Wohin führen sie die Steelers: Mike Tomlin und Ben Roethlisberger. - Bildquelle: imago/Icon SMIWohin führen sie die Steelers: Mike Tomlin und Ben Roethlisberger. © imago/Icon SMI

München/Pittsburgh – Es gibt da ein sehr cooles Video. Eines mit Gänsehaut-Garantie. 32 legendäre Plays. 32 Game-Winning-Touchdowns. 32 besondere Momente, die in die NFL-Geschichte eingingen. 

Momente, die das Potenzial dazu haben, eine ganze Saison zu verändern, ein Team zu tragen und anzutreiben. Gegen alle Widerstände. Jeder Fan hat das wohl schon einmal erlebt, kennt das Gefühl: Ein Spiel, ein Spielzug, eine Aktion, eine Szene, wo man weiß: Das ist die Wende. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen. Ein Selbstläufer.

Die Pittsburgh Steelers können am Sonntag (ab 22.25 Uhr live auf ProSieben MAXX und ran.de) gegen die New England Patriots so einen Moment gut gebrauchen. Einen Season-Changer. Irgendetwas, das die Franchise wieder auf Kurs bringt.

Auch den umgekehrten Effekt gibt es

Denn klar ist: Eingangs erwähnte Momente gibt es auch mit dem umgekehrten Effekt. Indem sie einen Negativlauf einleiten oder verstärken. Man weiß im Unterbewusstsein bereits vorher: Das kann böse enden. Und dann wird es das meistens auch.

Wenn man so will, hatten die Steelers zuletzt erst so einen Moment. Beziehungsweise zwei. 

Beim peinlichen 21:24 bei den Oakland Raiders verbrachte Quarterback Ben Roethlisberger fast die gesamte zweite Hälfte an der Seitenlinie, weil nicht klar war, wie schwer seine Rippenverletzung nach einem Sack war. Der Grund für die Konfusion? Kein Witz: ein veraltetes Röntgengerät. Eine genaue Diagnose war schlicht nicht möglich, weshalb die Steelers kein Risiko eingehen wollten. Zur Halbzeit führten sie noch 14:10, Roethlisberger kehrte erst gegen Ende des letzten Viertels zurück. Mit Backup Josh Dobbs gab es unter anderem zwei Punts und eine Interception. 

Noch etwas schlimmer wiegt möglicherweise der letzte Field-Goal-Versuch von Chris Boswell fünf Sekunden vor Schluss. Es wäre der Ausgleich gewesen. Doch Boswell rutschte aus. Es war sein sechster verpatzter Versuch in dieser Saison.

Typische Episode?

Vielleicht nur eine weitere, typische Episode einer langen Saison. Wie auch das Theater um Le’Veon Bell nur eine war, die das Team dank Backup James Conner sportlich souverän aufgefangen und auch mental abgeschüttelt hat.

Doch nicht von der Hand zu weisen ist der negative Touch, den die Saison inzwischen bekommen hat. Die Pleite bei den Raiders war die dritte in Folge, zuvor verlor man gegen die Broncos (17:24) und die Chargers (30:33). Das Problem: Nach den Pats warten die New Orleans Saints, zum Abschluss der Regular Season noch Division-Rivale Cincinnati Bengals. Es ist also durchaus möglich, dass die Steelers von den letzten drei Spielen nur eins gewinnen. Vielleicht auch keins.

 

Und plötzlich führt man nicht mehr die AFC North an und spricht über die Postseason, sondern steht bereits vor Neujahr mit leeren Händen da. Möglicherweise dann mit sechs Niederlagen in Serie.

Rund um Pittsburgh werden deshalb erste Stimmen laut, die einen Umbruch fordern, einen Neustart ohne Head Coach Mike Tomlin. Über Abnutzungserscheinungen wird spekuliert, auch im Verhältnis mit Franchise-Legende Roethlisberger. Neu ist das nicht. Im September hieß es nach dem verpatzten Saisonstart, Tomlin habe die Kontrolle über die Kabine verloren. Die Vorwürfe verloren sich mit den ersten Siegen.

Fakt ist sowieso: Wo andere langfristig mit ihren Coaches planen, haben die Steelers langfristig neu definiert. Stabilität wird ganz groß geschrieben. Tomlin ist seit 2007 Head Coach. Sein Vorgänger Bill Cowher stand von 1992 bis 2006 an der Seitenlinie. Dessen Vorgänger Chuck Noll war Head Coach von 1969 bis 1991. 

Genau: Die Steelers sind in den vergangenen rund 50 Jahren mit drei Head Coaches ausgekommen. Zum Vergleich: Die Raiders haben seit 2000 elf, die Browns immerhin neun verschlissen.

Noch keine negative Saison

Man muss dazu sagen: Tomlin hatte in Pittsburgh noch nie eine negative Saison, schaffte in elf Jahren acht Mal die Playoffs, zweimal den Einzug in den Super Bowl und 2008 den Triumph gegen die Cardinals, als jüngster Coach der NFL-Historie. 123 Siege holte er in der Regular Season, bei 64 Niederlagen. Im Vergleich mit aktiven Kollegen mit mindestens drei Saisons ist seine Winning Percentage die zweitbeste hinter Bill Belichick.

Trotzdem ist der 46-Jährige nicht mehr unantastbar, werden ihm Fehlentscheidungen und falsche Calls vorgeworfen. Auch die Loyalität zu Boswell können nur noch wenige nachvollziehen. 

 

Ein Vorwurf: Diese Saison sei ein Mikrokosmos der kompletten Ära, mit Drama, internem Streit und Inkonsistenz. Ein weiterer Vorwurf: Angesichts des vorhandenen Talents hätte die Ausbeute in den Playoffs besser sein können. Denn Tomlins Achillesferse sind nur drei Siege in den Playoffs in den letzten sieben Saisons. Es gibt nicht wenige, die sich aktuell (den in Pittsburgh geborenen) Mike McCarthy nach dessen Entlassung bei den Green Bay Packers wünschen.

Doch das sind die typischen Nebengeräusche, wenn es nicht läuft. Die verstummen auch sehr schnell wieder, wenn die Steelers das Ruder herumreißen, die Saison retten.

Manchmal reicht dafür ein besonderer Moment.

Andreas Reiners

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