Philip Rivers: Alles ist möglich. - Bildquelle: imago/ZUMA PressPhilip Rivers: Alles ist möglich. © imago/ZUMA Press

München/Los Angeles – Es gibt Spieler, die halten sich raus. Fliegen unter dem Radar, stehen in der zweiten Reihe. Agieren solide, auf einem sehr guten Niveau, aber für die ganz große Bühne reicht es irgendwie nicht. Im großen Scheinwerferlicht der NFL sonnen sich die anderen. 

Es geht dabei nur um ein paar Prozentpunkte, ein bisschen Talent, ein bisschen Glück. Nuancen. 

Wie es scheint, hat Philip Rivers im hohen Alter diese Prozentpunkt gefunden. Um im Bild zu bleiben: Der Quarterback der Los Angeles Chargers drängt nicht nur auf die große Bühne, die Scheinwerfer richten sich langsam auf ihn. 

Schafft er den großen Wurf?

War er bislang eher als bester Nebendarsteller nominiert, könnte es nun der große Wurf werden, die Hauptrolle: Im zarten Alter von 37 Jahren ist Rivers ein ernsthafter MVP-Kandidat. Und seine Chargers nach dem furiosen 29:28 bei den Kansas City Chiefs mit einer 11-3-Bilanz Mitfavorit auf den Super Bowl.

"Leichtsinniger Revolverheld" - diese Attitüde wurde ihm lange nachgesagt. Tolle Offensivaktionen, viele Yards und Touchdowns. Aber auch zu viele Interceptions, leichtsinnige Fehler, falsche Entscheidungen, zu viel Risiko.

 

Sein sportliches Standing wird mit einem Blick in den Draft von 2004 deutlich. Damals wurde Rivers an vierter Stelle ausgewählt, seine Quarterback-Kollegen Eli Manning an eins, Ben Roethlisberger an elf. Alle drei spielten bislang nur für ein Team, sowohl Manning als auch "Big Ben" holten zwei Super Bowls mit den New York Giants und den Pittsburgh Steelers. 

Mit dem SUV zur Arbeit

Und Rivers? Ist seit 2006 Chargers-Starter, schaffte aber nur fünf Mal die Playoffs und dabei nur vier Siege. Für eine Chance auf den Super Bowl reichte es nicht. Es schien, als lief da in Los Angeles so langsam eine Karriere aus, auf die man stolz sein kann, der aber das Premium-Prädikat fehlt.

Er und seine Frau Tiffany erwarten im März ihr neuntes Kind, er wohnt trotz des Umzugs der Franchise wegen der Kinder immer noch in San Diego und lässt sich jeden Tag mit dem SUV nach L.A. fahren, in dem er Videos studieren kann. So kann man die Laufbahn adäquat ausklingen lassen.

Und wenn sie nicht gestorben sind…? 

Nein.

Denn in dieser Saison ist etwas anders. Rivers ist anders. 

Präziser, effektiver, weil konservativer

Präziser, effektiver, weil konservativer. Er ist mehr Anführer als früher, macht Mitspieler besser und ist inzwischen einer, der dem Spiel eine Wende gibt. Bezahlte er früher oft die Rechnung für unnötig riskante Pässe, übernehmen das immer öfter die Gegner. Er hat den einst unzähmbaren und unberechenbaren Instinkt im Griff.

Das Team um den Signal Caller hat eine für die Chargers ungewohnte Siegermentalität entwickelt, mit der Spiele wie bei den Steelers (33:30 nach 7:23 zur Halbzeit) oder jüngst bei den Chiefs (14:28 knapp vier Minuten vor Schluss) spektakulär gedreht werden. Andere übernehmen mehr Verantwortung, das Team ist ausbalancierter als früher.

Das Selbstvertrauen scheint grenzenlos, die Aktionen wirken wie eine Selbstverständlichkeit, sind teilweise Selbstläufer. Beispiel Chiefs: Head Coach Anthony Lynn rief Rivers zu sich, sagte: "Lass es uns jetzt gewinnen." Kein Extrapunkt, Lynn ging auf die Two-Point-Conversion. Und das Team setzte es um, gewann. 

 

"Das ist ein belastbares Team", sagt Rivers: "Ich glaube nicht, dass es irgendetwas gibt, dass dieses Team nicht schaffen kann." Sein Head Coach meint: "Es war unglaublich, wie er die Mannschaft nach zwei Interceptions zum Sieg geführt hat. Aber so agiert er schon das ganze Jahr."

Der direkte Vergleich mit den MVP-Kandidaten: Drew Brees kommt bei den Saints auf eine unfassbare Completion Percentage von 75,7 Prozent, warf zudem für 31 Touchdowns, vier Interceptions und 3463 Yards. Patrick Mahomes (Chiefs) liegt bei 67,1 Prozent, 45 Touchdowns, elf Interceptions, 4543 Yards. Rivers muss sich mit 69,4 Prozent, 31 Touchdowns, acht Interceptions und 3951 Yards dahinter nicht verstecken. 

Das Timing ist perfekt

Ligaweit ist er bei den Passing Yards Vierter, bei den Touchdowns Dritter, bei den Completions Sechster. Was noch wichtiger ist: Bei den Interceptions ist er so gut wie nie. Er hat auch schon mal 18, 20 und 21 geschafft. Sein aktuelles Quarterback-Rating: 112,4. Noch ein Bestwert.

Wie es aussieht, ist das Timing perfekt. Das Team wächst. Und glaubt an das Ziel.

"Wir haben noch Arbeit vor uns. Aber ich glaube nicht, dass es eine Situation geben kann, die wir noch nicht gesehen haben. Was bedeutet: Du fühlst dich ausgerüstet und bereit."

Bereit, in das Scheinwerferlicht zu treten. 

Andreas Reiners

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