Katie Sowers. - Bildquelle: imago images/ZUMA PressKatie Sowers. © imago images/ZUMA Press

München/San Francisco - Als Katie Sowers auflegt, weiß sie nicht, wohin mit ihren Gefühlen. 

Da kommt irgendwie alles auf einmal zusammen, und es muss raus. Schreien? Weinen? Jubeln? Nein, sie springt einfach auf und ab.

"Wie in einem Film" sei es gewesen, erinnert sie sich bei "NBC" an den Moment, der ihr Leben verändert. Alles ist ruhig, und sie springt einfach nur herum. Pure Freude. 

 

Es ist die Gewissheit, dass es stimmt: Glaube an deine Träume, denn sie können in Erfüllung gehen.

"Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte, weil mir klar wurde, dass alles so zusammenpasste, wie ich es mir einmal erträumt hatte", sagte sie über den Anruf, der sie 2016 in die NFL bringt. Dorthin, wo sie immer hin wollte.

Erste Frau im Super Bowl

Knapp vier Jahre später steht sie als erste Frau im Super Bowl, als Offensive Assistant Coach der San Francisco 49ers, die am 2. Februar in Miami (ab 22:45 Uhr live auf ProSieben und ran.de) auf die Kansas City Chiefs treffen.

Vorreiterin. Türöffnerin möglicherweise, denn Frauen sind immer noch stark unterrepräsentiert in den Trainerteams rund um die Liga. Dazu ist sie lesbisch, geht locker und offen mit ihrer Sexualität um. Eine doppelte Botschafterin in der Männer-Domäne NFL. Im Kampf gegen Sexismus und Homophobie. Gegen die tägliche Diskriminierung.

"Sie ist unglaublich", sagte Quarterback Jimmy Garoppolo: "Die Arbeit, die sie mit den Wide Receivern und den anderen Spielern auf den Skill-Positionen leistet, wie sie mit allen umgeht, ist besonders. Und sie ist resolut, macht den Jungs ordentlich Dampf. Es macht Spaß mit ihr."

Bei "Outsports" gibt Sowers zu, dass es nicht schwer war, sich den Respekt zu verdienen. Denn klar: So etwas hängt immer auch vom Gegenüber ab. Je weniger Vorurteile, desto besser, desto einfacher. Eine gewisse Gewöhnung gehörte dazu, respektvoll sind sie aber alle, bestätigt sie.

Phänomenale Bereicherung

"Phänomenal" sei sie, sagte Fullback Kyle Juszczyk. "Wenn ich jemals eine Frage zu einer Route oder so habe, kann ich ohne zu zögern mit ihr sprechen. Sie ist eine phänomenale Bereicherung für unser Team."

Ihr Aufstieg ist bemerkenswert und unterstreicht, dass sie nicht einfach nur für die Quote ihren Weg macht. 2016 kam sie als Trainee zu den Atlanta Falcons, hinterließ beim damaligen Offensive Coordinator Kyle Shanahan so viel Eindruck, dass der sie im Rahmen des "Bill Walsh NFL Coaching Diversity" Stipendiums 2017 zu den 49ers mitnahm.

"Sie fing als Praktikantin an. Ich fand es schon in Atlanta toll, sie dabei zu haben", erinnert sich Shanahan. "Am Ende des Praktikums kamen einige Trainer zu mir und sagten, wie hilfreich sie war und fragten, ob es einen festen Job für sie geben würde. Wir haben ihr diese Rolle gegeben und sie hat großartige Arbeit geleistet."

Bei den Niners arbeitete die 33-Jährige zunächst mit den Wide Receivern zusammen. Seit 2018 ist sie Offensive Assistant Coach, wird als harte Arbeiterin gelobt. 

Sowers selbst fing im Alter von acht Jahren an, Football zu spielen. Auf dem College hatte sie sich trotzdem auf Basketball fokussiert, denn reine Frauen-Footballteams gab es nicht. Dafür gab es ein Stipendium vom Goshen-College, eine kleine, aber feine, religiöse Universität. Coming Outs waren damals, in den 2000er Jahren, deshalb noch eine mittelschwere Revolution.

Ansteckende Krankheit

Das bekam sie erst später zu spüren, als sie nach ihrem Studium eine Absage für einen Trainerjob aufgrund ihrer sexuellen Orientierung erhielt. Das Bittere: Die Zurückweisung kam von ihrem Ex-Coach. Die Begründung: Die Eltern hätten Angst, ihre Kinder könnten lesbisch werden. Als sei das eine ansteckende Krankheit.  

Stattdessen spielt sie erfolgreich als Quarterback bei West Michigan Mayhem und bei den Kansas City Titans in der "Women's Football Alliance". Mit dem US-Team gewann sie 2013 die WM. All das nicht, um Geld zu verdienen, sondern um Spaß zu haben.

2014 kommt ihr Weckruf, die Initialzündung, ihr Wegbereiter für eine Trainerkarriere, die sie immer schon im Blick hatte. Becky Hammond ist die erste Frau, die in der NBA einen Vollzeitjob als Assistenztrainerin antritt. "Ich wusste immer, dass ich Trainerin werden wollte, aber ich wusste nicht, dass ich in der NFL trainieren konnte, bis ich sah, dass Becky Hammond NBA-Trainerin wurde."  

"NFL, ich komme"

Sie postete auf Instagram: "NFL, ich komme." Ein bisschen Glück brauchte es dann aber doch. Denn als sie wenig später ein Mädchen-Basketball-Team trainierte, kam sie mit Scott Pioli in Kontakt, seine Tochter gehörte zur Mannschaft.

Er war beeindruckt von der jungen Frau, die mit so viel Leidenschaft über den Trainerjob sprach. Als er dann Assistant General Manager bei den Falcons wurde, sorgte er für den Anruf und die Luftsprünge.

 

Seitdem wird es auch ganz generell. Es wird langsam, aber es wird. In der NFL ist Sowers eine von inzwischen drei Assistenz-Trainerinnen in Vollzeit. Ihr selbst würde es schon reichen, wenn Gesprächspartnern keine schockierte Überraschung mehr ins Gesicht geschrieben steht, wenn sie erzählt, was sie beruflich macht.

Super Bowl als Sahnehäubchen

Das Schöne: Der Super Bowl ist für sie ein Sahnehäubchen auf der Erfüllung ihres Traums, für weibliche Trainerinnen ist es ein Geschenk. Denn im Vorfeld des großen Spiels wird die Geschichte der lesbischen Trainerin hoch- und runtererzählt. Für ambitionierte Frauen gibt es keine bessere Werbung. 

Perfekt wird es, wenn dann auch noch Software-Gigant Microsoft Sowers als Werbegesicht entdeckt. In dem Spot sagt sie, unterlegt mit Bildern aus ihrer Kindheit: "Ich bin nicht die Quotenfrau. Ich bin hier, um mitzuhelfen, dass wir gewinnen."

Die Botschaft: Glaube an deine Träume, denn sie können in Erfüllung gehen. Wer weiß das besser als Katie Sowers?

Andreas Reiners

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