Tom Brady (M.) während einer der privat organisierten Trainingseinheiten mit... - Bildquelle: imago images/ZUMA WireTom Brady (M.) während einer der privat organisierten Trainingseinheiten mit seinen Bucs-Kollegen. © imago images/ZUMA Wire

München - Jarvis Landry wählte die ganz große Bühne, um sich an Tom Brady zu wenden.

"Die Liga braucht deine Stimme gerade jetzt", schrieb der Wide Receiver der Cleveland Browns bei Twitter: "Wir brauchen unsere Anführer in diesen Besprechungen mit der NFL. Ich frage dich als Mitspieler, als Bruder, als einer der am meisten respektierten Spieler aller Zeiten. Wir müssen dich hören."

Landry fügte die Hashtags #Salute und #Unity an, sowie eine geballte Faust, die als Zeichen der Black-Lives-Matter-Bewegung gilt. Was genau Landry von Brady wollte, blieb unklar.

Vermutlich ging es um Dinge, die in Bezug auf die Durchführung der anstehenden NFL-Saison im Schatten der COVID-19-Pandemie geklärt werden müssen. Schließlich ist gerade in den USA die Lage bedenklich, Spieler und Liga dürften Redebedarf haben.

Tom Brady hält sich zurück

Eine Antwort von Brady bekam Landry aber nicht. Generell äußerte sich der Neu-Quarterback der Tampa Bay Buccaneers zuletzt nicht zu den großen politischen Themen.

Der Tod von George Floyd, die daraus resultierenden Unruhen, die Black-Lives-Matter-Bewegung, von Brady kam dazu nicht viel. Auf Instagram postete er lediglich ein schwarzes Bild am "Black Out Tuesday", mit betenden Händen, aber ohne weiteren Kommentar zur politischen Lage oder zum umstrittenen US-Präsidenten Donald Trump.

Und das obwohl sogar Robert Kraft, Besitzer der New England Patriots und langjähriger Unterstützer von Trump, sich zuletzt sehr kritisch über den Präsidenten äußerte, dessen Aussagen als "tief enttäuschend" bezeichnete und dessen Politik spalterisch nannte.

Andere Sport-Superstars wie Basketballer LeBron James oder Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton wurden da noch viel deutlicher und lehnten sich mit ihrer Kritik teilweise weit aus dem Fenster.

Brady verstößt gegen Corona-Regeln

Auch beim größten Thema des Jahres, dem Kampf gegen die SARS-CoV-2-Pandemie, fiel Brady bisher nicht sonderlich positiv auf. Zwar sammelte er Geld durch Teilnahmen an Charity-Golf- und Pokerturnieren, selbst scheint er es aber mit den Corona-Regeln nicht sonderlich ernst zu nehmen.

Mitten im Corona-Hotspot Florida veranstaltete der 42-Jährige zuletzt mit Mannschaftskameraden wie Rob Gronkowski entgegen der Empfehlung der NFL und der Spielergewerkschaft NFLPA Gruppentrainings, bereits im April war er in Tampa Bay aus einem Park geworfen worden, weil er gegen die Corona-Bestimmungen verstoßen hatte. Teilweise wurde er im Netz hart für sein Verhalten angegangen.

Erklären lässt sich das Verhalten des 42-Jährigen wohl nur mit seinem Ehrgeiz. Denn Brady will es in Tampa Bay allen noch einmal beweisen und idealerweise im Februar den Super Bowl im heimischen Stadion gewinnen.

Dass Brady für den Erfolg bereit ist, bis an die Grenzen des Vertretbaren zu gehen, zeigte sich bereits mehrfach in seiner langen Karriere. Manchmal ging er vielleicht sogar ein Stück darüber hinaus.

Auf dem Feld ein Vorbild, in politischen Fragen zurückhaltend

Während Brady auf dem Football-Feld immer vorneweg marschiert, zeigt er sich umso zurückhaltender, wenn es darum geht, in gesellschaftlichen und politischen Fragen eine Vorbildfunktion einzunehmen.

Der Quarterback ist seit vielen Jahren der vermutlich prominenteste Spieler einer Liga, in der rund 70 Prozent aller Spieler schwarz sind. Darüber hinaus hat er mit dem brasilianischen Supermodel Gisele Bündchen eine Familie gegründet, eine bunte und offene Welt sollte ihm also am Herzen liegen.

Und doch klingen seine politischen Statements oft halbherzig. Was daran liegen könnte, dass ihn gleichzeitig mit Donald Trump eine jahrelange Freundschaft verbindet.

Im Alter von 24 Jahren traf der junge Patriots-Quarterback den späteren Präsidenten das erste Mal, Trump lud ihn zum Golf ein, klingelte nach Spielen bei Brady durch und machte ihn zum Juror bei der "Miss America"-Wahl. Gerüchteweise soll Trump sogar versucht haben, Brady mit seiner Tochter Ivanka zu verkuppeln.

"Möchte nicht in politische Dinge reingezogen werden"

Schwierig wurde das Verhältnis, als Trump sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen ließ. "Der ganze politische Aspekt kam dazu, es war so polarisierend während des Wahlkampfes", erzählte Brady 2016 Howard Stern im Interview für "SiriusXM": "Es war unangenehm für mich, ich wollte die Freundschaft nicht zerstören, aber politische Unterstützung ist etwas anderes als die Unterstützung für einen Freund."

Zunächst bewahrte Brady noch eine "Make America Great Again"-Kappe im Locker Room der Patriots auf, wenig später meldete sich Gisele Bündchen öffentlich zu Wort und erklärte mit Nachdruck, dass sie und Tom Trumps Kandidatur nicht unterstützen würden. Nach dem Super-Bowl-Gewinn in der Saison 2016 verweigerte Brady den Besuch im Weißen Haus, was bei Trump zu einem Wutausbruch geführt haben soll.

"Ich möchte in diese politischen Dinge einfach nicht reingezogen werden", erklärte Brady, der hin- und hergerissen scheint, im selben Jahr.

Letztlich entsteht so das Bild eines Mannes, der vor allem Football spielen möchte und sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs am liebsten heraushalten will.

Brady antwortet nicht

Das kann man ihm grundsätzlich nicht verübeln. Aber die größten Sportler aller Zeiten - man denke etwa an Muhammad Ali - sind nicht nur wegen ihrer sportlichen Fähigkeiten zu Legenden geworden, sondern auch wegen ihrer klaren Meinung und wegen ihres Einsatzes bei politischen und gesellschaftlichen Themen.

Ein wenig mehr Meinung und Engagement könnte man also auch von Tom Brady erwarten.

Allzu groß sollte die Hoffnung aber nicht sein. Jarvis Landry wartete am Sonntagabend jedenfalls immer noch auf eine Antwort.

Christian Stüwe

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