Matt LaFleur führte die Green Bay Packers zurück in die Erfolgsspur. - Bildquelle: imago / Getty ImagesMatt LaFleur führte die Green Bay Packers zurück in die Erfolgsspur. © imago / Getty Images

Green Bay - 9. Januar 2019. Eine neue Zeitrechnung beginnt in Wisconsin. Matt LaFleur wird als neuer Head Coach der Green Bay Packers vorgestellt. Eines Teams, das am Boden liegt.

Eben erst haben Aaron Rodgers und Co. das letzte Spiel der Regular Season gegen die verhassten Detroit Lions verloren. In Lambeau. Mit 0:31. Die Playoffs finden ohne die 6-9-1-Packers statt. Schon wieder.

Die Stimmung in Green Bay ist wie das Wetter: frostig.

Und ausgerechnet der 40-jährige Matt LaFleur soll den Karren aus der "Frozen Tundra" ziehen, ein Mann, der noch keinerlei Head-Coach-Erfahrung in der NFL vorweist? Viele zweifeln, doch einer nicht: Packers-Präsident Mark Murphy ist sich schon an jenem 9. Januar 2019 sicher, den "richtigen Mann für diese Organisation" gefunden zu haben.

Nun ist wieder Januar. Und es ist festzustellen: Die Packers haben tatsächlich den richtigen Mann gefunden.

LaFleur formte die "Cheeseheads" in nur einem Jahr zum Super-Bowl-Anwärter. Zum einen mit taktischen Neuerungen, zum anderen aber auch mit Kniffen abseits des Feldes, die sogar den erfahrenen Rodgers "beeindrucken".

Rodgers und LaFleur: Ziemlich beste Freunde

Dabei war das Verhältnis zwischen Quarterback und Head Coach zunächst alles andere als perfekt. Was sollte sich der 36-jährige Rodgers, Super-Bowl-Sieger und zweimaliger MVP, vom erst vier Jahre älteren LaFleur schon beibringen lassen?

Zum ersten Mal seit seiner Rookie-Saison 2005 musste Nummer 12 ein neues System büffeln. Ein System, das mit Rodgers' Selbstverständnis so gar nicht zusammenpasste. LaFleur: "Wir hatten noch nie einen Quarterback, der die völlige Freiheit hatte, das Spiel auf der Linie zu wechseln, weil das nicht der richtige Weg ist" - dabei war Rodgers genau diese Freiheit unter Vorgänger Mike McCarthy gewohnt.

Die Schlagzeilen in Green Bay während der OTAs im Sommer schrieben sich von selbst: "Spannungen zwischen Quarterback und Coach!", war da zu lesen. Oder: "Die Kreativität geht verloren!"

Doch LaFleur schaffte es in zahlreichen persönlichen Gesprächen, Rodgers von seinem Weg zu überzeugen. Einem Weg, der unter Offensive Coordinator LaFleur in Atlanta mit Matt Ryan und in Los Angeles mit Jared Goff bereits Erfolge brachte. Es klickte in der Vorbereitung, Rodgers, das Gesicht der Franchise, war an Bord. Und mit ihm das gesamte Team.

Noch vor der Saison stellte der Quarterback dies unmissverständlich klar: "Wir haben eine großartige Kommunikation. Ich gehe nicht raus, um jedem zu beweisen, wie großartig Matt und ich miteinander auskommen." Mittlerweile bezeichnet er LaFleur sogar als "engen Freund". Eine Wendung um 180 Grad, die den Packers sicher nicht geschadet hat.

Bezeichnend für das gute Verhältnis zwischen Trainer und Spielmacher: Rodgers kommt in Auszeiten stets an die Seitenlinie, um den nächsten Spielzug abzusprechen. Unter Mike McCarthy hatte er das nur noch selten gemacht.

"Players' Coach"

Matt LaFleur ist die Meinung seines Quarterbacks augenscheinlich wichtig. Doch nicht nur die.

Linebacker Za'Darius Smith bezeichnet den 40-Jährigen gern als "Players' Coach", ein Trainer, der nicht von oben herab bestimmt, sondern immer ein offenes Ohr für seine Spieler hat, ihnen unvoreingenommen zuhört - und zwar jedem.

Bestes Beispiel: Divisional Playoffs gegen die Seattle Seahawks. Davante Adams schlägt in der Halbzeit eine andere Route bei einem bestimmten Passspielzug vor, LaFleur ist einverstanden, sagt den Spielzug im dritten Viertel an - und die Packers machen den Touchdown.

Auf der Pressekonferenz danach wurde der Trainer dazu befragt: "Sie müssen als Coach nicht so aufgeschlossen für die Vorschläge Ihrer Spieler sein. Warum sind Sie es trotzdem, was ist Ihre Philosophie?" LaFleurs Antwort: "Wenn es Sinn ergibt, warum sollte ich nicht darauf hören? Es spielt keine Rolle, von wem es kommt."

Was aber nicht bedeutet, dass in der Kabine alle wild durcheinander reden. Trotz aller Freiheiten gibt es bei den Packers eine klare Hierarchie, eine klare Anführerschaft. In der so manch einer aufblüht. Smith: "Spieler, die anführen wollen, wie Preston (Smith, Anm. der Red.) und ich, dürfen anführen, und Spieler, die eine Schulter zum Anlehnen brauchen, haben eine Schulter zum Anlehnen. Jeder darf er selbst sein."

Laut Rodgers habe jeder Spieler "eine ganz besondere Rolle, die er mit allem, was er hat, ausfüllen" könne. "Das ist wahrscheinlich das, was mich an seinem System am meisten beeindruckt."

Maximal erfolgreich

Für jeden Packer also eine neue Rolle. Auch auf dem Feld. LaFleur passte das Spielsystem perfekt an das vorhandene Spielermaterial an und holt das Maximum aus seiner Truppe heraus.

In Ermangelung an erstklassigen Receivern fangen Green Bays Running Backs mehr Pässe denn je. Aaron Jones kommt bislang auf 50 Receptions für drei Touchdowns und 481 Yards, mehr Receiving Yards hat nur Davante Adams. Jamaal Williams verbuchte bisher fünf Receiving Touchdowns und damit genauso viele wie Adams.

Die etatmäßigen Receiver wie Allen Lazard oder Jake Kumerow erzielen zwar nicht den ganz großen Raumgewinn durch die Luft, sind LaFleur zufolge aber dank ihrer Körpermasse eine "Waffe" beim Blocken.

Das führt zu mehr kurzen Pässen als noch unter McCarthy. Doch wenn es die Situation auf dem Feld zulässt, ist auch LaFleur "opportunistisch" und sagt die "tiefe Bombe", das "lange Brot" an - sehr zum Gefallen seines Quarterbacks.

Allerdings muss Rodgers das Team, im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, nicht mehr alleine tragen. Er ist mehr "Game Manager" denn Quarterback. Fehlervermeidung statt Big Plays, so die Devise. Und das klappt: Erst vier Interceptions warf Rodgers in dieser Spielzeit.

Dass die Last nicht mehr allein auf den Schultern von Nummer 12 liegt, hängt vor allem mit Green Bays neuer Defense zusammen, die mit den Free-Agency-Verpflichtungen von Za'Darius und Preston Smith (zusammen 30 Sacks) und Adrian Amos (5 Tackles, 1 Sack, 1 Interception) einen gewaltigen Sprung nach vorne machte. Und vor allem in den entscheidenden Momenten regelmäßig da ist.

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"Finden Wege, zu gewinnen"

Ohnehin ist das so etwas wie das Motto der Packers unter Matt LaFleur: Zu liefern, wenn es darauf ankommt.

Green Bay gewann in dieser Saison zahlreiche Spiele erst im vierten Viertel, oft in den letzten Minuten oder gar mit dem letzten Play. War es erst die Defense, die den Sack zumachte, übertrug sich diese Crunchtime-Mentalität im Laufe der Saison auch auf die Offense.

Rodgers verriet nach dem Last-Second-Sieg bei den Lions in Week 17: "Jeder hat mittlerweile das Gefühl: Wenn wir ein Play brauchen, dann machen wir es auch. Niemand zweifelt." Haben die Packers in der Vergangenheit Wege gefunden, zu verlieren, sei es laut LaFleur nun umgekehrt: "Wir finden Wege, zu gewinnen."

Unter dem 40-Jährigen wurde das Siegen in Green Bay wieder zur Selbstverständlichkeit. Er führte als erster Packers-Coach der Geschichte die Franchise gleich in seinem ersten Jahr in die Playoffs. The Pack is back.

Noch ein Sieg, dann geht es sogar in den Super Bowl. Die Aufgabe im NFC Championship Game (am Sonntag ab 20:45 Uhr live auf ProSieben und ran.de) ist aber alles andere als einfach, bei den San Francisco 49ers setzte es für die Packers in Week 12 eine herbe 8:37-Niederlage.

Doch LaFleur betonte: "Ich habe Vertrauen in mein Team."

Die Stimmung in Green Bay ist endlich wieder gut. Anders als das Wetter. Das ist auch unter Head Coach LaFleur immer noch frostig.

Kevin Obermaier

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