Stehen oft im Mittelpunkt der Diskussionen: die NFL-Referees. - Bildquelle: imago/ZUMA PressStehen oft im Mittelpunkt der Diskussionen: die NFL-Referees. © imago/ZUMA Press

München - Zwei Spiele. Eng, spannend, hochklassig. Die Duelle wogen hin und her, man sieht: Hier stehen sich die vier besten Mannschaften der Regular Season gegenüber. Und die wohl vier besten Quarterbacks, die Legenden Tom Brady und Drew Brees gegen ihre Thronfolger Patrick Mahomes und Jared Goff.

Jedes Spiel liefert seine Geschichten. Dramen, über die Helden, die kühnen, aber auch die tragischen. Die Los Angeles Rams stehen im Super Bowl (3. Februar ab 22.45 Uhr, live auf ProSieben und ran.de), Head Coach Sean McVay macht seinem Ruf alle Ehre. Und Brady erst, der nicht altern wollende GOAT, der mit seinen New England Patriots ein Dauer-Abo auf das weltgrößte Einzelsport-Event der Welt hat.  

Stoff für unzählige Storys.

Nur ein Thema

Das Problem: Alle sprechen nur über ein Thema, das eigentlich keines sein sollte. Es sind die Referees der NFL, die die Geschichten dominieren.

Denn sie haben die Geschichte der beiden Spiele nicht nur maßgeblich beeinflusst, sondern sie im Fall der bitteren Niederlage der New Orleans Saints gegen die Rams (23:26) sogar selbst umgeschrieben.

Die Reaktionen fielen dementsprechend aus.

1:45 Minuten waren noch zu spielen, als Saints-Quarterback Drew Brees beim Stand von 20:20 im dritten Versuch und zehn Yards zu gehen einen Pass auf Receiver Tommylee Lewis wirft. Doch bevor dieser den Ball fangen kann, bringt ihn Rams-Cornerback Nickell Robey-Coleman zu Boden. Von den Referees kommt? Genau, nichts. 

ranNFL-Experte Sebastian Vollmer meint im Interview: "Das war eine klare Flagge. Dass sie nicht gegeben wurde, ist vor allem deswegen nicht zu verstehen, weil der Referee direkt daneben stand. Aber: je weiter du in den Playoffs kommst, desto weniger Flaggen werden fliegen. Das liegt daran, dass die Referees die Spiele nicht entscheiden wollen."

Genau das haben sie durch ihre Untätigkeit dann aber getan.

 

Denn die Sache war klar: NFL-Schiedsrichter-Boss Al Riveron gestand den Fehler sogar in einem Telefonat mit Saints-Coach Sean Payton ein. Riverson räumte sogar ein, dass es nicht nur eine Interference war, sondern auch helmet-to-helmet. 

Payton und die Saints können sich davon nur nichts mehr kaufen.

Fakt ist: Fehlentscheidungen auf diesem Niveau, zu diesem Zeitpunkt, so kurz vor dem Super Bowl, sind in letzter Konsequenz zwar immer menschlich. Was sie aber nicht weniger unverständlich macht, vor allem, wenn sie nicht nur auf tragische Weise eine Saison beenden, denn sie können deutlich nachhaltiger sein. 

NFL tut sich keinen Gefallen

Wer schon mal erlebt hat, wie eine Mannschaft nach einem Eingriff von außen sportlich abstürzte, kennt die möglichen Auswirkungen. Auch der Sport als Ganzes tut sich mit diesen Diskussionen keinen Gefallen.

Wenn das, worum es eigentlich geht, in den Hintergrund rückt, läuft etwas falsch. Oder anders gesagt: Die NFL hat ein Referee-Problem, das dringend gelöst werden muss. Das haben die beiden Conference-Championship-Games bewiesen, wenn sie das überhaupt noch mussten. Hinzu kommt: Sie sind auch noch vermeidbar.

Denn die Liga räumt sich bereits die Möglichkeit eines Reviews ein, allerdings nur für bestimmte Plays. Eine Pass Interference gehört zum Beispiel nicht dazu. Wie die "Washington Post" berichtet, soll die NFL zwar erwägen, auch dafür Reviews zu ermöglichen. Was das Problem aber nicht in Gänze löst. Flickschusterei wäre das, mehr nicht.

Auch Belichick ist verwirrt

Patriots-Coach Bill Belichick hat bereits vor Jahren gefragt, warum Unterschiede gemacht werden. Wenn Coaches nur wenige Möglichkeiten für eine Challenge haben, warum dann nicht für alle Spielszenen? "Es ist verwirrend für mich, bei welchen Plays ich eine Challenge nehmen kann und wann nicht. Ich bin mir sicher, dass es auch für die Fans verwirrend ist", sagte Belichick. 

Ein weiterer Vorschlag: Ein zusätzlicher Video-Offizieller. Einer, der im Stadion sitzt, sich aber begleitend zu den Referees auf dem Feld die strittigen Szenen auf einem Monitor anschaut, sich mit den Unparteiischen berät, eingreift. 

So oder so: Es muss etwas passieren, denn das Saints-Drama war nicht die einzige Fehlentscheidung in dieser Saison.

 

Ballbesitz Patriots statt 1st Down Chiefs

Auch die Niederlage der Kansas City Chiefs gegen die Patriots (31:37) im zweiten Playoff-Halbfinale hatte ihre strittigen Momente. 

So wurde ein muffed Punt der Patriots im letzten Viertel nach dem Videobeweis zurückgenommen, weil Julian Edelman beim Punt Return den Ball nicht berührt haben soll. Ursprünglich hatten die Referees auf First Down Chiefs entschieden. 

Hatte er den Ball berührt? Hatte er nicht? Kaum ein Experte wagte, sich 100 prozentig festzulegen. Laut ihnen konnten die TV-Bilder nicht eindeutig das Gegenteil beweisen. Das müssten sie aber eigentlich, damit die Entscheidung zurückgenommen werden kann. Der Hauptschiedsrichter entschied nach einer gefühlten Ewigkeit dann doch, dass Edelman den Ball nicht berührt hatte.

Unterschiedliche Auslegung bei Roughing the Passer

Auch die bereits in der Regular Season kontrovers diskutierte Roughing-the-Passer-Regel kam zum Einsatz. Kontrovers natürlich. 

So traf Chiefs-Defensive End Chris Jones Brady an der Schulter. Beim Quarterback-Superstar entschieden die Referees auf Roughing the Passer. Ein ähnliches Vergehen von Pats-Defensive End Trey Flowers gegen Mahomes wurde hingegen nicht geahndet - zurecht? Zweierlei Maß? Brady-Bonus? Auch hier: unklar.

 

Brady Ex-Teamkollege Vollmer weiß aber, dass die Superstar manchmal eine andere Behandlung bekommen. "Zum einen kann es schon mal so sein, dass die Schiedsrichter solche Fouls bei dem einen Spieler sehen und bei dem anderen eben nicht", so Vollmer: "Und zum anderen ist es schon so, dass die Flagge bei Stars wie Tom Brady, Aaron Rodgers oder auch Drew Brees schneller fliegt als bei anderen Spielern in der Liga, die vielleicht noch nicht so etabliert sind."

Trotzdem: Für die Fans sind die Entscheidungen nicht nur ärgerlich, sie sind nicht mehr nachvollziehbar. In einem Sport, in dem es um Milliarden geht, inakzeptabel. Niemand will wichtige, zukunftsweisende Entscheidungen mit einem faden Beigeschmack.

Den hätte auch der Vorschlag von Saints-Receiver Michael Thomas. Er twitterte die Regel 17, Section 2, Artikel 3.

Die stattet NFL-Commissioner Roger Goodell mit den Möglichkeiten aus, das Spiel neu anzusetzen oder aber die Saints zum Super Bowl zu schicken und die Saison der Rams zu beenden. Eine äußerst gewagte und unorthodoxe Regelauslegung.

Es wird wild spekuliert, so lange sich die Liga nicht offiziell zu den Geschehnissen äußert.

Dass Fans hoffen, dass die beiden Varianten als mögliche Szenarien in Erwägung gezogen werden, ist ein deutliches Zeichen: Die NFL hat ein Referee-Problem.

Andreas Reiners

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