Colin Kaepernick hat seit 2016 keinen Snap in der NFL mehr gespielt. - Bildquelle: 2016 Getty ImagesColin Kaepernick hat seit 2016 keinen Snap in der NFL mehr gespielt. © 2016 Getty Images

München - 1. September 2016. Vierter Spieltag der Preseason. San Francisco 49ers gegen Los Angeles Chargers. Die Nationalhymne ertönt. Die Spieler beider Teams, die Fans und der Rest der Anwesenden stehen, die Hand auf dem Herz. Die Kamera schwenkt auf 49ers-Quarterback Colin Kaepernick. Er kniet.

Ein Protest gegen rassistische Polizeigewalt. Eine simple Geste, die nicht nur die NFL, sondern die gesamte USA in eine hitzige Debatte um nationale Identität und Rassismus stürzte. Amerikas Meinungsbild war gespalten.

Auf der einen Seite wurde Kaepernick als Held gefeiert, zahlreiche Spieler, Sportvereine und Künstler schlossen sich Kaepernick an und "gingen aufs Knie". Auf der anderen Seite wurde Kaepernick als Verräter abgestempelt. Ausgerechnet Präsident Donald Trump heizte die Debatte erst so richtig an: "Wäre es nicht schön, wenn die Besitzer die Hurensöhne, die unsere Flagge nicht respektieren, feuern würden?"

Kaepernick gegen die NFL

Kaepernick wurde von den 49ers tatsächlich entlassen, fand nach der Saison 2016 kein neues Team mehr. Vermeintlich schwächere Quarterbacks wurden ihm vorgezogen. Kaepernick verklagte die NFL daraufhin. Die Besitzer hätten sich untereinander abgesprochen, ihn nicht zu verpflichten. Der Rechtsstreit zog sich mehrere Jahre hin, erst im Februar 2019 schließlich einigten sich beide Parteien in einem Vergleich.

In all dieser Zeit war der Name Kaepernick vor allem mit einem verbunden: Protest. Und mit der Frage, ob sein Kniefall denn nun richtig war oder nicht.

Kaepernicks Zahlen sprechen für ihn

Viele vergessen bei der Diskussion um Kaepernick aber etwas. Etwas ganz Entscheidendes: das Sportliche. Vergessen, dass Kaepernick einst einer der besten Quarterbacks der NFL war, die 49ers in seiner zweiten Saison gar in den Super Bowl führte.

Die Statistiken sprechen für ihn: In 69 Spielen warf er für 12.271 Yards und 72 Touchdowns bei 30 Interceptions. Durch sein gefährliches Laufspiel packte er weitere 2.300 Yards und 13 Touchdowns drauf. Zum Vergleich: Brian Hoyer, kürzlich von den Indianapolis Colts verpflichtet, warf in seiner Karriere 48 Touchdowns und 30 Interceptions.

"Es gibt so viele schlechte Quarterbacks, die spielen eine ganze Saison durch. Wenn ein Experte behauptet, Kaepernick sei nicht einer der besten 32 Quarterbacks, ist das absurd, denn das ist er", meint ranNFL-Experte Patrick Esume.

Und das auch heute noch. Laut seinem Agenten sei Kaepernick "in der besten Verfassung seines Lebens. Er trainiert fünfmal in der Woche und ist spielbereit."

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Doch auch abgesehen vom Sportlichen: In einer Liga, in der Spieler einen Vertrag bekommen, die Straftaten wie Drogenmissbrauch oder häusliche Gewalt begangen haben, darf es keine Argumente gegen eine Verpflichtung Kaepernicks geben.

Und Bedarf herrscht momentan genug. Die New York Jets verfügen momentan nur über zwei unerfahrene Quarterbacks, David Fales und Luke Falk. Die Pittsburgh Steelers, Carolina Panthers und New Orleans Saints plagen Verletzungssorgen auf der Position. Ein erfahrener Quarterback wie Kaepernick, der die Playoff-Hoffnungen aufrecht erhalten könnte, käme genau richtig.

Panthers-Safety Eric Reid, ein enger Freund von Kaepernick, äußerte sich zu der Personalie: "Ständig werden Quarterbacks geholt, die schon längst im Ruhestand waren, aber Colin kriegt keinen Anruf. Wir werden sehen, ob sich das dieses Mal ändert." 

Das sollte es. Kaepernick ist ein starker Quarterback, fit und kann verletzungsgeplagten Teams weiterhelfen. Ja, das mediale Echo und die Aufmerksamkeit wären wahrscheinlich gigantisch. Doch dazu sind Proteste schließlich da. Kaepernick nutzt seine Rechte und Popularität, um auf Probleme in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Kritiker werfen ihm vor, "er lenke vom Football ab" und "solle seine Protest gefälligst woanders austragen".

Wo denn? In seinem Hinterhof? Welcher Ort würde sich besser eignen als das Footballfeld? Denn da gehört er schließlich hin.

Also, NFL-Teams: Gebt Colin Kaepernick endlich einen Job! Wenn nicht jetzt, wann dann?

Tim Rausch

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