Tom Brady gewann zum vierten Mal in seinem sechsten Super-Bowl-Auftritt. - Bildquelle: gettyTom Brady gewann zum vierten Mal in seinem sechsten Super-Bowl-Auftritt. © getty

Glendale - Bevor Tom Brady seinen 3500 Gramm schweren und 55 Zentimeter großen Schatz aus Sterlingsilber in Empfang nahm, holte er sich noch einen anderen Lohn ab. Einen dicken Schmatzer von Gisele Bündchen. Erst dann reckte er die Vince-Lombardi-Trophy in die Höhe. Zum vierten Mal in seiner Karriere.

Keiner hat es öfter geschafft. Brady steht jetzt auf einer Stufe mit Terry Bradshaw und Joe Montana, den ganz Großen der Football-Szene. Der 28:24-Erfolg seiner New England Patriots im Super Bowl XLIX gegen die Seattle Seahawks war das Sahnehäubchen auf seine großartige Karriere, das "Rei in der Tube" für die leicht beschmutzte weiße Weste.

Der größte Quarterback auf dem Planeten

Brady hat seine Patriots nach einem Zehn-Punkte-Rückstand noch zum Sieg geführt. Er hat geglänzt, als er glänzen musste. Deshalb wurde er zum MVP auserkoren. Zum dritten Mal. Wieder Rekord, wieder auf einer Stufe mit Montana. Vier Mal bediente er seine Receiver in der Endzone, seine Touchdown-Pässe 10, 11, 12 und 13 in einem Super Bowl. Alleiniger Rekord. Eine Stufe über Montana, seinem Kindheitsidol.

 

"Er ist Tom Brady, der größte Quarterback auf dem Planeten", lobte einer der vier Passabnehmer in der Endzone, Julian Edelman, den Spielmacher der Patriots. "Er wird als der beste Quarterback aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen", sagt Teamkollege Darrelle Revis. "Er ist der Michael Jordan des Football."

Brady der beste? Nicht Peyton Manning? Die Zahlen sprechen für Brady. Vier Super-Bowl-Ringe gegenüber einem. Drei Super-Bowl-MVP-Titel gegenüber fünf Regular-Season-MVP-Titel. Aber eben nur Regular Season. Nicht Playoffs, die K.o.-Spiele.

Was ihn noch besser macht? Vielleicht seine zwei Touchdown-Pässe? Seine 13-von-15-Quote für 124 Yards? Alles allein im Schlussviertel. Vielleicht seine 8-von-8-Quote für 65 Yards in der entscheidenden letzten Angriffsserie der Pats?

Ein Spiel wie seine Karriere

Tom Brady hat sie alle widerlegt, alle seine Zweifler, die sein Ende heraufbeschworen hatten, nachdem er am vierten Spieltag der Saison im Monday Night Game von den Kansas City Chiefs eine Abreibung erhalten hatte.

Er hat gezeigt, dass er immer noch gewinnen kann, nachdem er zuvor zwei Super Bowls gegen den Angstgegner New York Giants 2007 sowie 2011 verloren hatte. Brady hat im Super Bowl das gezeigt, was diesen Jungen aus Kalifornien seine ganze Football-Karriere kennzeichnete, sein Weg am College, sein Weg in die NFL mit allen Rückschlägen und allen Höhen.

Comeback nach Zehn-Punkte-Rückstand

An der University of Michigan in seinen ersten zwei Jahren übergangen, dann der Sieg im Orange Bowl mit den Wolverines. Beim Draft 2000 erst an 199. Stelle von den Patriots ausgewählt, in seiner Rookie-Saison nur in einem Spiel zum Einsatz gekommen. Dann die Ernennung zum Starting-Quarterback, die Hochzeiten mit Meisterschaften 2001, 2003 und 2004.

 

Der Rückschlag mit der Niederlage im Super Bowl 2007, der Kreuzbandriss verbunden mit dem Saison-Aus gleich im ersten Saisonspiel 2008, die erneute Niederlage 2011 – wieder gegen die Giants. Und jetzt der große Triumph.

Und im Spiel? Der Fehlstart mit der Interception, der Höhenflug mit seinen zwei Touchdowns, der erneute Rückschlag durch den zweiten abgefangenen Pass, das große Comeback nach dem Zehn-Punkte-Rückstand mit den Touchdowns drei und vier zum Sieg.

Was für ein Play

Aber Brady hat auch gewonnen, weil ein ungedrafteter Rookie, einer der zuvor kaum in Erscheinung getreten war, im entscheidenden Moment groß aufspielte, und den Patriots den Sieg rettete, während Brady tatenlos von der Außenlinie mitansehen musste, wie die Seahawks auf die Endzone der Patriots zurollten, näher und immer näher kamen. Bis zur Ein-Yard-Linie.

"Malcolm, was für ein Play. Ich meine, er hat als Rookie dieses Play gemacht, uns den Super Bowl gewonnen. Das war unglaublich", lobt Brady Verteidiger Malcolm Butler. Aber so ist Brady. Wenn er im Mittelpunkt steht, rückt er das Licht auf die anderen. Auf sein Team. "Jede Mannschaft geht seinen Weg und viele haben den Glauben an uns verloren. Wir aber sind stark geblieben, haben zusammengehalten. Und das ist ein großartiges Gefühl."

Innere Harmonie gefunden

Aber was kommt jetzt? Brady steht mit seinen nun mehr 37 Jahren an der Spitze, hat nicht nur sportlich sein Glück gefunden, sondern auch privat, ist mit Topmodel Gisele Bündchen verheiratet, hat mit der brasilianischen Schönheit zwei Kinder. Abtreten auf dem Höhepunkt?

Nein, nicht Brady. "Ich habe noch einiges in mir", verschwendert Brady direkt nach dem Super-Bowl-Triumph keinen einzigen Gedanken an ein vorzeitiges Karriere-Ende. Er hat zu viel Spaß an seinem Sport. "Ich bin einfach ein glücklicher Mensch." Aber er arbeitet auch verbissen an seiner körperlichen Verfassung, seiner "inneren Harmonie", wie er es nennt. Seine Trainingspläne sind für drei Jahre im Voraus ausgelegt. Sein "Body Coach" Alex Guerrero meint, dass er mit dieser Art des Trainings sein Level bis Mitte 40 halten kann.

"Es war ein harter Tag, der jede Menge Energie gekostet hat, jede Menge Anstrengung", sagt Brady. Aber für diese Mühen lebt er. Für die Meisterschaften, nicht aber für Rekorde. Und schon gar nicht dafür, als bester Quarterback aller Zeiten bezeichnet zu werden. "Das ist nicht mein Ding. Es gibt so viele großartige Spieler, die bei großartigen Teams gespielt haben. Man muss den Moment genießen." Den Moment, wenn man die Vince-Lombardi-Trophäe in den Himmel streckt.

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