Tyrann Mathieu: Die Seele der Chiefs-Defense. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressTyrann Mathieu: Die Seele der Chiefs-Defense. © imago images/ZUMA Press

München/Kansas City – Tyrann Mathieu atmet tief durch. Die Nervosität ist ihm nicht nur anzusehen, sie schlägt dem Beobachter förmlich entgegen. Sein Kaugummi penetriert er immer wieder, er starrt auf den Fernseher. 

Die Augen werden größer, der Atem kürzer. Dann brechen die Emotionen aus ihm heraus, er sackt in sich zusammen. Ja, als ihn die Arizona Cardinals im Draft 2013 an 69. Stelle auswählen, übermannen ihn die Gefühle, kann er die Tränen nicht mehr zurückhalten, als seine Familie um ihn herum ausflippt.

Lange muss er warten, zittern, nicht wissend, welches Team kommt. Ob überhaupt eines kommt. Scheideweg nennt man so etwas wohl.

Süß und knuddelig, aber unzähmbar

Es dürften nicht nur die entscheidenden Momente seiner Karriere, sondern auch die letzten Momente des "Honey Badger" gewesen sein. 

Der "Honigdachs", so der Spitzname des Defensive Back der LSU, süß und knuddelig, aber eben auch wild, schlecht zähmbar, ohne Furcht. Leider nicht nur auf dem Platz, wo er der Superstar ist. Charismatisch. Herausragend.

 

Allerdings nur zwei Jahre lang, 2010 und 2011.

Dann kamen die Drogen. Das Teufelszeug, das schon so manche aussichtsreiche Karriere zerstört hat. Mathieu trifft die volle Härte der LSU: Er fliegt aus dem Team, verpasst die Saison 2012 komplett. Er stürzt brutal ab, mal wieder. "Wenn im College etwas Schlimmes passierte, wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich würde immer das Falsche tun", sagt Mathieu heute.

Die verlorene Seele

Dabei hatte er doch schon so viel mitgemacht. Die Mutter: Sah er kaum. Der Vater: Wegen Mordes im Gefängnis. Seine Großeltern zogen ihn auf, bis sein Opa 1997 starb. Dann nahmen ihn Onkel und Tante auf. 

Eine verlorene Seele. 

Doch als er mit dem Rücken zur Wand steht, setzt er alles auf eine Karte, sprich: auf den Draft. Die Entscheidung war mutig, und hier benötigte er dann auch ein wenig Glück. Türöffner bei den Cardinals war ein Achtjähriger. 

Manager Steve Keim kannte natürlich die Vorgeschichte, kannte die wahnsinnigen sportlichen Stärken, aber auch die menschlichen Schwächen. Aber manchmal hilft der klare und ehrliche Blick eines Kindes. Keims Sohn war bei einem Abendessen mit Mathieu dabei, und sein Urteil war eindeutig: "Papa, der Typ ist echt cool."

Mathieu bekam bei den Cardinals seine Chance. Und ließ sie nicht mehr liegen. Vom "Honey Badger" wollte er fortan nichts mehr wissen, zumindest nicht von den negativen Seiten.

Keine Frage: Die US-Amerikaner lieben diese Geschichten, erst Recht vor dem Super Bowl am Sonntag (ab 22:45 Uhr live auf ProSieben und ran.de) zwischen Mathieus Kansas City Chiefs und den San Francisco 49ers.

Dann sind die Scheinwerfer besonders hell, die Bühne ist riesig, und die Fans saugen die Storys auf: Das gefallene Talent, der gescheiterte Goldjunge, der sich aufrafft, am Scheideweg steht und die Kurve bekommt. Ein bisschen Schmalz hier, ein bisschen Drama dort, fertig ist das Helden-Epos. Fehlt jetzt nur noch das Happy End.

Es stimmt aber auch: Feelgood bleibt Feelgood. Und es ist beeindruckend, diese Personalie zu verfolgen, die Entwicklung, das Reifen vom wilden College-Chaoten zum NFL-Anführer, zum Alphatier, das Verantwortung übernimmt. 

Kein gerader Weg durch die NFL

Klar: Komplett reibungslos verlief der Weg durch die NFL nicht, aber das gehört ja dazu. Erfolge wie der Pro Bowl 2015 als First-Team All-Pro, dann aber auch Rückschläge wie zwei Kreuzbandrisse und eine Schulterverletzung, dazu die Trennung von den Cardinals nach der Saison 2017. Nach einem Jahr bei den Houston Texans 2018 ging es dann 2019 schließlich zu den Chiefs. 

Er macht inzwischen aus seinen Fehlern eine Tugend, setzt sie ein, um dem Nachwuchs zu helfen, um zu zeigen, wie man es nicht machen sollte. Mit seinem Spitznamen hat er inzwischen seinen Frieden gemacht.

"Viele Leute kennen Honey Badger und nicht Tyrann Mathieu", sagte er. "Nachdem ich das damals durchgemacht habe, habe ich nur versucht, die Leute dazu zu bringen, das von Tyrann Mathieu zu lösen. Ich glaube, ich habe gute Arbeit geleistet. Die meisten Leute erkennen den Unterschied. Tyrann ist ein guter Kerl. Der Honey Badger ist emotional und ist darauf aus, Football zu spielen. Ich denke, die Leute kennen den Unterschied jetzt, damit kann ich leben." 

Hochgelobter Playmaker

Das Gute: Dank seiner Vorgeschichte kann er auch mit der jetzigen Situation umgehen, kann es einordnen, dass er die Seele der Defense ist, das wichtige Puzzlestück, um der wilden Offensive um Quarterback Patrick Mahomes den Rücken freizuhalten. Er ist der Hochgelobte, dynamisch und explosiv, der 27-Jährige ist vor allem vielseitig. Ein Playmaker.

"Er ist der geborene Anführer. Er muss nichts anderes tun, als er selbst zu sein", sagt Mahomes. 

Mathieus Intensität reißt die Teamkollegen mit, seine Ausstrahlung wirkt. Er bringt eine Authentizität mit, die selten geworden ist. Ein Star zum Anfassen, der auch in der Stadt im Umgang mit den Menschen schon Akzente gesetzt hat.

"Es ist nicht so, dass sie hier keine Anführer hatten", sagte Mathieu Yahoo Sports. "Ich denke eher, dass General Manager Brett Veach nach einer bestimmten Persönlichkeit gesucht hat, die andere Alphatiere anführen kann."

"Ich bin bereit"

Die Aufgabe erfüllte er - bis in den Super Bowl. "Ich bin bereit", sagt Mathieu. Bereit für sein eigenes Happy End. Vergleicht man das verzweifelt-verängstigte Kind von der Draft-Nacht 2013 mit dem selbstbewusst-zielstrebigen NFL-Star 2019, reicht ein Blick, um die Wandlung zu erkennen.

Grinst er dann noch freundlich und verschmitzt in die Kameras, wird auch klar, woher der Spitzname kommt. Und klar ist dann auch: Den Honey Badger gibt es immer noch. Unzähmbar ist er inzwischen aber nur noch auf dem Platz.

Andreas Reiners

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