"Ich bin endlich da, wo ich immer sein wollte": Gladbachs Stürmer Andre Hahn... - Bildquelle: imago"Ich bin endlich da, wo ich immer sein wollte": Gladbachs Stürmer Andre Hahn. © imago

ran.de: Herr Hahn, etwa ein Viertel der Saison ist gespielt und Borussia ist in allen Wettbewerben noch ungeschlagen. Sind Sie selbst ein wenig überrascht, dass Borussia erster Bayern-Jäger ist?

Hahn: Dass es so gut läuft, ist doch eine kleine Überraschung. Ich war mir zwar absolut sicher, dass wir eine gute Mannschaft haben und eine gute Saison spielen werden. Aber dass wir in allen Wettbewerben ungeschlagen sind und so gut dastehen, hätte ich so auch nicht gedacht. Dennoch habe ich in diesem Bewusstsein, dass ich hier exzellente Bedingungen vorfinde, im Sommer ja meinen Vertrag bei Borussia unterschrieben.

ran.de: Die Borussia hält aktuell als Zweiter die Hoffnung am Leben, dass der Titelkampf doch nicht ganz so langweilig wird ...

Hahn: ... das freut mich natürlich sehr. Aber als ersten Bayern-Jäger sehe ich uns trotzdem nicht, selbst wenn wir momentan Zweiter sind.

ran.de: Ohnehin wartet vor dem Gipfeltreffen am Sonntag mit den Münchnern noch Apollon Limassol. Limassol und Zypern - das klingt zunächst kaum nach einer fußballerischen Großmacht, aber darf man es sich so einfach machen?

Hahn: Auf gar keinen Fall! Wir haben bereits Videos von Limassol gesehen und ich glaube, dass es für uns ein hartes Stück Arbeit und ein sehr zähes Spiel werden könnte. Limassol hat beispielsweise in den Playoffs bei Lokomotive Moskau 4:1 gewonnen und verfügt im Mittelfeld mit Rachid Hamdani, Camel Meriem und Bertrand Robert über ein starkes französisches Trio. Uns ist bewusst, dass es sich hier um eine gute Mannschaft handelt. Wir spielen zwar zu Hause, müssen dieses Spiel aber auch gewinnen. Nach bisher zwei Unentschieden und dementsprechend nur zwei Punkten führt daran kein Weg vorbei.

ran.de: Wie groß ist die Gefahr, dass man doch schon vor Freitag mehr an die Bayern als an Limassol denkt?

Hahn: Natürlich freuen wir uns alle auf das Spiel gegen die Bayern. Aber jeder bei uns weiß auch, wie hart die Mannschaft in der vergangenen Saison dafür gearbeitet hat, die Europa League überhaupt zu erreichen. Ebenso sind wir uns darüber bewusst, wie viel unseren Fans die Teilnahme an diesem internationalen Wettbewerb bedeutet. Deshalb zählt bis Freitag nur Limassol!

ran.de: Wie erreicht der Trainer, dass jeder Spieler das verinnerlicht?

Hahn: Indem er das Training in Taktik und Video-Analyse ausschließlich auf Limassol fokussiert. Für Außenstehende mag das vielleicht nicht so einfach zu verstehen sein. Aber wir sind Profi-Sportler, es ist unsere Pflicht, das Bayern-Spiel völlig auszublenden. Und ich bin sicher, dass uns das gelingt.

ran.de: Sprechen wir auch über Sie ganz persönlich: Wie oft haben Sie sich in den vergangenen Wochen gesagt: "Junge, du hast alles richtig gemacht mit dem Wechsel zur Borussia"?

Hahn: Sie werden lachen, ich habe tatsächlich schon sehr früh in der Saison zu meiner Freundin gesagt, dass wirklich alles, was wir gemacht haben, richtig war. Wir haben uns vom allerersten Tag an in Mönchengladbach und bei Borussia sehr wohl gefühlt.

ran.de: Vom ersten Tag an sind Sie auch so aufgetreten, als wären Sie schon lange bei Borussia. Sind Ihnen Selbstzweifel völlig fremd?

Hahn: Ich bin sehr selbstkritisch. Zum Beispiel telefoniere nach jedem Spiel mit meinem Vater, um - was meine Leistung betrifft - eine Manöverkritik abzuhalten. Natürlich gibt es mal Tage, an denen es weniger gut funktioniert. Aber ich habe gelernt, dass Laufen und Kämpfen immer geht, ohne Ausnahme. Und viele von diesen Tagen hatte ich bisher nicht. Ohnehin habe ich nie daran gezweifelt, dass ich schnell bei Borussia heimisch werden würde. Ich bin der Typ, der versucht, sich immer durchzubeißen. Geholfen hat mir aber auch, dass mein Wechsel schon sehr früh feststand, so dass ich Dinge wie Wohnungssuche, Umzug etc. längst erledigt hatte, als die Saisonvorbereitung begann. Dadurch konnte ich mich vom ersten Tag an ausschließlich auf Fußball und auf die neuen Kollegen und den neuen Trainer konzentrieren.

ran.de: Während Ihre Karriere zu Beginn alles andere als rund lief, scheint seit Augsburg ein Rädchen ins andere zu greifen. Wie erklären Sie sich das?

Hahn: Grundsätzlich ist es erst einmal sehr schwierig, aus den unteren Ligen ganz nach oben zu kommen. Man sucht eher in den Nachwuchsmannschaften der Profi-Teams nach Talenten als bei kleineren Vereinen. Wenn man dann noch nicht einmal die Jugendnationalmannschaften durchlaufen hat, fällt man schnell durchs Raster. So war es bei mir zunächst auch. Trotzdem habe ich den Sprung nach oben geschafft. Dazu gehörte auch Glück. Das Glück, dass am richtigen Tag die richtigen Leute ein richtig gutes Spiel von mir gesehen haben. Ich bin endlich da, wo ich immer hin wollte. Jetzt aber ist es die Kunst, dort auch zu bleiben.

ran.de: Wer sind Ihre ersten Ansprechpartner in der Mannschaft?

Hahn: Am besten komme ich mit den Jungs aus, die etwa in meinem Alter sind, mit Christoph Kramer, mit Max (Kruse; d. Red.), mit Fabi (Fabian Johnson; d. Red.) und mit Branne (Branimir Hrgota; d. Red.), mit dem ich mir bei Auswärtsspielen das Zimmer teile. Aber auch alle anderen sind klasse Jungs, wie die Mannschaft überhaupt sehr geschlossen auftritt. Gruppenbildung, wie man sie vielleicht woanders hat, gibt es bei uns so nicht.

ran.de: Stichwort Geschlossenheit: Selbst die häufige Rotation, die fast jeden im Team treffen kann, scheint nicht für Unmut zu sorgen. Von manchen Teams kennt man das ganz anders ...

Hahn: Auch bei uns will jeder immer spielen. Und jeder ist enttäuscht, wenn er nicht spielt. Das ist aber nur die eine Seite. Wir alle haben uns den Fußball ja ganz bewusst ausgesucht. Und Fußball ist nun mal ein Mannschaftssport, bei dem man nur gemeinsam Erfolg haben kann. Da müssen Einzelinteressen auch schon mal zurückstehen. Das hat angesichts unseres harten Programms der nächsten Wochen mit Limassol, Bayern, Hoffenheim und Dortmund in der Liga und Frankfurt im Pokal jeder verstanden. Das ist die andere Seite.

ran.de: Aber wie schafft Lucien Favre dieses Bewusstsein genau?

Hahn: Es hilft sehr, dass der Trainer tatsächlich viel rotieren lässt. Jeder, der mal ein Spiel aussetzen muss, weiß, dass er schon beim nächsten Mal wieder dabei sein kann. So entsteht nie das Gefühl, dass man ganz draußen ist und für die nächsten fünf Partien überhaupt keine Rolle spielt. Zudem spricht der Trainer viel mit uns. Man kann es ganz anders annehmen, wenn er sagt "Du hast drei Spiele in Folge gemacht, jetzt schone ich dich einmal, damit du im übernächsten Spiel wieder topfit bist", als wenn man sich aussortiert und nicht gebraucht vorkommt. Für den Trainer ist das sicher ein Balanceakt. Den meistert Lucien Favre aber sehr gut.

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