet die restlichen Saisonspiele. Super-Bowl-Coach Doug Pederson wird entlassen. Den 128-Mio-Mann Wentz schicken die Eagles nach Indianapolis. 

Wie schnelllebig die NFL ist? "Wir haben zwei Quarterbacks im Kader, die ich sehr gut finde. Ich kann es kaum erwarten, mit den beiden zu arbeiten", sagte der neue Head Coach Nick Sirianni noch vor einigen Wochen auf einer Pressekonferenz.

Damals gingen Experten noch von einem Kampf um den Starter-Posten aus. Einige vermuteten sogar, dass Sirianni extra geholt wurde, um Wentz "zu reparieren". 

Es zeigt auch: Beim richtigen Angebot schlägt General Manager Howie Roseman zu. Auch im Draft?

Die Eagles wählen immerhin an 6. Stelle, ein hoher Pick, der viele Optionen offen hält ... auch Quarterback. Bevor Philly aktiv wird, müssen sie sich klar werden: Hat Hurts genug gezeigt, um die Langzeitlösung zu sein?

Solides Rookie-Jahr

Sechs erworfene Touchdowns, dazu drei erlaufene, gingen in der vergangenen Saison auf das Konto des Quarterbacks. Allerdings warf der 22-Jährige vier Interceptions und war für neun Fumbles verantwortlich. 

Ein Blick auf den Statistikbogen reicht bei der Evaluierung von Hurts nicht aus. Der Zweitrunden-Pick wurde inmitten einer Pandemie-Saison in eine stockende Offense ohne große Aussicht auf die Playoffs reingeworfen. Innerhalb dieser Umstände schlug sich der ehemalige Passgeber der Oklahoma University solide. 

Immer wieder improvisierte er, wich Pass Rushern aus und fand bei langen dritten und vierten Versuchen einen Passabnehmer. Immer wieder warf er seinen Körper in Richtung First-Down-Markierung, um Drives mit seiner Lauffähigkeit am Leben zu halten. Immer wieder gelang es ihm, ein gewisses "Feuer" in die Offense zu bringen.

Besonders seine Fähigkeit zu improvisieren beeindruckt.

Hurts kann Spielzüge durch seine Athletik am Leben halten und wenn er keine Anspielstation findet, Raumgewinn erlaufen. Seine läuferischen Fähigkeiten kommen in Spielzügen, in denen der Quarterback den Ball behält, gut zur Geltung. Read-Options oder QB-Keepers funktionieren mit Hurts. Diese Fertigkeiten Hurts' erweitern die Möglichkeiten des Play-Callers, in diesem Fall Siriannis. 

"Es dreht sich alles um den Spieler. Was kann er am besten? Wo sind seine Schwächen? Wir werden die Offense um die Stärken unserer Spieler aufbauen", betonte daher auch Sirianni.

Noch kein "klassischer" Quarterback

Allerdings zeigte Hurts in allen Partien Defizite als Passgeber. Mal übersah er eine offene Route. Mal lief er zu früh los, anstatt die Zeit in der Pocket zu nutzen. Mal blieb er an seiner ersten vorgegebenen Anspielstation kleben und überblickte nicht das gesamte Feld.

Er ließ einen gewissen Rhythmus vermissen und verfehlte zu oft die vermeintlich "einfachen" Pässe. So brachte er lediglich 30 von 49 Pässen über bis zu 10 Yards an den Mann. Fehler, die erfahreneren Quarterbacks nicht unterlaufen. Fehler, die ausgemerzt werden können, aber in welchem Zeitraum?  

Umbau oder Ausbau

Die Eagles befinden sich in einer verzwickten Lage. Routinierte Spieler wie Fletcher Cox, Brandon Graham, Brandon Brooks oder Lane Johnson bringen eine Menge Qualität mit, dürften aber wegen ihres Alters nicht mehr lange auf Top-Niveau spielen.

Derzeit liegt der Cap Space der Eagles mit rund 30 Millionen US-Dollar im Minus und dürfte die Eagles dazu zwingen, sich von einigen teureren Spielern zu verabschieden. Wie unlängst Wide Receiver DeSean Jackson. Knapp 10 Millionen Dollar gespart.

Das bringt uns wieder zum 6. Draft-Pick, ein Pick, der es Philly ermöglichen dürfte, einen der Top-QBs zu ergattern.

Aber: Die Eagles haben zwei Optionen.

Sie setzen ihr Vertrauen auf Hurts und dessen Entwicklung, stellen ihm beispielsweise mit dem sechsten Pick einen Receiver wie Ja'Marr Chase oder DeVonta Smith oder einen Offensive Tackle wie Penei Sewell zur Seite, nutzen weitere Draft-Picks, um um ihn herum zu bauen und wagen es ein letztes Mal mit den erfahrenen Spielern auf Super-Bowl-Jagd zu gehen.

Top Quarterbacks im Draft

Die zweite Option ist der Start eines kompletten Umbaus. Der Quarterback ist unumstritten die wichtigste Position im Football. Es bietet sich nicht oft die Chance, einen der Top-Quarterbacks im Draft zu holen und sich den Franchise-Quarterback für die nächsten 10 bis 15 Jahre zu sichern.

Dieses Potential könnte in Kandidaten wie Trevor Lawrence, Justin Fields, Zach Wilson, Trey Lance und Mac Jones stecken.

Roseman muss sich die Frage stellen, ob Hurts bereits in diese Kategorie Franchise-Quarterback fällt.  

Hurts selbst sagte vor einigen Wochen: "Ich kann nur meine Einstellung, meine Mentalität und meinen Ehrgeiz kontrollieren, alles weitere wird sich ergeben."

Eigentlich Worte, die für den Charakter eines Franchise-Quarterbacks sprechen. Eigentlich.

Tim Rausch  

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