München/Santa Clara – Im Augenblick seines großen Triumphes gab sich Trevor Lawrence bescheiden. "Es geht nicht um mich oder die Tatsache, dass ich in meinem ersten College-Jahr bin. Den Sieg habe ich meinen Teamkollegen und meinen Coaches zu verdanken. Ich bin einfach nur dankbar, Teil eines so tollen Teams zu sein", erklärte der Schlaks mit der langen blonden Mähne bei der Siegerehrung.

Dennoch ist dem 19-jährigen Quarterback der Clemson Tigers Historisches gelungen: Seit 1985 ist er der erste Quarterback-Freshman – also ein Spieler, der sein erstes Jahr am College spielt – der im Endspiel um die nationale College-Meisterschaft gestartet ist und den Sieg davon getragen hat. Mit 44:16 ließen die Clemson Tigers den Alabama Crimson Tide keine Chance. Das lag vor allem an Lawrence, der die sonst so dominante Defense von Alabama nach allen Regeln der Kunst auseinander nahm. 20 von 32 Pässen brachte der Quarterback an den Mann, erzielte damit 347 Yards Raumgewinn und drei Touchdowns. Folgerichtig wurde er auch zum "Offensive MVP" des Endspiels gewählt.

Lawrence tritt in Watsons Fußstapfen

Auf der größten Bühne zeigte das Supertalent seine beste Leistung. "Er hat noch zwei Jahre Zeit, um an seinem Spiel zu arbeiten. Er wird eine Legende werden. Eigentlich ist er das jetzt schon", schwärmt NFL-Star Deshaun Watson von den Houston Texans. Watson beobachtet Lawrence ganz genau, schließlich spielte er vor seinem Wechsel in die NFL 2016 auch an der Clemson University und führte die Tigers ebenfalls zu einer nationalen Meisterschaft.

Lawrence selbst gilt unter Scouting-Insidern schon seit Jahren als kommender NFL-Star. "Ich habe noch nie einen Spieler seiner Größe mit dieser Kombination aus Kraft, Genauigkeit, Übersicht und natürlichen Instinkten gesehen. Er erinnert mich an Peyton Manning, nur dass Lawrence athletischer ist und einen stärkeren Arm hat. Das ist natürlich eine gewagte Aussage, aber ich sage das nicht leichtfertig", schreibt Mike Farrel vom Scouting-Portal "Rivals".

Abgeklärt in der Pocket

Der Vergleich dürfte Lawrence gefallen: Er ist in Tennessee aufgewachsen, dort wo Manning seine College-Karriere bei den Tennesse Volunteers verbrachte. Zu seinen Ehren trägt er auch die Rückennummer 16. Mit seiner Größe (1,98 m) seiner Spielübersicht und Wurfgenauigkeit erinnert sein Spiel tatsächlich an den zweimaligen Super-Bowl-Champion. Zudem kann der Clemson-Quarterback mit seiner Präsenz in der Pocket glänzen. Selten war ein 19-Jähriger im Angesicht des Pass Rushes so abgeklärt.

Bezeichnend dafür war ein Spielzug kurz vor Ende des dritten Viertels. Lawrence stand mit dem Ball an der 15 Yard Linie von Alabama, ein gegnerischer Linebacker kam entschlossen auf ihn zugestürmt. Der Quarterback warf den Ball in letzter Sekunde. Wie ein Pfeil durchschnitt der Pass die Luft, unerreichbar für zwei Verteidiger und genau in die Arme von Wide Receiver Tee Higgins. "Der Spielzug verlief nach Plan, aber wenn irgendjemand anderes unser Quarterback wäre, wäre der Pass nicht angekommen", lobt Higgins. Lawrence ist kein Athlet wie Russel Wilson oder Cam Newton, aber dennoch beweglich und kann Verteidigern in der Pocket ausweichen.

"Das ist sein Team"

Trotz des Hypes um seine Person ist Lawrence bei seinen Kollegen beliebt. "Schaut ihn euch an. Das ist sein Team. Er ist unser Anführer", erklärte der Senior Hunter Renfrow. "Gott ging in ein Labor und hat den perfekten Football-Spieler erschaffen", schwärmt auch Offensive-Lineman Jackson Carmon von den Qualitäten seines Quarterbacks. Lawrence hat bewiesen, dass er vor dem Rampenlicht nicht zurückschreckt.

Doch er ist kein Typ, der die Aufmerksamkeit genießt. Er lenkt diese lieber auf seine Teamkollegen, wie auch im Moment seines größten Triumphes. Trotz seines Promi-Status geht er immer noch gern in ein Fast-Food-Lokal und studiert Videomaterial mit einem Teller Chicken Wings. Dabei verkriecht er sich in einer hinteren Ecke, um nicht von Fans und Schaulustigen gestört zu werden.

Ob er wirklich eines Tages in der NFL in die Fußstapfen seines großen Idols Peyton Manning treten wird, ist noch ungewiss. Würde sich Lawrence für den Draft in diesem Jahr anmelden, würde er wohl in der ersten Runde gepickt werden. Doch das verbieten die NFL-Regeln: Ein Spieler muss die High School seit mindestens drei Jahren verlassen haben, um in den Draft zu gehen.

Der Weg zum Draft ist noch lang

Zwei weitere Jahre, in denen er seinen Körper den Strapazen einer College-Saison aussetzen muss. Es bleibt zu hoffen, dass der 19-Jährige von schwerwiegenden Verletzungen verschont bleibt. Auch früher Erfolg im College ist keine Garantie für eine glanzvolle NFL-Karriere. Jamelle Holieway führte die Oklahoma 1985 Sooners ebenfalls als Freshman-Starter zur nationalen Meisterschaft – der große Durchbruch in der NFL blieb ihm verwehrt. Doch im Moment dürfte der Mann mit der langen blonden Mähne eines der begehrtesten Talente bei den NFL-Scouts sein.

Julian Huter

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