Joe Burrow. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressJoe Burrow. © imago images/ZUMA Press

München – Es gibt Momente, da muss man zwischen den Zeilen lesen. Stimmungen und Tendenzen heraushören, indem man nicht nur das nimmt, was gesagt wird. Sondern auch das, was nicht. 

Joe Burrow ist aktuell ein Paradebeispiel.

Das Quarterback-Talent gilt beim Draft in Las Vegas (23. bis 25. April) als sicherer Nummer-1-Pick. Eigentlich. Denn das würde bedeuten, dass der Heisman-Gewinner bei den Cincinnati Bengals unterkommt. Ein Klub, der seit 1991 kein Playoff-Spiel mehr gewonnen hat. Der seitdem sowieso nur sieben Mal die Postseason erreicht hat.

 

Glamourös ist anders. Aussichtsreich auch. Für ein Top-Talent nicht unbedingt die erste Adresse.

Deshalb wird der 23-Jährige auch regelmäßig danach gefragt: Will er denn auch zu den Bengals? Verneint hat er das bislang nie, allerdings auch nie durchblicken lassen, dass es auch sein erklärter Herzenswunsch ist. Vielmehr sind es die Zwischentöne, die stutzig machen.

Wenig euphorisch

"Wenn sie mich auswählen, wählen sie mich aus. Ich werde dann alles dafür tun, der beste Football-Spieler zu sein, der ich sein kann", sagte er jüngst mal wieder. 

Das ist politisch korrekt, allerdings auch nicht sonderlich euphorisch. Was dann Raum für Spekulationen lässt. Zudem betont er, dass das Szenario nicht in Stein gemeißelt sein muss, dass er es beeinflussen kann. Was eigentlich die wenigsten Talente können.

"Ich habe Einfluss", sagte Burrow dem "Fort Worth Star-Telegram". "Sie haben ihren Prozess und ich habe meinen Prozess. Wir sind noch nicht einmal beim Combine gekommen. Es gibt eine Menge Dinge, die vor dem Draft passieren, und viele Informationen werden gesammelt."

Er konzentriere sich darauf, der beste Football-Spieler zu sein, der er sein könne, so der College-Champion: "Ich bin in dieser einzigartigen Position. Ich muss mich nicht am Pro-Day und im Combine beweisen. Ich kann mich darauf konzentrieren, mich auf das Jahr vorzubereiten."

Es ist eine dieser Draft-Geschichten, die nicht einmal unbedingt eine sein muss. "Es ist eine Geschichte, die jemand geschaffen hat, die keine Substanz hat - zumindest aus unserer Sicht", sagte Burrows Mutter Robin. Man weiß aber auch, dass solche Sachen schon mal eine Eigendynamik entwickeln können, ob nun gewollt oder nicht.

Hartnäckige Gerüchte

Doch die Gerüchte, dass er wenig bis gar keine Lust auf die Bengals hat, halten sich hartnäckig. Auch dann, wenn er davon schwärmt, dass es ziemlich cool wäre, in der Nähe seines Zuhauses zu spielen. Athens liegt keine drei Stunden von Cincinnati entfernt. 

Doch die Nebengeräusche werden lauter, es wird schwerer, sie auszublenden. Carson Palmer, Ex-Quarterback der Bengals, erklärte vor ein paar Wochen: "Ich hatte nie das Gefühl, dass die Organisation wirklich versucht, einen Super Bowl zu gewinnen und dem großen Ziel wirklich hinterherjagt." Pikant: Die Vorbereitung auf den Draft 2020 bestreitet Burrow mit Carson Palmers Bruder Jordan. 

Immer wieder gibt es auch öffentliche Ratschläge. Wie von Steve Bartkowski, der 1975 von den Atlanta Falcons gedraftet wurde, damals in etwa so schlecht wie die Bengals heute.

Ebenfalls pikant: Der frühere Quarterback traf Burrow am vergangenen Wochenende. Und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. "Ich weiß, wie es ist, zu solch einem Team zu gehen. Ich hasse es zu sehen, dass ihm das passiert. Es war hart damals", sagte er.

Rat von Bartkowski

Einen Rat gab er Burrow trotzdem. "Sie sind Leute aus Ohio", sagte Bartkowski. "Ich habe sie vielleicht beleidigt, indem ich ihnen das gesagt habe, aber wenn es die Bengals sind, würde ich es wahrscheinlich wie Eli Manning machen. Ich sagte: 'Die Möglichkeit haben sie. Es ist schon passiert.'"

Manning weigerte sich 2004, für die San Diego Chargers zu spielen, die ihn an Nummer eins ausgewählt hatten und ihn schließlich zu den New York Giants tradeten, wofür es Picks und im Tausch Philip Rivers gab. Kein übler Deal.

Klar ist: Aktionen wie die von Manning 2004 oder auch von John Elway 1983, als die Broncos-Legende sich weigerte, für die Baltimore Colts zu spielen, sind die Ausnahme.

Welche Möglichkeiten Burrow selbst hat, verriet er nicht konkret. Es dürfte sein unbestrittenes Können sein, die Hoffnung, dass sich andere Teams mit einem Trade vielleicht seine Unzufriedenheit zunutze machen wollen, um eines der größten Talente der letzten Jahre zu bekommen.

Denn auch sie werden zwischen den Zeilen lesen.

Andreas Reiners

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