Sebastian Vollmer (oben rechts) spricht mit ran.de exklusiv über seinen alte... - Bildquelle: Getty / ImagoSebastian Vollmer (oben rechts) spricht mit ran.de exklusiv über seinen alten Teamkollegen Tom Brady. © Getty / Imago

ran.de: Sebastian Vollmer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Ihren ehemaligen Mitspieler bei den New England Patriots und Freund Tom Brady mit seinen 43 Jahren nun im Trikot der Tampa Bay Buccaneers in der NFL immer noch von Sieg zu Sieg eilen sehen?

Sebastian Vollmer: "Für mich ist das ja eigentlich ganz normal (lacht). Ich frage meine Frau immer ein wenig überspitzt, wie es denn sein kann, dass so viele Experten Tom Brady jedes Jahr aufs Neue abschreiben und meinen, er sei nun endgültig zu alt für die NFL. Das ist für mich völlig unverständlich. Er ist und bleibt ein Ausnahmetalent. Und wenn Tom es in dieser Saison wirklich wieder in den Super Bowl schaffen sollte, wäre es für ihn persönliche bereits seine zehnte Teilnahme in 22 Jahren in der NFL. Das ist eine irre Statistik und eigentlich auch unvorstellbar. Tom zeigt in diesem Jahr bei den Tampa Bay Buccaneers, so wie auch schon in all den Jahren zuvor bei den New England Patriots, dass er immer besser und besser wird, je länger die Saison dauert. Zu Beginn war das alles noch ein bisschen holprig und jetzt läuft der Motor wie geschmiert. Brady ist für mich bei den Bucs also der klare X-Faktor."

ran.de: Was macht Brady auch in diesem für einen Footballer und Profi-Sportler hohen Alter noch so stark und erfolgreich? Mit sechs Super-Bowl-Ringen an den Fingern müsste er ja schon längst niemandem mehr etwas beweisen …

Vollmer: "Es ist zunächst einmal ein großes Risiko für ihn persönlich gewesen, in seinem Alter und nach all den Erfolgen mit den New England Patriots, nochmal zu einer anderen Franchise zu wechseln. Denn Tom muss wirklich niemandem mehr etwas beweisen. Aber so tickt er nicht. Tom ist dermaßen besessen von diesem Sport, dass er es einfach nochmal allen zeigen wollte, dass er auch außerhalb von Foxborough erfolgreich sein kann. Fürs Geld macht er es nämlich schon lange nicht mehr. Tom wollte in Tampa Bay zeigen: mit mir seid ihr besser. Auch wenn er das selbst so nie sagen würde. Es ist aber nun einmal Fakt, dass Tom jedes Team in der NFL besser macht. Ich finde es einen sensationellen Gedanken, dass er nun mit den Buccaneers möglicherweise in den Heim-Super-Bowl in Tampa Bay einziehen könnte. Ich würde ihm das unglaublich gönnen und gleichzeitig hoffen, dass dann wenigstens ein paar Fans dabei sein dürften."

ran.de: Wie hat er es aus Ihrer Sicht geschafft, den Erfolg zurück zu den Tampa Bay Buccaneers zu bringen? Immerhin eine Franchise, die in den vergangenen Jahren nicht zwingend aufgrund ihrer großen Triumphe aufgefallen ist …

Vollmer: "Es ist sicherlich eine Mischung aus dem bereits erwähnten Brady-Faktor und der starken Offense, für die Tampa Bay vor dieser Saison mächtig Geld in die Hand genommen hat. Wobei du in dieser Liga nicht auf Dauer gewinnen und erfolgreich sein kannst, wenn du keinen herausragenden Quarterback in deinen Reihen hast. Und das war in Tampa Bay in der Vergangenheit vor Brady eben nicht der Fall. Außerdem ist es auch eine Mentalitätsfrage: Brady wird verpflichtet und alle anderen im Roster wissen sofort, dass aufgrund seines Alters die Uhr tickt und sie möglichst schnell erfolgreich sein müssen. Alle wissen, dass Brady ihre Chance ist, ein Super Bowl zu gewinnen. Also gehen die Spieler, Klub und die Verantwortlichen 'All-In'. Selbst das Risiko einer Verpflichtung von Antonio Brown oder Rob Gronkowski, der eigentlich schon Football-Rentner war, wird dabei nicht gescheut. Somit stehen die Bucs nun unter enormem Erfolgsdruck, aber genau das lieben die Spieler. Die Leistungen werden dadurch beflügelt. Ich kann mich selbst noch daran erinnern, als ich zusammen mit Tom bei den Patriots gespielt habe, da galt immer das Motto: Wir wollen ihn nicht enttäuschen. Und wir wussten, dass wenn wir alle 100 Prozent auf den Rasen bringen, werden wir unsere Spiele auch gewinnen. Du willst dann nicht derjenige sein, der einen Sack gegen Brady zulässt oder einen Ball nicht fängt. Der Fokus und die Konzentration sind dementsprechend extrem hoch."

ran.de: Bucs-Head Coach Bruce Arians hat kürzlich gesagt, dass er Brady in Tampa Bay erlaube, er selbst zu sein und dass die Patriots es ihm im Gegensatz zum Head Coach der Buccaneers eben nicht erlaubt hätten zu coachen. Was hat er mit dieser Aussage gemeint? Wie ist sie aus Ihrer Sicht einzuordnen?

Vollmer: "Ich halte diesen Satz inhaltlich für übertrieben. Brady ist und war auf dem Spielfeld schon immer eine Art Offensive Coordinator. Bei den Patriots galt immer das Motto 'Do Your Job', dem man sich als Spieler ein Stück weit unterordnen musste, bei den Buccaneers ist Brady jetzt natürlich umso mehr eine Führungspersönlichkeit. Und bei allem Respekt für Bruce Arians, der sicherlich ein sehr guter Head Coach in der NFL ist, so hat er dann doch nicht ganz das Format eines Bill Belichick, dessen Wort in Foxborough Gesetz war. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Spieler in Tampa Bay in der einen oder anderen Situation vielleicht sogar mehr auf Brady, als auf Arians hören. Was aber auch nicht schlimm ist, weil es ja offensichtlich funktioniert."

ran.de: Sie kennen aus Ihrer Zeit bei den Patriots nicht nur Brady sehr gut, sondern auch dessen langjährigen Head Coach und Mentor Bill Belichick. Was glauben Sie, mit welchen Gefühlen wird er dessen Leistungen verfolgen?

Vollmer: "Belichick ist kein Mensch, der zurückschaut. Brady ist nicht mehr sein Quarterback, also interessiert ihn das auch nicht mehr. Ich könnte mir zwar schon vorstellen, dass er ihm mal eine SMS geschrieben und darin zu seinen Leistungen gratuliert hat, mehr aber auch nicht. Alles Weitere wäre für Belichick vergeudete Energie. Ich kann mich noch genau erinnern, wie Belichick immer sauer wurde, wenn wir Spieler beispielsweise in der Physiotherapie an ein Gerät angeschlossen waren und dabei auf unserem Handy herumgedrückt haben. Genau das ist für ihn nämlich vergeudete Energie. In dieser Zeit hätten wir uns aus seiner Sicht auch unser Tablet nehmen und auf den kommenden Gegner vorbereiten können."

ran.de: Im NFC Championship Game trifft Brady mit den Bucs nun im altehrwürdigen Lambeau Field auf die Green Bay Packers mit einem weiteren Quarterback-Star, Aaron Rodgers. Die Partie in Tampa Bay in Week 6 ging klar und deutlich an die Buccaneers. Was erwarten Sie nun von diesem Match-Up?

Vollmer: "Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es sehr hart und unangenehm ist, in der sogenannten 'Frozen Tundra' im Lambeau Field zu spielen. Es ist also kein Wunder, dass die Green Bay Packers so heimstark sind. Aber die Buccaneers haben aus meiner Sicht durchaus ihre Chancen. Allerdings glaube ich, dass sie so ein Momentum brauchen wie beispielsweise die Cleveland Browns im Spiel gegen die Pittsburgh Steelers vor zwei Wochen, als sie eine überragende erste Hälfte abgeliefert haben. Oder eine Interception von Rodgers, ein Big Play der Special Teams – also irgendwas, was ihnen möglichst früh im Spiel zusätzliches Selbstvertrauen verleiht. Denn wie gesagt, es macht einfach überhaupt keinen Spaß in Green Bay zu spielen. Wir waren mit den Patriots damals im Dezember dort und ich habe mir drei Zentimeter dick die Vaseline auf die Arme geschmiert, weil das vor Kälte schützen sollte. Aber so richtig viel hat das damals auch nicht gebracht. Und dann ist dort immer nur ein Teil des Rasens gefroren, ein anderer wiederum überhaupt nicht. Es ist also richtig eklig dort antreten zu müssen. Dann haben wir auch noch verloren und du sitzt dann in der Kabine, ziehst deine Klamotten aus und hast richtig miese Laune, weil du gerade eine Pleite kassiert hast und das dann auch noch unter diesen bescheidenen Bedingungen. Ich habe über einhundert Spiele in der NFL absolviert, aber dieses in Green Bay ist mir leider echt sehr im Gedächtnis geblieben."

ran.de: Warum können Rodgers und die Packers den Bucs mit Tom Brady gefährlich werden? Was macht Rodgers vor allem in dieser Saison so stark?

Vollmer: "Rodgers ist auch nicht mehr der Jüngste und somit läuft auch für ihn die Zeit in der NFL so langsam aber sicher ab. Er weiß, dass er jetzt liefern muss. Wenn er in eine Kategorie mit beispielsweise Tom Brady aufsteigen will, muss er mindestens noch einen Super Bowl gewinnen - aktuell steht er bekanntlich bei 'nur' einem Super-Bowl-Erfolg. Aber auch Rodgers ist ehrgeizig, will noch was erreichen. Und ein Spieler seiner Klasse merkt spätestens ab der Hälfte der Saison, ob man ein gutes Team zusammen hat, mit dem vielleicht der ganz große Coup gelingen kann. Das ist in dieser Saison definitiv der Fall. Rodgers musste sich im ersten Jahr unter Head Coach Matt LaFleur zunächst an dessen Calls in der Offensive gewöhnen, doch jetzt hat er sie allesamt voll verinnerlicht. Er hat dieses Jahr auch mehr Vertrauen in seine Receiver, wirft ihnen auch den Ball wieder zu, wenn sie ihn beim ersten Mal vielleicht haben durch die Finger flutschen lassen. Das ist aus meiner Sicht sehr clever, weil sich diese Jungs so wieder Selbstvertrauen zurückholen können und zudem vermittelt bekommen, dass sie wichtig sind und gebraucht werden."

ran.de: Und wie schätzen Sie die andere Begegnung zwischen den Buffalo Bills und den Kansas City Chiefs ein? Gehen Sie von einem Einsatz des mit einer Gehirnerschütterung angeschlagenen Star-Quarterbacks Patrick Mahomes im AFC Championship Game aus?

Vollmer: "Ich gehe ehrlich gesagt davon aus, dass Patrick Mahomes gegen die Buffalo Bills spielen wird. Zum Ende meiner aktiven Karriere hin wurden die Bestimmungen rund um Gehirnerschütterungen deutlich verschärft, aber wenn sich ein Spieler nicht übergeben muss oder Probleme mit der Balance hat, sollte er schon einsatzbereit sein. Das entscheidet aber letztlich ein unabhängiger Neurologe. Und dann liegt es auch ein Stück weit am Spieler selbst. Denn dieser muss vor der Partie einen Bogen ausfüllen und unter anderem beantworten, ob er Kopfschmerzen oder Konzentrationsschwächen hat. Wenn das so ist, sollte man eigentlich so vernünftig sein und nicht antreten. Da es sich in Mahomes' Fall aber um das AFC Championship Game handelt, kann es natürlich schon sein, dass man sein Kreuzchen woanders macht, bevor man aus dem Verkehr gezogen wird. Das wäre aber nicht nur bei Mahomes so, sondern bei jedem Spieler in der NFL. Denn die Jungs wollen immer spielen, vor allem in so einer Partie. Ob das dann so sinnvoll und vor allem vernünftig ist, ist eine andere Frage.

Und was die Buffalo Bills betrifft, glaube ich fest daran, dass sie den Chiefs gefährlich werden können. Ich muss auch zugeben, dass ich seit einigen Jahren absoluter Bills-Fan bin. Josh Allen macht dort einen sensationellen Job und sie haben eine richtig gute Defense. Da ist in den vergangenen zehn Jahren richtig was entstanden. Das freut mich sehr. Denn als ich noch aktiv war, habe ich mich ehrlich gesagt immer gefreut, wenn wir gegen die Bills gespielt haben. Die waren zu dieser Zeit so schwach, dass man einen Tag vorher noch hätte ausgiebig feiern gehen können, wir hätten wohl trotzdem gewonnen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, sie sind in der AFC mittlerweile ein sehr ernstzunehmender Super-Bowl-Kandidat. Allerdings könnte die Offense-Power der Chiefs, vor allem wenn Mahomes wirklich spielen kann, für die Bills ein bisschen zu krass sein. Aber wer weiß, es ist Playoff-Football und da kann alles passieren."

ran.de: Und zum Schluss, Hand aufs Herz: Wann wird Tom Brady nach nunmehr über 20 Jahren in der NFL endgültig die Football-Schuhe an den Nagel hängen?

Vollmer: "Mit 45. Ich glaube, dass er in der kommenden Saison auf jeden Fall nochmal zurückkehren wird und ich halte es ehrlich gesagt auch nicht für ausgeschlossen, dass er selbst dann nochmal ein weiteres Jahr dranhängen wird. Aber: Sollte er wirklich dieses Jahr noch einmal den Super Bowl gewinnen, hoffe ich ein wenig für ihn, dass die Stimmen aus seinem Umfeld in sein Ohr dringen und er darauf hört, wenn sie sagen: 'Komm' lass es jetzt gut sein, es ist genug.' Denn es wäre sehr bitter und das wünsche ich ihm eben nicht, dass er vielleicht nach all seinen Erfolgen eine Saison erlebt, in der nichts zusammenläuft und dieses eine Jahr dann sein sportliches Erbe ein wenig beschädigen würde. Das hätte er definitiv nicht verdient."

Das Interview führte: Dominik Hechler

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