Aldon Smith (Mitte) geht künftig für die Seattle Seahawks auf Quarterback-Ja... - Bildquelle: Imago ImagesAldon Smith (Mitte) geht künftig für die Seattle Seahawks auf Quarterback-Jagd. © Imago Images

München/Seattle - Ein tiefer Blick in die Kamera, die Augen leicht geschlossen. Konzentriert, angespannt, fokussiert. So zeigt sich Aldon Smith auf seinem Instagram-Profil. Dazu die Worte: "The Rare One" - "Der Seltene".

Das Wort "Selten" trifft es dabei relativ gut. Die Laufbahn des 31-Jährigen sticht selbst in der von so vielen Einzelschicksalen geprägten NFL noch einmal heraus. Einst als kommender Superstar gehandelt, schlief er vor nicht einmal drei Jahren noch unter einem Auto. Voller Selbstzweifel und Depressionen. Das Licht am Ende des Tunnels - es war nicht da.

Seitdem ist viel passiert. Im letzten Jahr kehrte er bei den Dallas Cowboys auf die NFL-Bühne zurück, nun folgt der Schritt zu den Seattle Seahawks. Der Defensive End unterschreibt einen Einjahresvertrag und will unter Head Coach Pete Carroll noch einmal so richtig Fahrt in seine NFL-Karriere bringen. In seine zweite NFL-Karriere. 

Lange Kriminalakte: Smith war bereits dreimal im Gefängnis

Denn dass der in Greenwood, Mississippi geborene Mann überhaupt noch einmal auf dem Rasen steht, war kaum abzusehen. Zu holprig sein Weg, zu groß sein Vorstrafenregister. 

Insgesamt 10 Fälle stehen in seiner kriminellen Akte, dreimal war Smith dabei im Gefängnis. Von Drogenmissbrauch, illegalem Waffenbesitz, Vandalismus oder Fahren unter dem Einfluss verbotener Substanzen war alles dabei. 

Ein Lerneffekt setzte erst spät ein, zuvor hatte er mit seinen Aktionen abseits des Platzes seine NFL-Karriere völlig gegen die Wand gefahren. Einst wählten ihn im Draft 2011 die San Francisco 49ers an siebter Stelle aus.

Der Defensive End eroberte die Liga im Sturm und brach gleich mehrere NFL-Rekorde. Vor ihm erreichte kein Spieler früher die Marke von 30 Sacks (27 Spiele). Insgesamt 33,5 Sacks in den ersten zwei Saison bedeuteten ebenfalls eine Bestmarke. Mit seinen 1,93 Meter und 125 Kilogramm vereinte er Schnelligkeit und Kraft und wurde so zu einem echten Albtraum für gegnerische Quarterbacks. 

Nach zwei Jahren in der NFL beginnt der Absturz

Doch auf dem frühen Höhepunkt seiner Karriere begann der Absturz. Aufgrund seiner Straftaten wurde er mehrfach von der NFL gesperrt. 2014 für neun Spiele, 2015 für ein komplettes Jahr. 2017 entzog ihm die Liga die Spielgenehmigung.

Smith verfiel in Depressionen, sagte vor seiner Rückkehr 2020: "Ich habe einige Nächte unter einem Auto geschlafen, weil meine Krankheit mich dahingetrieben hat. Dabei hatte ich ein Zuhause, in dem ich hätte schlafen können. Aber ich befand mich an einem solch dunklen Ort, dass ich das Gefühl hatte, ich würde nichts anderes verdienen."

2018 biss er einer Frau nach mehreren Flaschen Tequila in die Handgelenke und musste erneut ins Gefängnis. Erst als ihm seine Großmutter am Sterbebett einen Rat mitgab: "Mach's besser", verstand Smith endlich den Ernst der Lage. 

Endlich setzt der Lerneffekt ein

Seit knapp drei Jahren wurde er nun nicht mehr straffällig und konnte mit klarem Verstand sein Comeback planen. In der Wohltätigkeitsorganisation von TV-Journalist Jay Glazer trainierte der 31-Jährige härter als je zuvor.

Anfangs "skeptisch" verstand er schnell: "Je mehr ich mit diesen Leuten geredet habe, desto mehr war es wie eine Therapie für mich. Ich bekam Unterstützung für die Dinge, mit denen ich mich herumschlug und konnte meine Geschichte erzählen." 

Glazer machte ihn wieder fit und Smith stellte schnell unter Beweis, dass er von seiner einstigen Power nur wenig eingebüßt hat. Die Leidtragenden: Glazers Fitnessgeräte: "Wir hatten ein Gerät. Dort waren Widerstandskabel an der Wand befestigt. Ich hatte eine Menge Typen, richtige Monster. Aber Smith hat sie einfach aus der Wand gerissen. Das hat noch nie jemand geschafft. Er ist einfach monströs."

Cowboys verzichten, Seattle schlägt zu

Nach der Erteilung der Spielgenehmigung durfte er im Vorjahr endlich wieder spielen und absolvierte bei den Dallas Cowboys seine erste volle Saison seit 2012. Smith startete in allen Spielen und verzeichnete neben 48 Tackles auch fünf Sacks. Drei davon gelangen ihm dabei in Woche drei ausgerechnet gegen die Seattle Seahwaks. 

Quarterback Russell Wilson wird daher froh sein, Smith nun zu seinen Mannen zählen zu können. Nachdem die Cowboys von einer Verlängerung absahen, schlug Seattle zu. 

Dort geht die seltene Reise des Aldon Smith nun weiter. Ein zweites Mal, so viel ist klar, will er sich nicht seinen Traum verbauen. Stattdessen blickt "The Rare One" in die Zukunft. Konzentriert, angespannt, fokussiert. 

Timo Nicklaus 

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