Die Carolina Panthers wählten Cam Newton an erster Stelle im NFL Draft 2011 - Bildquelle: Getty ImagesDie Carolina Panthers wählten Cam Newton an erster Stelle im NFL Draft 2011 © Getty Images

München - Eins dürfte nach dieser Offseason erneut klar sein: Bill Belichick lässt sich nicht in die Karten schauen.

Während andere Teams sich auf der wichtigsten Position im Football innerhalb von wenigen Tagen zu Beginn der Free Agency verstärkten oder im Draft ihre Hoffnungen auf einen der Erstrunden-Picks setzten, wartete Belichick.

Und wartete. Und wartete.

Dann, wie aus dem Nichts, die Meldung: Cam Newton schließt sich den New England Patriots an. 

Und das auch noch zu einem spottbilligen Preis. Der ehemalige MVP wird den sechsfachen Super-Bowl-Sieger lediglich 555.000 US-Dollar garantiert kosten, mit Bonuszahlungen bis zu 7,5 Millionen US-Dollar - ein Gehalt, das viele Backup-Quarterbacks in der NFL einheimsen.

Doch Cam Newton wurde nicht geholt, um ein Backup zu sein.

"Spricht man über mobile Quarterbacks, Quarterbacks, die schwierig zu tacklen sind, laufen und werfen können und gute Entscheidungen treffen, würde ich Cam Newton ganz nach oben auf dieser Liste setzen", lobte sein neuer Head Coach Newton 2017. Sofern er fit ist, dürfte er am ersten Spieltag das Feld als Starter betreten.

Und die Offensive um ihn wird anders aussehen, als mit Tom Brady. 

Patriots sehr anpassungsfähig

Für McDaniels und Belichick dürfte dies keine neue Aufgabe sein. Zwar mussten sie sich in den letzten 20 Jahren nur selten auf einen neuen Quarterback einstellen, die Offensive selbst erhielt in diesem Zeitraum jedoch immer wieder ein neues Gesicht.

Mit Spielertypen wie Randy Moss oder Brandin Cooks setzten die Patriots verstärkt auf das tiefe, vertikale Passspiel. Als in der Saison 2013/14 zahlreiche Passempfänger wie Rob Gronkowski oder Danny Amendola ausfielen, bauten die Patriots auf das Power-Laufspiel um LeGarrette Blount und Steven Ridley. 

In den Playoffs gegen die Indianapolis Colts stellten sie dabei mehrfach sogar sechs Offensive-Liner auf das Feld und überrannten das Team um Quarterback Andrew Luck.

Als Brady 2016 eine Sperre absaß, sprang erst Jimmy Garoppolo und dann Jacoby Brissett, ein. Letzterer dürfte am ehesten an den Spielstil von Newton rankommen. Damals bauten die Patriots ebenfalls auf die läuferischen Qualitäten des Quarterbacks.

Vergangene Saison nutzte New England das Kurzpassspiel (Brady erzielte lediglich 6,6 Yards Raumgewinn pro Passcompletion) und das Laufspiel, weil es in der Offensive an Explosivität fehlte. Es dürfte also klar sein, dass die "Pats" Newton kein System aufzwingen, sondern ein Konzept um die Stärken von Newton bauen.

Aber was genau sind die Stärken des 31-Jährigen? 

Laufspiel dürfte profitieren

Klar ist: Newton ist ein deutlich mobilerer Passgeber ist, als es Brady je war. Er besitzt wahrscheinlich nicht mehr die läuferische Explosivität, wie zu Beginn seiner NFL-Karriere, dürfte den Patriots aber besonders in Situationen mit wenigen Yards zum neuen First Down oder nahe der Endzone viele Optionen bieten.

Für McDaniels eröffnet sich durch die Laufmöglichkeit ein ganz neues Kapitel im Playbook. Bei drittem oder viertem Versuch und wenigen Yards bis zum neuen First Down können nun Laufspielzüge für den knapp zwei Meter großen und über 100 Kilogramm schweren Newton implementiert werden.

Die Defensive der gegnerischen Teams muss Newton stets auf dem Schirm haben, dadurch dürften sich mehr Räume für Running Back Sony Michel (letzte Saison lediglich 3,7 Yards pro Lauf) oder James White ergeben. "Newton ist ein schneller Dinosaurier. Er ist groß und stark und kann dich zur Not einfach umrennen", lobte einst Pro-Bowl-Safety Eric Weddle.

Kaum Hilfe bei den Panthers

Deutlich mehr Fragezeichen dürften beim Passspiel um Cam Newton aufkommen. Wirft man einen Blick auf die Karrierestatistik des ehemaligen Signal Callers der Panthers, wird schnell klar: Newton nimmt Defenses nicht mit der chirurgischen Präzision eines Brees' oder Bradys auseinander.

Sein Karrieredurchschnitt in der Kategorie "Completion Percentage" liegt bei knapp unter 60%, ein vergleichsweise sehr geringer Wert. Allerdings reicht ein Blick auf reine Statistiken nicht aus, um die Pass-Probleme bei Cam Newton zu erklären. 

Laut Jourdan Roudrigue, die die Panthers jahrelang als Reporterin begleitete, müsse sich das Management der Panthers Fehler in der Kaderzusammensetzung eingestehen. In einem Tweet kritisierte Roudrigue, dass das Team aus Charlotte über Jahre die Probleme in der Offensive Line, besonders auf der Tackle-Position, nicht in den Griff bekam.

Newton hätte deshalb "unnötig viele Hits kassiert und wäre ständig unter Druck der Defensive Line geraten". 

Norv Turner etabliert Kurzpassspiel

2018 erkannten die Panthers die Probleme in der Offensive. Mit Norv Turner wurde ein erfahrener Coach geholt, der die Offensive umkrempelte. Der Offensive Coordinator richtete seinen Fokus auf das Kurzpassspiel und strich lange Pässe förmlich aus dem Playbook.

Newton brachte bis zu seiner Verletzung am achten Spieltag gegen die Pittsburgh Steelers fast 70% seiner Pässe an, warf für 22 Touchdowns bei sieben Interceptions. 

Turner setzte dabei besonders auf junge, dynamische Anspielstationen wie Christian McCaffrey, D.J. Moore oder Curtis Samuel, die selbst nach der Reception Yards kreieren können.

Turner soll Medienberichten zufolge vor der Newton-Verpflichtung Kontakt zu Belichick aufgenommen haben und seinen Zuspruch gegeben habe. Er würde "sehr gut zu den Patriots passen", soll Turner laut "Sports Illustrated" zu Belichick gesagt haben. 

Sicherlich, Cam Newton wird nie der akkurateste Passgeber der Liga werden, aber das Potenzial für eine Steigerung in diesem Bereich dürfte aufgrund des neuen Umfelds möglich sein.

Wer werden die Anspielstationen sein?

Bleibt zu klären, wie genau das neue Umfeld von Newton besetzt ist. Die Offensive Line erhält mit Left Tackle Isaiah Wynn und Center David Andrews zwei wichtige Säulen zurück, beide plagten vergangene Spielzeit Verletzungen. Das Guard-Duo Shaq Mason und Joe Thuney bleibt, Stand heute, bestehen. Zusammen ließen sie vergangene Spielzeit lediglich drei Sacks zu. Auf Right Tackle spielt Marcus Cannon seit Jahren solide. 

Deutlich größere Fragezeichen lassen sich auf den Passempfänger-Positionen finden. James White könnte für Newton die Christian-McCaffrey-Rolle bekommen und als dynamischer Passempfänger aus dem Backfield glänzen. Der routinierte Running Back zeichnete sich bereits in den vergangenen Jahren durch seine Receiving-Künste aus. 

Im Slot dürfte Julian Edelman seine gewohnte Rolle einnehmen, der besonders für die kurzen Pässe geeinigt ist und trotz fortgeschrittenen Alters noch genügend Kraftstoff im Tank hat. 

Essentiell werden die Entwicklungen von Mohamed Sanu und dem letztjährigen Rookie N'Keal Harry, die in ihrer ersten Saison bei den Patriots, auch wegen Verletzungsproblemen, noch nicht die gewünschte Leistung abrufen konnten.

Neuverpflichtung Damiere Byrd, der bereits bei den Panthers mit Newton zusammenspielte, bringt der Offensive Geschwindigkeit, die letztes Jahr vermisst wurde. 

Im Draft sicherten sich die Patriots mit Devin Asiasi und Dalton Keene zwei Tight Ends, die primär für ihre gute Arbeit als Blocker bekannt waren. Ein kleines Indiz, dass die Patriots ein dominantes Laufspiel aufziehen wollen. 

"Old-School-Offensive"

"Es wird eine Old-School-Offensive mit einigen modernen Ideen. Die Patriots werden den Ball sowohl mit ihren Running Backs als auch mit Newton laufen wollen. Ich kann mir vorstellen, dass sie zudem ein paar moderne Run-Pass-Options einpflegen werden", analysiert Bucky Brooks die Pats-Offense für nfl.com. 

Die Patriots dürften also auf eine Leistungssteigerung von Sony Michel und der Offensive Line setzen. Zudem dürfte das Kurzpassspiel, das mit Newton bereits 2018 fruchtete, erneut ein Dreh- und Angelpunkt in der Offense von McDaniels werden.

Der X-Faktor, das Neue, das Überraschende wird das Laufspiel mit "Supercam". Sicherlich tüftelt McDaniels bereits am Playbook unter der Kategorie: Laufspielzüge für Quarterbacks. Dieses Kapitel dürfte ziemlich eingestaubt sein. 

Am 13. September um 19 Uhr deutscher Zeit, wenn die Patriots am ersten Spieltag auf die Miami Dolphins treffen, werden dann alle erfahren, wie die Offensive um Cam Newton genau aussehen wird.

Denn eins bleibt ohnehin klar: Bill Belichick lässt sich nicht in die Karten schauen.

Tim Rausch

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