Najee Harris. - Bildquelle: imago images/ZUMA WireNajee Harris. © imago images/ZUMA Wire

München – Es gibt Talente, die geben nichts auf Mock Drafts. Wie Amon-Ra St. Brown. 

Er liest sie nicht einmal.

Dann gibt es natürlich auch die Nachwuchsspieler, die ihre Beurteilungen geradezu verschlingen, die verfolgen, wie sie von den zahlreichen Experten vor dem Draft (in der Nacht auf den 30. April live auf ProSieben MAXX und ran.de) eingeschätzt werden.

Ja, und dann gibt es noch Jungs wie Najee Harris, die Reports nicht auf sich sitzen lassen können. Und die dann verbal zurückschlagen. 

"Kann mich am Arsch lecken"

"Todd McShay kann mich am Arsch lecken", sagte Harris im Podcast von NFL-Reporter Adam Schefter. Dessen Kollege McShay, Draft-Experte bei ESPN, hatte Harris in seiner Analyse nicht einmal groß kritisiert, sondern lediglich davon gesprochen, dass er seine Fang-Qualitäten verbessert habe. 

Alabama-Running-Back Harris feuerte jedoch zurück: "Wie kann er das sagen? Ich habe in den ersten beiden Jahren selten oder gar nicht gespielt. Ich hatte keine Gelegenheit zu zeigen, dass ich fangen kann."

Sein Rat: "Hört auf, auf die Statistiken zu schauen und schaut euch das Spiel an."

Haben wir, zum Beispiel das College-Halbfinale gegen Notre Dame, als Harris mit einem "Hurdle Play" für ein Highlight sorgte: Er übersprang Nick McCloud mal eben locker und verzierte damit einen 53-Yards-Lauf. 

Da flippte sogar NBA-Legende Earvin "Magic" Johnson aus.

Im Finale gegen die Ohio State Buckeyes trug er schließlich mit drei Touchdowns maßgeblich zum Triumph der Alabama Crimson Tide bei. Viele Experten vergleichen Harris wegen seiner starken Physis mit Titans-Star Derrick Henry. Es verwundert nicht, dass Harris auf solche Verweise ebenfalls nicht viel gibt.

Wir schauen aber trotzdem auch auf die Statistiken. Und sind beeindruckt.

2020 lief er für 1.466 Yards und 26 Touchdowns bei 251 Carries, Topwerte in der SEC und Platz drei und eins im College-Football. Daneben fing er für 425 Yards bei vier Touchdowns.

Zahlreiche Rekorde

Dass er sich dazu entschied, sein Senior-Jahr zu spielen, hat sich für ihn als goldrichtig erwiesen. Auf der University of Alabama hinterlässt er ein sportliches Erbe mit den meisten Touchdowns (57), Rushing Touchdowns (46), den meisten Rushing Yards (3.843) und den meisten Scrimmage Yards (4.624) in der Geschichte des College. 

Der Blick darüber hinaus zeigt, dass er sich zu einem Dual-Threat Running Back entwickelt hat, er also kein reiner Runner mehr ist, sondern auch fangen kann. Der 22-Jährige ist ohne Frage ein Rohdiamant, der eigentlich nur noch zu Ende geschliffen werden muss. Für die Teams ist er also einer, bei dem das Risiko gering ist, trotz der guten Zahlen ein Fehlgriff zu sein. Er gilt deshalb als Erstrundenpick.

Warum zum Teufel stört er sich dann an einem Kommentar in einer Analyse, der gar nicht groß negativ auffällt?

Das könnte daran liegen, dass Football sein Leben ist. Sein Auffangbecken, sein Netz und doppelter Boden. Denn der heute 22-Jährige hat eine schwere Kindheit hinter sich, die Ausgangspunkt für eine Story ist, an der sich viele Problemkids in den USA orientieren können.

"Ich habe als Kind viel durchgemacht. Ich würde aber nichts anders haben wollen. Man lernt, auch für die kleinen Dinge in seinem Leben dankbar zu sein", sagte Harris.

Er musste mit Obdachlosigkeit umgehen, die Familie zog von Ort zu Ort, von Obdachlosenheim zu Obdachlosenheim. An das "Soup Kitchen" kann er sich noch erinnern.

"Das Essen gab es unten", sagte Najee bei 247sports: "Ameisen krabbelten über das Essen. Wir waren fast ein Jahr dort. Aber ich war schon vorher in unglaublichen Unterkünften."

Schwierige Kindheit

Manchmal kam die Familie bei Verwandten unter, auch im Auto mussten sie schlafen. Harris, seine Mutter und seine vier Geschwister litten unter dem drogenabhängigen Vater, der alle verbal und körperlich misshandelte. Der Vater gibt heute zu, "ein verfluchter Alptraum" gewesen zu sein, Kontakt zum ihn hat Najee aber keinen mehr.

Eine Folge der komplizierten Zeit: In der Grundschule zertrümmerte Harris bei einem seiner Wutanfälle ein ganzes Klassenzimmer, dem Schulleiter trat er in den Bauch. Auch sonst war er ein "Arschloch", wie er selbst zugibt: "Doch alles ändert sich. Ich musste erst erwachsen werden."

Bereits kurz nach den Ausrastern zog die Familie in eine Unterkunft, wo es Unterstützung und Programme für die Bewohner gab. Die Mutter meldete die Kinder dann bei einem Schulprogramm an. Zur Überbrückung der Zeit, bis sie nach Hause kam, damit die Kinder in Sicherheit sind, denn das waren sie nicht, solange die Mutter nicht da war.

Football als Rettungsanker

Najee und seine drei Brüder kamen so zum Football. In gewisser Weise hat ihn der Sport gerettet, die Alabama Crimson Tide hat ihn nicht nur zu einem, wenn nicht dem besten Nachwuchs-Running-Back reifen lassen, sondern auch als Mensch.

Heute geht er voran. "Früher hat er die Medien gemieden. Er ist ein Anführer geworden, statt nur im Hintergrund zu bleiben und anderen zu folgen", sagt die Mama.

Vom Problemkind zum Anführer: Da kann man einem Draft-Experten auch schon mal die Analyse um die Ohren hauen.

Andreas Reiners

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