Das Gesicht der Kontroverse: Clay Matthews. - Bildquelle: imago/ZUMA PressDas Gesicht der Kontroverse: Clay Matthews. © imago/ZUMA Press

München - Ben Roethlisberger wand sich ein wenig. Klar: Die wohl umstrittenste Regel derzeit in der NFL ist schließlich für ihn gemacht worden. Zum Schutz der Quarterbacks. Doch irgendwie ging der Schuss nach hinten los.

Denn: Viele rufen mit der "Roughing the Passer"-Regel das Ende des Spiels in seiner früheren Schönheit aus. Verteidiger können durch die Regel leichter bestraft werden, wenn sie "das meiste, wenn nicht das komplette" Körpergewicht für ein Tackle nutzen und zum Beispiel auf dem Quarterback landen. Manche rechnen deshalb sogar damit, dass aus der NFL in ein paar Jahren endgültig eine Flag-Football-Liga wird. 

Tatsächlich so schlimm? Oder ist es mal wieder viel Lärm um wenig? 

 

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 34 Strafen wurden bis einschließlich Week 3 bereits ausgesprochen, 2017 waren es im gleichen Zeitraum gerade mal 16. Beim Spiel zwischen den Steelers und den Tampa Bay Bucaneers waren es alleine vier, "Bestwert" in einem einzelnen Spiel seit 2001. Die Regel führt zu Frust und Unsicherheit, wie ein Quarterback denn nun gesackt werden darf und wie nicht. So wirklich weiß das niemand, auch die Referees können nur selten für Klarheit und Konsistenz sorgen.

Kein Genuss

Steelers-Quarterback Roethlisberger wollte die verbalen Klippen umschiffen. Wollte die Referees nicht kritisieren, "vor allem nicht bei einer Regel, die den Quarterbacks hilft. Es gibt aber sehr viele Strafen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fans das sehr genießen."

Das ist eine glatte Untertreibung. Die Fans verachten es. Die meisten Spieler auch. Logischerweise vor allem die, die die Strafen kassieren. 

Packers-Linebacker Clay Matthews zum Beispiel, er ist bereits das Gesicht der Kontroverse. 

In zehn Jahren sammelte er vier solcher Vergehen. In den ersten drei Spielen 2018 bereits drei, zwei davon waren mindestens fragwürdig. Hitzige Diskussionen gab es für seinen Hit gegen Vikings-QB Kirk Cousins, der durch die Strafe eine Wende im Spiel brachte. Der Hit sei ein Beispiel dafür, wie ein Quarterback nicht gesackt werden sollte. Wobei es innerhalb der Liga durchaus auch Zweifel an dieser Bewertung gibt.

Das ganze Thema gerät langsam aus dem Ruder. Neue Nahrung erhielten die Kritiker am Wochenende, als sich Defensive End William Hayes von den Miami Dolphins bei einem Sack von Raiders-Quarterback Derek Carr das Kreuzband riss. Er hatte versucht, bei seinem Sack die Strafe zu vermeiden. Dafür fehlt den Dolphins für den Rest der Saison ein Leistungsträger. 

Hayes' Teamkollege Jordan Phillips gab zu, dass nun versucht wird, zu tricksen. "Du musst versuchen, dass es so aussieht, als würdest du versuchen, dich abzurollen. Wir machen, was uns beigebracht wird. Wir haben viele Drills, bei denen wir uns vom Quarterback wegrollen."

Es gibt auch Spieler, die mit der Regel keine Probleme haben: Fletcher Cox von den Eagles. Der Defensive Tackle sammelte bereits elf Quarterback-Hits, und das ohne eine einzige Strafe für "Roughing-the-Passer". Cox verriet: "Als Spieler müssen wir uns anpassen, denn die Liga wird nichts ändern. Ich habe die Art geändert, wie ich den Quarterback angehe. Aber das macht mich nicht langsamer. Als Defensive Linemen wollen wir nicht soft sein. Wir werden uns anpassen, und es wird passen."

Interessant in der ganzen Diskussion: Die Quarterbacks knacken Rekorde. Vor Week 4 gibt es in den Kategorien Completions (2248), Completion Percentage (65,5 Prozent), Touchdown-Pässe (168) und Passer-Rating (93,2) neue Bestmarken. Heißt: Geht es so weiter, winken Saisonrekorde. Ob das nun mit der Regel zu tun hat, ist zumindest nicht auszuschließen.

 

Viele dürfte das aber nicht interessieren, wenn das Spiel in seiner Gesamtheit leidet. 49ers-Cornerback Richard Sherman nimmt nie ein Blatt vor den Mund, wenn es um die NFL-Regeln geht: "Sie kümmern sich nicht darum, wenn sich der Rest verletzt. So lange der Quarterback geschützt wird."

Immerhin kommt Bewegung in die Sache. Das Competition Committee der NFL wird sich in der kommenden Woche mit dem Thema beschäftigen. Signifikante Änderungen sind während der laufenden Saison nicht zu erwarten. Möglicherweise aber weitere Klarstellungen. Die sind bitter nötig.

Andreas Reiners

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