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München/Miami - Franz Beckenbauer stolzierte über den Rasen in Rom, gerade war er als Teamchef mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister geworden.

FaceTime und Smartphones gab es 1990 noch nicht. Wer weiß, vielleicht hätte der "Kaiser" sonst auf seinem einsamen Spaziergang auch jemand angerufen.

Genau dies tat nämlich Tua Tagovailoa am Sonntag nach seinem NFL-Debüt. Er kehrte auf den völlig leeren Rasen zurück und setzte sich in kompletter Uniform an die 15-Yard-Linie. Der Rookie-Quarterback dachte nochmal darüber nach, was gerade passiert war. Ganz wie einst Franz Beckenbauer. Dann meldete sich Tagovailoa per Videotelefonie bei seinen Eltern.

"Es war ein sehr besonderer Moment für mich, weil meine Eltern nicht hier sein konnten", sagte Tagovailoa: "Ich wusste nicht mehr genau, wo unser Drive geendet hatte. Aber ich habe versucht, mich möglichst nahe an diese Stelle zu setzen, um mit meinen Eltern zu FaceTimen. Meine Eltern verpassen normalerweise nie ein Spiel von mir, deshalb wollte ich unbedingt mit ihnen sprechen."

Tagovailoa bringt zwei Pässe an

Eigentlich war bei Tagovailoas NFL-Debüt nicht viel passiert. Mit 24:0 führten die Miami Dolphins gegen die New York Jets, als der 22-Jährige das Spielfeld für die letzten Minuten betrat. Er warf lediglich zwei Pässe für neun Yards.

Dennoch war es ein ganz besonderer Moment. Für Tagovailoa und für die Miami Dolphins.

Denn vor weniger als einem Jahr, am 16. November 2019, hatte sich der Passgeber als Quarterback des College-Teams aus Alabama eine schwere Hüftverletzung zugezogen, die Fortsetzung seiner noch jungen Karriere war in Gefahr.

Vielleicht wäre Tagovailoa im diesjährigen Draft an erster Stelle gepickt worden, doch die Verletzung kostete ihn Plätze. Die Dolphins glaubten aber an seinen Genesungsprozess und wählten ihn an fünfter Stelle aus.

 

Fitzpatrick macht Stimmung für seinen Nachfolger

Dieses Vertrauen scheint nun belohnt zu werden. Der auf Hawaii geborene Spielmacher wirkte bei seiner Rückkehr auf das Spielfeld fit, er scheint keine Beeinträchtigungen mehr zu haben. Nun soll er die Dolphins schon bald in eine bessere Zukunft führen.

Einen Vorgeschmack darauf gab es am Sonntag, es herrschte erstmals "TuaTime" im Hard Rock Stadium. Großen Anteil an der Gänsehautstimmung hatte Ryan Fitzpatrick. Der 37-Jährige, der als Mentor und Platzhalter für Tagovailoa fungiert, führte zunächst die Dolphins zum Sieg gegen die Jets. Dann machte er bei seiner Auswechslung mächtig Stimmung für seinen designierten Nachfolger.

"Fitzmagic" wedelte mit den Armen auf und ab, die Fans im Stadion und die Mitspieler machten Lärm, "Tua, Tua"-Sprechchöre schallten durch das Stadion. "Das war ein cooler Moment für ihn, die Reaktion von den Fans und den Spielern an der Sideline zu sehen und zu hören", sagte Fitzpatrick.

"Das war nur ein Vorgeschmack"

"Es war großartig, zum ersten Mal auf dem Feld zu stehen und die Liebe meiner Mitspieler und der Fans zu spüren", sagte Tagovailoa. Dann bedankte er sich ausdrücklich bei Fitzpatrick. "Er ist ein Routinier, mit 16 Jahren Erfahrung. Aber es gibt keine Rivalität zwischen uns, er unterstützt mich die ganze Zeit. Ob es ein guter oder ein schlechter Drive war, er kommt zu mir und erklärt mir, was er gemacht hat."

Auch wenn es nur zwei Pässe waren, die Tagovailoa warf und auch wenn Fitzpatrick wohl zunächst weiter die Verantwortung bei den Dolphins tragen wird, markiert die Einwechslung den Beginn einer neuen Ära in Miami. "Das war nur der Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird", versprach Defensive Tackle Christian Wilkins.

Und das ist noch ein Unterschied zu Franz Beckenbauer. Denn der "Kaiser" war nach dem WM-Gewinn als Teamchef auf dem absoluten Höhepunkt und beendete seine Karriere. Für Tua Tagovailoa geht sie gerade erst los.

Christian Stüwe

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