Der FC Schalke 04 taumelt dem Abstieg entgegen - Bildquelle: 2020 Getty ImagesDer FC Schalke 04 taumelt dem Abstieg entgegen © 2020 Getty Images

München/Gelsenkirchen - Es ist ein verzweifelter Kampf gegen den Abstieg. Mit allen Mitteln. Zumindest abseits des Platzes. Mit einem Rundumschlag reagierte der FC Schalke 04 auf das 24. Bundesliga-Spiel in Folge ohne Sieg (0:2 beim VfL Wolfsburg).

(Schalke 04 ist Thema der Bundesliga-Webshow am Freitag, 27. November, ab 15:30 Uhr auf ran.de - mit den Gästen Heiko Westermann und Sebastian aka "Krayer" vom Fan-Forum "Schalker Block5")

Kaderplaner Michael Reschke weg. Vedad Ibisevic kaum da, schon wieder weg. Amine Harit und Nabil Bentaleb vorübergehend suspendiert. Auf Schalke liegen die Nerven blank. Kein Wunder. Drei Punkte und fünf magere Tore nach acht Spieltagen beschreiben den freien Fall des Traditionsvereins.

"Es ist okay, dass wir mit dieser Serie und dem Tabellenplatz auf die Fresse kriegen. Das haben wir dann auch verdient", gab Sportvorstand Jochen Schneider bei einer Medienrunde am Tag eins nach dem Personalbeben unumwunden zu.

Schon am Vortag befand der 50-Jährige: "Die Egoismen müssen raus aus der Mannschaft, raus aus dem Verein." Die Suspendierung für Harit und Bentaleb sei zwar nur eine "Denkpause" wegen respektlosen Verhaltens. Doch zumindest für letzteren ist das Kapitel Schalke 04 spätestens zum Saisonende Geschichte.

Trainer Baum die "ärmste Sau"

Die Mannschaft ist längst therapiereif, wie Mark Uth schon nach der Niederlage in Wolfsburg vor laufender Kamera durchblicken ließ. "Am liebsten würde ich in die Kabine gehen und weinen. (…) Wir kommen jedes Mal einen Schritt zu spät und nicht mal in die Zweikämpfe herein. Wir haben nicht mal eine gelbe Karte bekommen. Das ist unfassbar", so der Angreifer am "Sky"-Mikrofon.

Trainer Manuel Baum, der den kriselnden Klub erst im September übernommen hatte, sei die "ärmste Sau".

Multi-Organversagen auf allen Ebenen

Jahrelang galt der FC Schalke 04 in der Bundesliga als Garant für die vorderen Plätze. Weltvereine liehen ihre Spieler gerne nach Gelsenkirchen aus. Königsblau war wer auf der internationalen Fußballbühne. Es klingt wie ein Szenario aus einer fernen Zeit.

Doch wer trägt die Schuld am Schalker Niedergang? Ex-Boss Clemens Tönnies, Ex-Sportvorstand Horst Heldt, dessen Nachfolger Christian Heidel, der aktuelle Jochen Schneider, die verschlissenen Trainer oder gar die Mannschaft? Die Antwort: alle. Es war ein Multi-Organversagen auf allen Ebenen. Intensivpatient Schalke hängt längst an der Herz-Lungen-Maschine. Eine Rettung ist derzeit nicht in Sicht. Bleibt das Hoffen auf die Wunderheilung.

Absturz nach der Vizemeisterschaft

Der Absturz begann nach der Vizemeisterschaft 2017/18. Damals war es Trainer Domenico Tedesco gelungen, mit einer allenfalls durchschnittlichen Mannschaft und wenig ansehnlichem Konterfußball Platz zwei in der Tabelle zu erobern. Der junge Coach hatte genau verstanden, was geht und was nicht. Die Liga rieb sich verwundert die Augen.

Weil die Fans aber nicht nur Ergebnisse sondern auch Spektakel einforderten, gelobte Tedesco Besserung. Ohne das dafür nötige Personal - ein Himmelfahrtskommando. Schalke verlor die ersten fünf Spiele der Saison 2018/19 und jagte dem verpatzten Saisonstart während der gesamten Hinrunde hinterher.

Heidel wirft hin, Tedesco vom Hof gejagt

Sportvorstand Heidel beklagte mangelnde Rückendeckung der Vereinsführung und verließ kurz nach Rückrundenstart das sinkende Schiff. Unmittelbar darauf setzte Nachfolger Jochen Schneider den angeschossenen Tedesco nach einem 0:7 in der Champions League bei Manchester City und Bundesliga-Tabellenplatz 14 vor die Tür.

Huub Stevens und Mike Büskens sicherten als Feuerwehrmänner zwar den Klassenerhalt, eine Trendwende brachten die beiden S04-Legenden aber nicht zustande.

Bruch zwischen Reschke und Schneider

Nachfolger David Wagner begann vielversprechend. Doch auch er kam früh ins Straucheln. Tabellenplatz zwölf - eine Enttäuschung. Dass der Verein über die Corona-Saison 2019/20 hinaus an Wagner festhielt, soll auch das Verhältnis zwischen Schneider und Kaderplaner Michael Reschke belastet haben. Wobei unklar ist, wer von beiden früher die Reißleine hätte ziehen wollen.

Die Sperenzchen der Vereinsoberen gingen auch an den Spielern nicht spurlos vorbei. Zum sportlichen Misserfolg kam Grüppchenbildung in der Kabine. Manuel Baum übernahm im September schließlich einen völlig verunsicherte und zerrüttete Mannschaft.

Vielleicht hätte Baum von Beginn an härter durchgreifen müssen. Vielleicht wäre es dann gar nicht zu Respektlosigkeiten gekommen, die zu Harits und Bentalebs Suspendierung führten. Vielleicht wäre auch der Trainingseklat vermeidbar gewesen, in dem Ibisevic Co-Trainer Naldo an die Gurgel ging. Vielleicht.

Fragwürdige Transferpolitik

Ganz sicher aber gab es schon zuvor sehr fragwürdige Entscheidungen. Seit Heidel im Februar 2019 das Handtuch geworfen hatte, gab es mit Ausnahme von Innenverteidiger Ozan Kabak keinen Top-Transfer mehr. Statt erfolgreich einzukaufen, wurde Breel Embolo – einst für rund 26 Millionen Euro verpflichtet – für schlappe elf Millionen an Borussia Mönchengladbach verscherbelt.

Zwar wollte der Stürmer den Verein verlassen, doch ein Verkauf an einen direkten Konkurrenten im Ringen um die internationalen Plätze sorgte bei den Fans für Unverständnis. Ebenso wie die Verpflichtung für rund sechs Millionen Euro von Linksaußen Benito Raman von Fortuna Düsseldorf, der nie die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllen konnte.

Erneut Fehler in der Kaderplanung

Im Sommer verkalkulierte sich Kaderplaner Reschke erneut. Top-Talent Weston McKennie wechselte auf Leihbasis zu Juventus Turin, die Schalker Kassen blieben bis auf eine kleine Leihgebühr dementsprechend leer. Daniel Caligiuri ließ der Verein ablösefrei in Richtung Augsburg ziehen, wo der Offensiv-Allrounder gerade seinen zweiten Frühling erlebt. Stürmer Goncalo Paciencia kam für zwei Millionen leihweise von Eintracht Frankfurt, traf bislang aber erst ein einziges Mal. 

Das Reschke-Aus dürfte auch eine Folge dieser Fehlentscheidungen gewesen sein, auch wenn die Trennung offiziell mit "unterschiedlichen Auffassungen über die sportliche Zukunft des Vereins" begründet wurde.

Hoffen auf die Wende

Was bleibt auf Schalke ist die vage Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. "Indem wir zusammenhalten. Wenn wir diesen Zusammenhalt hinbekommen, kommen wir auch aus der Krise", so Schneider. Vor allem aber braucht es Spieler, die sich mit allen Mitteln gegen den Abstieg stemmen. Gemeinsam. Nicht nur abseits des Platzes.

Carolin Blüchel

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Tabelle

#MannschaftMannschaftMannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.
1Bayern MünchenBayern MünchenBayernFCB17123249:252439
2RB LeipzigRB LeipzigRB LeipzigRBL17105229:141535
3Bayer LeverkusenBayer LeverkusenLeverkusenB041795332:171532
4Bor. MönchengladbachBor. MönchengladbachM'gladbachBMG1887335:28731
5Borussia DortmundBorussia DortmundDortmundBVB1892735:26929
6VfL WolfsburgVfL WolfsburgWolfsburgWOB1778226:19729
71. FC Union Berlin1. FC Union BerlinUnion BerlinFCU1777332:211128
8Eintracht FrankfurtEintracht FrankfurtFrankfurtSGE1769230:26427
9SC FreiburgSC FreiburgFreiburgSCF1766531:28324
10VfB StuttgartVfB StuttgartStuttgartVFB1757532:27522
111899 Hoffenheim1899 HoffenheimHoffenheimTSG1754825:30-519
12FC AugsburgFC AugsburgAugsburgFCA1754817:26-919
13Werder BremenWerder BremenWerderSVW1746719:25-618
14Hertha BSCHertha BSCHertha BSCBSC1745823:28-517
15Arminia BielefeldArminia BielefeldBielefeldDSC17521013:24-1117
161. FC Köln1. FC KölnKölnKOE1736815:28-1315
171. FSV Mainz 051. FSV Mainz 05Mainz 05M0517141215:36-217
18FC Schalke 04FC Schalke 04SchalkeS0417141214:44-307
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