Bleibt in der NFC West, wechselt aber das Team: Shane Waldron verlässt die L... - Bildquelle: imagoBleibt in der NFC West, wechselt aber das Team: Shane Waldron verlässt die Los Angeles Rams und heuert als Offensive Coordinator bei den Seattle Seahawks an © imago

München/Seattle - Ob Sean McVay diese Lobeshymne mittlerweile bereut?

Sie stammt aus dem Jahr 2018 und geht so: "Er ist ein phänomenaler Coach. Shane gibt uns mehr als ein normaler Passing Game Coordinator. Seine Führungspersönlichkeit, sein tolles Auftreten, seine Präsenz, von ihm kann ich sicher etwas lernen."

So huldigte der Head Coach der Los Angeles Rams seinem Mitglied im Trainerstab Shane Waldron während der Saison, die für die Kalifornier sensationell im Super Bowl LIII endete. Eigentlich sind solche Sätze ja nicht der Rede wert. Fallen sie doch in leichter Abwandlung immer wieder, wenn der Chef öffentlich über seine Mitarbeiter urteilen soll.

Und dabei im Hinterkopf hat, dass diese immer auch nach mehr streben. Und er ihnen nicht die nächsten Sprossen auf der Karriereleiter vor der Nase zerschlagen will.

 

Waldron statt zu den Lions zu den Seahawks

Damals, das muss dazugesagt werden, ging es in erster Linie um ein mögliches Engagement als Offensive Coordinator bei den Detroit Lions. Weshalb "The Detroit News" die Sätze veröffentlichte. Zwar ein Conference-Konkurrent, mag sich McVay gedacht haben. Schön und gut. Mehr aber auch nicht.

Gut zwei Jahre später ist der so gelobte Waldron dem jüngsten Head Coach der NFL-Geschichte nun tatsächlich von der Stange gegangen. Jedoch nicht mit Ziel Detroit. Sondern Seattle. Und da hätten wir das Dilemma, in dem McVay nun steckt: Denn die Seahawks sind Division-Rivale seiner Rams.

Nachfolger von Schottenheimer

Heißt: Zweimal pro Saison stehen sich McVay und Waldron an unterschiedlichen Seitenlinien gegenüber. Und der bisherige Passing Game Coordinator bringt immenses Wissen über die Offense-Taktik der Rams mit nach Seattle.

Bei den "Hawks" folgt Waldron, der zuvor nicht einmal auf College-Level einen mit derartiger Verantwortung beladenen Coordinator-Job innehatte, auf Brian Schottenheimer. Der Sohn von Marty Schottenheimer stolperte offiziell über unterschiedliche Philosophien mit Head Coach Pete Carroll.

Seahawks-Offense im Sinkflug

Oder präziser: Der Chef wünschte sich mehr Finesse bei den Calls und ein präsenteres Running Game. Denn die Seahawks erlebten gewissermaßen zwei Spielzeiten in einer. Zunächst wurden zwei Monate lang - angeführt von einem MVP-mäßig agierenden Russell Wilson - die Gegner in ihre Einzelteile zerlegt, dann knirschte es gewaltig in der Offense.

Was diese Zahlen verdeutlichen: In den ersten acht Saisonspielen standen mit einer Ausnahme immer mehr als 30 Punkte auf dem Scorboard, von da an nur noch in vier Partien mehr als 20. Das Problem war, dass sich die Kontrahenten auf das passlastige Spiel eingestellt hatten und den Seahawks und damit in erster Linie Schottenheimer der Plan B fehlte.

2018 wurde ein QB-Flüsterer gesucht

Bei dessen Verpflichtung 2018 wollte Carroll unbedingt einen Coach mit Erfahrung. Im Idealfall einen Quarterback-Flüsterer, der aus Wilson womöglich die entscheidenden Zusatzprozent herauskitzelt. Die den Passgeber über den Rest der Liga erheben könnten.

Nun jedoch sei der Plan ein anderer gewesen, berichtet "ESPN". Bei der Suche seien besonders viele Kandidaten in Betracht gezogen worden. Carroll wollte sich wohl nicht von Anfang an zu sehr auf ein Profil festlegen.

 

Keine Chance auf Lynn und Pederson

So seien gerade erst entlassene Head Coaches wie Anthony Lynn und Doug Pederson gehandelt worden, waren jedoch nicht verfügbar. Aber auch der Name Ken Dorsey, Quarterbacks Coach der Buffalo Bills, fiel häufiger. Und immer wieder Waldron. Womöglich auch wegen der warmen Worte McVays aus dem Jahr 2018.

Der sagte damals auch: "Ich wäre schon extrem enttäuscht, aus eigener Sicht, falls wir ihn verlieren sollten. Aber zugleich würde ich mich freuen, denn für ihn und seine Familie würde das den nächsten Schritt bedeuten. Es gibt keinen Zweifel, dass er ein großartiger Coach ist und bereit dafür sein wird."

Championship-Potenzial im Passing Game

Diese Chance ergreift der Vater zweier Töchter nun bei einem Team, das mit Wilson sowie den Wide Receivern D.K. Metcalf und Tyler Lockett zumindest durch die Luft Championship-Potenzial verkörpert. Im Running Game aber zu oft strauchelt.

Für Waldron, im College Tight End und Long Snapper, wird es die vierte Station in der NFL sein. 2002 machte er seine ersten Gehversuche bei den New England Patriots, zwei Jahre später arbeitete er den Special-Teams-Coaches zu und wurde mit der Überprüfung der Game Plans betraut.

Waldron erst unter Belichick und dann unter McVay

Nach dem zweiten Super-Bowl-Triumph folgte er Offensive Coordinator Charlie Weis zu den Notre Dame Fighting Irish, doch 2008 schlug Waldron wieder bei den Patriots auf. Nach einem Jahr als Offensive Quality Control Coach arbeitete er eine Saison lang als Tight Ends Coach unter Bill Belichick.

Nach Stationen in der United Football League bei den Hartford Colonials und an der UMass heuerte er 2016 bei den damaligen Washington Redskins an. Als Offensive Quality Control Coach diente Waldron unter OC McVay.

Vier Jahre bei den Rams - inklusive Super Bowl

Mit dem es ihn im Jahr darauf dann zu den Rams zog. Dort war das Passing Game sein Steckenpferd, dazu agierte der heute 41-Jährige kurzzeitig als Tight Ends respektive Quarterbacks Coach. In Waldrons vier Jahren im Klub legte die Offense sowohl im Passspiel als auch im Running Game überwiegend Top-10-Werte auf.

Bereits nach der bitteren Super-Bowl-Niederlage gegen die New England Patriots (3:13) vor zwei Jahren wurde er als Kandidat auf den Head-Coach-Posten bei den Cincinnati Bengals gehandelt. Letztlich machte mit Zac Taylor ein anderer Rams-Coach das Rennen. Auch die Lions entschieden sich bei der OC-Besetzung anders.

Playcalling in der Preseason

Kleines Trostpflaster: In der folgenden Preseason durfte Waldron einige Plays der Rams ansagen. Außerdem konnte er weiter unter McVay reifen.

Und sich zweimal im Jahr - oder diese Saison sogar dreimal - mit den Seahawks messen. Was Carroll und Co. dabei aufgefallen sein dürfte: Bei den Rams sind oft Play-Action-Spielzüge angesagt, viele kurze Pässe, dazu ein insgesamt variables Playcalling bei oftmals gleichen Formationen an der Line of Scrimmage.

Welche Rolle spielte Wilson?

Das scheint genau das Überraschungsmoment zu sein, das Carroll bei seinen Seahawks so oft vermisst hat. So dürfte sich Waldron in die Pole Position katapultiert haben. Auch wenn es widersprüchlich anmutet, dass die Seahawks das Running Game ausbauen wollen und einen bisherigen Passing Game Coordinator an Land ziehen.

Ob Wilson dabei eine Rolle gespielt hat? Sicher ist: Das Wort des achtmaligen Pro Bowler hat enormes Gewicht im Klub, zwischen ihn und Carroll passt kein Blatt Papier. Entsprechend dürfte sich der Head Coach zumindest den Rat seines Playmaker geholt haben.

 

Tweet von Wilsons Coach lässt aufhorchen

Interessant ist da ein Tweet von Jake Heaps. "Wenn du keinen etablierten Playcaller bekommen kannst, ist ein junger innovativer Geist, der bereits Teil erfolgreicher Systeme war, wie etwa Waldron oder Dorsey, der richtige Schritt für die Seahawks", schrieb Wilsons privater QB-Coach. Ein Satz, der sicher nicht aus dem Bauch heraus ins weltweite Netz gesendet wurde.

Sondern womöglich eher ein dezenter Hinweis an die Verantwortlichen war, dass Erfahrung nicht alles sein muss. Was nicht zuletzt McVay beim Division-Rivalen eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.

Viele McVay-Weggefährten mittlerweile im Rampenlicht

Der 35-Jährige hat in seiner noch in den Kinderschuhen steckenden Head-Coach-Karriere bereits mehreren Assistenten den Weg ins Rampenlicht gewiesen. Von seinem Antrieb und Spirit haben bereits Greg Olson (OC bei den Las Vegas Raiders), der schon erwähnte Taylor und Matt LaFleur (Head Coach der Green Bay Packers) auf besondere Weise profitiert. Nun also auch Waldron.

Über den McVay einst auch diesen blumigen Satz sagte: "Er besitzt die seltene Gabe, authentisch und aufrichtig mit Trainern und Spielern zu kommunizieren und schlägt auch bei Korrekturen den richtigen Ton an." Davon können sich die Seahawks bald überzeugen.

Derweil meldete sich auch Heaps wieder zu Wort: "Diese Textnachricht habe ich aus dem Staff der Rams bekommen: 'Für uns ist das ein größerer Verlust, als die Leute realisieren. Shane wird perfekt mit Russ (Wilson) zusammenpassen.'"

Der Satz stammt wohl eher nicht von McVay selbst. Aber er würde ihn zweifellos unterschreiben.

Marcus Giebel

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