Tommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 auf der Strecke (l.) und ansch... - Bildquelle: ImagoTommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 auf der Strecke (l.) und anschließend beim Hymnenprotest (Mi.) © Imago

München - Ein schwarzer Handschuh. Mehr nicht.

Mehr hat es für Tommie Smith nicht gebraucht, um vor der ganzen Welt gegen Diskriminierung zu protestieren. Um im Moment seines größten Triumphs die lautestmögliche Botschaft zu senden. Und um in den USA über Nacht zur meistgehassten Person zu werden, alles zu verlieren und erst in der NFL wieder eine sportliche Heimat zu finden.

Kurz nachdem der US-Amerikaner bei den Olympischen Spielen 1968 in 19,83 Sekunden über 200 Meter zum Sieg gesprintet war, reckte er bei der Medaillenzeremonie während der US-Hymne mit gesenktem Kopf seine Faust in eben jenem schwarzen Handschuh gen Nachthimmel von Mexiko City, um still gegen Diskriminierung und Rassismus in den USA zu protestieren.

Olympia-Ausschluss nach Hymnenprotest

Was folgte, war die komplette Demontage eines Spitzensportlers. Der damalige IOC-Präsident Avery Brundage, selbst US-Amerikaner, bezeichnete den inzwischen wohl berühmtesten Hymnenprotest der Sportgeschichte von Smith und Bronzemedaillen-Gewinner John Carlos rassistisch als "üble Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch Neger".

Er ordnete an, dass Smith und Carlos unverzüglich aus dem US-Olympiateam geschmissen werden und das olympische Dorf verlassen mussten, andernfalls drohte dem kompletten US-Leichtathletikteam der Olympia-Ausschluss. Der US-Verband gehorchte. Vom IOC wurde Smith zudem auf Lebenszeit für Leichtathletik-Wettbewerbe gesperrt. Smith, Carlos und ihre Familien erhielten Morddrohungen.

"Ich bin nicht zurückgetreten. Ich wurde aus dem Team geschmissen", erinnerte sich Smith Jahre später in einem Interview mit dem "Enquirer": "Als er [Avery Bradley, Anm. d. Red.] mir das genommen hatte, hat er mir diesen Teil meines Lebens entrissen." Mit 24 Jahren stand Smith, der elf Weltrekorde über 200 und 400 Meter aufgestellt hatte, vor dem unfreiwilligen Ende seiner sportlichen Karriere und dem finanziellen Ruin.

Doch dann kamen die Cincinnati Bengals.

Ein Olympiasieger im Taxi Squad

Dabei hatte Smith seit seiner High-School-Zeit kein Football mehr gespielt. Zwar wurde er im NFL Draft 1967 als Wide Receiver tatsächlich in der neunten Runde von den Los Angeles Rams gewählt. Doch er konzentrierte sich auf seine Karriere als Leichtathlet und unterschrieb letztlich nie einen Vertrag bei den Rams.

Nach Smiths Leichtathletik-Aus aber erinnerte sich 1969 Bill Walsh, damaliger Wide-Receiver-Coach der Bengals, an ihn und sein irrwitziges Tempo. "Die Bengals haben mich vom Boden aufgelesen und mir klar gemacht, dass ich mich nicht selbst bemitleiden soll, weil ich pleite bin", so Smith. Walsh half ihm auf die Beine: "Ich weiß, dass er hart gekämpft hat, um mich dort zu behalten, obwohl ich dem Team eigentlich keine große Hilfe war."

So ging es für den damaligen Weltrekordhalter über 200 Meter ins Taxi Squad der Bengals, dem Vorläufer des heutigen Practice Squads. Wochenverdienst: 300 Dollar.

Erst der Catch, dann das NFL-Aus

Fast drei Jahre lang war Smith bei den Bengals in der NFL. In zwei Spielen kam er zum Einsatz. Gegen die Oakland Raiders gelang ihm 1969 sein einziger NFL-Catch - für immerhin 41 Yards Raumgewinn. Als der damalige Raiders-Cornerback George Atkinson Smiths Schulter mit einem Hit auskugelte, war allerdings auch dessen zweite Karriere im Sport beendet. Der Olympia-Sieger absolvierte danach nie wieder ein NFL-Spiel.

Dennoch war die NFL-Zeit für Smith heilsam. Wohl auch, weil sein Hymnenprotest nie zum Streitpunkt wurde. "Ich kann mich nicht erinnern, dass er oder wir jemals deswegen angegriffen wurden", erinnerte sich der heutige Bengals-Owner Mike Brown, der damals noch Assistant General Manager war, im Gespräch mit dem Kolumnisten Paul Daugherty: "Es sind keine bösen Briefe gekommen. Das wurde alles respektvoll behandelt."

Lob für Colin Kaepernick

Knapp 50 Jahre später erging das Colin Kaepernick anders. Dessen kniender Hymnenprotest 2016 bedeutete für ihn den Anfang vom Ende seiner NFL-Karriere und Anfeindungen selbst von US-Präsident Donald Trump.

Konsequenzen, die den inzwischen 76-jährigen Smith an seine eigene Vergangenheit erinnern. "Er hat im Grunde genommen das Gleiche gemacht wie ich. Er ist aufs Knie gegangen, um ein Bewusstsein zu schaffen. Er hat seine Zukunft und seine Existenz für die Generationen nach ihm aufs Spiel gesetzt. Das ist eine Prüfung. Aber man muss für die richtige Sache einstehen. Wer das nicht tut, ist Teil des Problems."

Smith hat es getan und einen teuren Preis dafür gezahlt. Es dauerte Jahrzehnte, bis er statt Hass Anerkennung erntete. Inzwischen ist Smith auch in den USA eine Ikone, wurde mit Würdigungen wie dem Arthur Ashe Award for Courage und als Botschafter von Amnesty International ausgezeichnet.

Was er dafür brauchte? Einen schwarzen Handschuh. Mehr nicht.

Martin Jahns

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