Von einer Punter-Ausbildungsstätte in Melbourne auf die große Bühne der NFL:... - Bildquelle: imago / instagram @prokickaustraliaVon einer Punter-Ausbildungsstätte in Melbourne auf die große Bühne der NFL: 49ers Rookie Mitch Wishnowsky © imago / instagram @prokickaustralia

München - Es löst in der Öffentlichkeit noch immer eine gewisse Verwunderung aus, wenn Punter im Draft verhältnismäßig früh ausgewählt werden. Die San Francisco 49ers haben Ende April in der 4. Runde Mitch Wishnowsky gepickt. Warum sie das getan haben?

Zunächst einmal hatten sie Bedarf, weil sich Bradley Pinion nach vier Jahren in Richtung Tampa Bay verabschiedet hat. Und dann ist Wishnowsky eben ein Punter, der die Ausbildung von Prokick durchlaufen ist. Dabei handelt es sich um eine Ausbildungsschmiede aus dem australischen Melbourne, deren Punter mittlerweile ganz Nordamerika erobern.

Nathan Chapman hat die Schule im Jahre 2007 gegründet. Sie richtet sich vor allem an Australian-Football-Spieler, weil die in ihrem Sport ebenfalls weite Feld- und Torschüsse ausführen und daher ein starkes Schussbein haben. Bei Prokick lernen sie den Umgang mit dem American Football, sodass einer NFL-Karriere nichts mehr im Wege steht.  

Prokick-Gründer spielte für die Green Bay Packers

Chapman ist ein gutes Vorbild, weil er selber in der weltstärksten Australian Football League (AFL) aktiv war und später einen Vertrag in der NFL bei den Green Bay Packers ergatterte. Es gelang ihm allerdings nicht, sich dort durchzusetzen – laut eigener Aussage weil er den Sport und die Liga noch nicht richtig verstand.

Also gründete er eine Ausbildungsstätte, wo Australier das Knowhow erlernen. Sein Grundgedanke war, dass der Australian Football reihenweise Spieler hervorbringt, die schon in jungen Jahren einen guten Schuss haben. Seine Aufgabe bestand darin, die Talente herauszufischen, die das auch mit dem etwas anders geformten American Football hinbekommen.

Es dauerte allerdings eine gewisse Zeit, bis Chapman ein Gespür dafür entwickelte. In den Anfangsjahren hatte er teilweise nur zwei Schüler. "Es war wirklich sehr, sehr hart. Der einzige Grund, warum wir jetzt erfolgreich sind, ist der, dass ich damals dumm genug war, um nicht einfach wieder aufzuhören."

15.000 Dollar Jahresgebühr, Stipendium am College fast garantiert

Heute zählt Prokick pro Jahr 30 bis 40 Teilnehmer. Jeder von ihnen zahlt eine Jahresgebühr von umgerechnet rund 13.000 Euro und erhält dafür ein straffes Trainingsprogramm: Drei Tage pro Woche wird gepuntet, zwei Tage gibt es Krafttraining. Hinzu kommen schulische Bestandteile, damit die jungen Athleten für ein amerikanisches College zugelassen werden.

Meist rentiert sich die Investition: Laut Chapman erhalten rund 92 Prozent der Spieler, die die Schule durchlaufen, ein 100-prozentiges College-Stipendium. Die Folge: Die Top-Colleges werden mit Puntern regelrecht überschwemmt. 2018 hatten 65 der Division I Footballteams einen Punter von Prokick.   

Diese Talente drängen nun auch vermehrt in die NFL. Wishnowsky ist nicht der erste von ihnen. Michael Dickson von den Seattle Seahawks, Cameron Johnston von den Philadelphia Eagles, Jordan Berry von den Pittsburgh Steelers und Lachlan Edwards von den New York Jets sind ebenfalls Australier, die im Australian Football hätten Karriere machen können oder bereits gemacht haben, dann aber das Programm von Prokick durchliefen und sich den Traum von der NFL erfüllten.

Blickt man auf die hohe Anzahl der in Melbourne ausgebildeten Punter am College, so ist davon auszugehen, dass noch viele weitere Australier bald in der NFL unterkommen werden. ESPN schreibt sogar von einer "Revolution". Der Grund: Die Punter von Prokick werden vielseitiger ausgebildet als die amerikanischen Punter und bringen somit eine neue Note in die NFL.

Lynch lobt: Verschiedene Stile sind eine Neuheit beim Punten

49ers General Manager John Lynch sagt über Wishnowsky: "Er hat verschiedene Stile, was eine Art Neuheit beim Punten ist. Er kann den Ball mit verschiedenen Spins treffen. Wir fühlen uns auf der Position nun sehr gut aufgestellt."

Chapman hofft, dass in der NFL die Fähigkeiten eines Punters bald eine höhere Wertschätzung genießen: "Die NFL schickt noch immer viele Scouts, die noch nie einen Ball gepuntet haben, los, um einen Punter zu beobachten. Also schauen sie sich einen Film an, gehen wieder und sagen: Dieser Typ war gut - er hat das getan. Nun aber ist da plötzlich ein Australier und macht all diese verschiedenen Kicks. Die Scouts sagen: Was zum Teufel macht er?"

Dank der in Australien ausgebildeten Athleten sollen die Zeiten, in denen jeder Punt von der Technik her mehr oder weniger gleich aussieht, vorbei sein. "Die Trainer sehen jetzt, dass es einen anderen Weg gibt", sagt Chapman.

Die Länge des Punts, die Flugkurve des Balles, der Drall – all das kann sich unterscheiden und macht den Landepunkt des Balles unvorhersehbar. "Wir wissen, wo der Ball hingeht, aber das Return-Team weiß es nicht. Es geht darum zu verhindern, dass sich die Gegenseite in ihrem Spiel sicher fühlt", erklärt Chapman.  

Wenn sich diese Erkenntnis durchsetzt, könnten zukünftig noch viele australische Punter früh im Draft ausgewählt werden – und niemand wird sich dann noch darüber wundern.  

Oliver Jensen

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