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München/Madrid – Als der Schlusspfiff ertönt und alle Dämme brechen, denkt Jürgen Klopp zuerst an den Gegner. Die Spieler des FC Liverpool fallen sich in die Arme, sinken zu Boden, jubeln, schreien, springen herum wie kleine Kinder.

Und Klopp geht schnurstracks zu Mauricio Pochettino, seinem Trainer-Kollegen von den Tottenham Hotspur.

Respektvolle Geste

Ein fester Handschlag, eine herzliche Umarmung, eine respektvolle Geste im größten Moment seiner Trainer-Laufbahn.

Schließlich weiß Klopp, wie man sich nach einem verlorenen Finale fühlt. Leer. Enttäuscht. Traurig.

Sechs Endspiele in Folge hatte er vor diesem Champions-League-Showdown verloren. Sechs von insgesamt sieben, sein letzter Titel lag sieben Jahre zurück. Schnell ist man dann der Unvollendete, der ewige Verlierer. Derjenige, bei dem es dann doch nicht für den ganz großen Wurf reicht.

Die Krone aufgesetzt

Schluss. Aus. Vorbei. 2:0. Glanz- und stilvoll beendet mit dem Gewinn der wichtigsten Trophäe im europäischen Vereinsfußball. Alle Zweifel ausgeräumt. Die Krone aufgesetzt. Klopp als König von Liverpool. Verehrt wird er in der Arbeiterstadt sowieso schon lange. 

Klopp war die Erleichterung, die pure Freude, die ganz großen Emotionen natürlich anzusehen, als er jeden seiner Spieler umarmte, mit ihnen auf dem Podium stand, als Kapitän Jordan Henderson den Henkelpott um 23.13 Uhr in den Madrider Abendhimmel reckte.

Er zierte sich lange, in den Mittelpunkt zu rücken. Nahm auf dem Podium nur kurz den Pokal in die Hand, hielt sich im Hintergrund, ließ seinen Spielern den Vortritt. Bis sie ihn hochleben ließen, feierten und Klopp mit den Fans die Welle machte, eine Ehrenrunde lief, tanzte und seinen Kappe zog. "Ich freue mich für ihn, weil er ein paar Finals verloren hat. Er ist ein toller Coach", sagte Mo Salah.

Klopp strahlte auch bei den Interviews noch über das ganze Gesicht. "Wir haben es lange genug versucht. Ich bin super stolz und super glücklich, dass es endlich geklappt hat, und das in einem super schweren Spiel", sagte Klopp. 

Raubtier im Käfig

Während der meist zähen, spielerisch schwachen, aber nervenaufreibenden 90 Minuten war Klopp wie ein Raubtier im Käfig, er tigerte auf und ab, war angespannt, hochkonzentriert, im Tunnel. Klatschte immer wieder in die Hände, gab Anweisungen, trieb sein Team an, das nur schleppend in das Spiel fand.

Klopp betonte die ungewöhnliche Vorbereitung. Erstmals lagen drei Wochen zwischen Saisonende und dem Finale. "Drei Wochen Pause, das war für uns alle Neuland. Es führt nicht ausschließlich dazu, dass alle frisch sind, sondern alle hatten auch keinen Rhythmus mehr. Beide Mannschaften haben keinen guten Fußball gespielt, wir können ja alle viel besser kicken", so Klopp. Die Nervosität war beiden Teams auch anzumerken.

Sogar Mittagsschlaf gemacht

Er räumte aber auch ein, dass der große Sieg noch nicht gesackt ist, das wird wohl auch noch etwas dauern. "Ich könnte die ganze Zeit noch durch die Gegend rennen." Er verriet, dass er vor dem Spiel entspannter war als sonst. "Ich habe sogar Mittagsschlaf gemacht. Dann bin ich aufgewacht und haben mich immer noch gut gefühlt. Da habe ich den Jungs gesagt: 'Es kann nur einen Grund dafür geben, und das seid ihr.' Ich war noch nie mit so einer Truppe im Finale. Das ist eine außergewöhnliche Truppe, eine erwachsene Truppe. Und trotzdem ist es erst der Anfang", so Klopp. 

Er hatte es im Vorfeld mehrfach betont: So wichtig sei der Titel für ihn selbst gar nicht. Auch jetzt nannte er zuerst die Mannschaft und den Verein. "Für mich persönlich ist es gar nicht so wichtig, doch es freut mich für alle anderen, denn wenn wir verloren haben, hat meine Familie mehr gelitten als ich", sagte Klopp. Das sei jetzt natürlich anders, so Klopp: "Meine Familie fährt jetzt mit mir und einer Goldmedaille in Urlaub. Das werden wir genießen. Ich bin echt froh, dass ich meiner Frau die Medaille schenken kann." 

Von Andreas Reiners

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