Kein gewöhnlicher Head Coach: Sean McVay. - Bildquelle: 2018 Getty ImagesKein gewöhnlicher Head Coach: Sean McVay. © 2018 Getty Images

München/Los Angeles – Sean McVay brauchte etwas mehr als eine Minute. Länger nicht. 68 Sekunden waren es, um genau zu sein.

In dieser Zeit gab er auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Chicago Bears einen kompletten Scouting-Bericht über die Defense des Gegners ab. Die elf Starter, und zu jedem ein Mini-Dossier. Stärken. Besonderheiten. Tack, tack, tack. Am Ende hatte man als Zuhörer einen ziemlich guten Überblick, was die beste Verteidigung der Liga ausmacht.

Und ganz nebenbei auch, was den Head Coach der Los Angeles Rams ausmacht.

Dafür reicht auch bereits ein flüchtiger Blick auf die NFL. Denn seit dem Ende der Regular Season gibt es ein Wettrennen der Teams, die ihren Head Coach entlassen hatten: Wer bekommt ihn, den neuen Sean McVay? 

 

Ja, tatsächlich. Könnten sie, würden sich die Teams einen McVay klonen. Jung, smart, ehrgeizig, offensiv ausgerichtet. Ein Genie. Einer, der im Roster noch locker als Routinier durchgehen würde. Einer, den man aber auch nicht mal einfach so kopieren kann. Dann strickt man sich halt einen.

Irrer Trend

Der etwas irre Trend: Man holt Leute mit McVay-Bezug oder -Verbindung. Einen Freund des 32-Jährigen wie Cardinals-Coach Kliff Kingsbury zum Beispiel. Den Cardinals war das tatsächlich eine Erwähnung wert. Als ob das eine besondere Trainer-Eigenschaft oder Qualifikation wäre. Ist es aber im Moment tatsächlich irgendwie. 

Der neue Packers-Coach Matt La Fleur hat immerhin ein Jahr unter McVay gearbeitet. Wohltuende Ausnahme: Die Denver Broncos, die mit Defense-Guru Vic Fangio gegen den neuen Mainstream schwammen.

Keine Frage: Ein Hype hat die NFL überrollt, seitdem die Rams vor zwei Jahren mehr oder weniger über McVay gestolpert sind, auch wenn er bereits seit 2008 in der NFL unterwegs ist.

Trainer-Karriere startet 2008

Auf dem College spielte McVay mehr schlecht als recht als Wide Receiver, kam auf der Miami University zwischen 2005 und 2007 auf 39 Receptions für 312 Yards. Kein Wunder, dass er sich auf seine Trainerkarriere konzentrierte, die er als Assistant Wide Receivers Coach 2008 bei den Tampa Bay Buccaneers unter Jon Gruden startete. 2010 kam er bei den Washington Redskins unter, wo er sich von 2010 bis 2016 vom Assistant Tight Ends Coach zum Offensive Coordinator hocharbeitete.

Dann kam im Januar 2017 die Chance bei den Los Angeles Rams, die gerade eine 4-12-Saison und die kuriose Entlassung von Vorgänger Jeff Fisher, der kurz zuvor noch seinen Vertrag verlängerte, hinter sich hatten. Quarterback Jared Goff sprach im Vorfeld mit McVay und sagte den Bossen: "Ich hoffe, wir verpflichten den Mann. Ich will nämlich nie wieder für jemand anderen spielen." 

 

McVay war mit seinen gerade einmal 30 Jahren der jüngste Head Coach in der Geschichte der NFL. Der Zeitpunkt seines Debüts? Schwierig. Für die Rams? Ein Risiko.

Es gibt sicher bessere Momente, um als unbeschriebenes Head-Coach-Blatt in die NFL einzusteigen, um im Haifischbecken schwimmen zu lernen. Junge Coaches laufen Gefahr, schnell verbrannt zu werden.

Es konnte nur besser werden

Wobei: Nicht unbedingt, was hatte McVay schon zu verlieren? Die Franchise befand sich im Umzug nach Los Angeles und hatte ein Jahrzehnt des Misserfolgs hinter sich. 2004 war man zuletzt in den Playoffs, die letzte positive Bilanz gab es 2003. Es konnte nur besser werden.

Das wurde es tatsächlich.

Denn McVay hatte einen Plan, eine Vision, er sorgte für einen kompletten Kulturwechsel, einen neuen Vibe, eine neue Mentalität. 

Er hat Selbstvertrauen, klare Vorstellungen, klare Ziele, ist aber auch in der Lage, zuzuhören. Noch wichtiger: Mit seiner Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik gewann er schnell das Vertrauen seines Teams, das er um sich scharte, es besser machte. 

Eine Hilfe dabei war ohne Frage auch General Manager Les Snead, mit dem McVay gemeinsam "All in" ging, um das bestmögliche Spielermaterial zu bekommen, das der Head Coach dann auf die Liga loslassen konnte. 

Kollegen als Vorbilder

Snead und McVay waren in der vergangenen Offseason sehr aggressiv, ob nun bei Trades, Free Agents oder Vertragsverlängerungen. Verbunden mit dem richtigen Händchen und genug Kompetenz stimmt die Mischung. Denn auch das zeichnet einen guten Head Coach aus. Besser wird er, indem er sich auch an erfahrenen Kollegen orientiert. "Ich will immer auf der Höhe sein, was aktuelle Trends angeht und herausfinden, ob ich etwas übernehmen kann, das zum System oder den Spielern passt. Ich habe keine Angst davor, etwas von ihnen zu klauen. Das mache ich jede Woche", sagt McVay.

Er ist ein Glücksgriff, ein Freak im positiven Sinne, ein Perfektionist, der die Rams bei einer 24-8-Bilanz zweimal in die Playoffs führte, die Offense um Quarterback Jared Goff zum Prunkstück formte. Eine Offense, die nahezu unaufhaltsam ist. Kombiniert mit einer Defense, die dem spektakulären Angriff in nichts nachsteht.

Der Hype um den kreativen und innovativen Play Caller ist durchaus gerechtfertigt, aber ob der 32-Jährige tatsächlich jetzt schon reif für den Super Bowl ist, wird sich am Sonntag (ab 20.45 Uhr, live auf ProSioeben und ran.de) im NFC Championship Game zeigen. Dann trifft er mit seinen Rams auf Altmeister Sean Payton und dessen New Orleans Saints.

Sollte er über Superstar Drew Brees und Co. referieren, wird er freilich wieder perfekt vorbereitet sein. Und nicht viel länger als eine Minute brauchen.

Andreas Reiners

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