Das Verhältnis zwischen Messi und Trainer Setien ist angespannt. - Bildquelle: 2020 imagoDas Verhältnis zwischen Messi und Trainer Setien ist angespannt. © 2020 imago

München - "Mes que un club". Mehr als sein Klub. Das Credo des FC Barcelona gleicht dem "Mia san Mia"-Selbstverständnis des FC Bayern.

Doch gelebt wird das Motto bei den Katalanen schon lange nicht mehr. Im Gegenteil.

 

Auch wenn das Rennen um die spanische Meisterschaft mit vier Zählern Rückstand auf Spitzenreiter Real Madrid noch nicht gänzlich gelaufen und ein Champions-League-Viertelfinale gegen die Bayern möglich ist, vom Glanz früherer Tage ist bei den "Blaugrana" aktuell nicht mehr viel übrig:

Ein seit Monaten schwelender Streit zwischen Mannschaft und Trainerstab, sündhaft teure Transferflops, fragwürdige Entscheidungen der Vereinsspitze und eine handfeste Finanzkrise beuteln den einst so schillernden Vorzeigeklub. Die Spieler scheinen die Nase voll zu haben. Sogar Lionel Messi kann sich mittlerweile einen ablösefreien Abgang 2021 vorstellen. 

Trainer-Effekt verpufft

Es ist wohl der individuellen Klasse von Messi und Co. geschuldet, dass Barcelona trotzdem noch Chancen auf einen Titel hat. Der Glaube daran schwindet jedoch selbst bei den Akteuren. So hatte Messi bereits vor der Corona-Pause lautstark eine Leistungssteigerung eingefordert, nachdem der Trainerwechsel von Ernesto Valverde auf Quique Setien im Januar keinen zählbaren Erfolg gebracht hatte.

Dabei war tabellarisch damals noch alles im grünen Bereich, Barca hatte die Liga mit zwei Punkten Vorsprung vor Real Madrid angeführt. Nach zweieinhalbmonatiger Corona-Zwangspause und nur drei Siegen in sechs Spielen ist der Erzrivale aber längst vorbeigezogen - der gewünschte Trainer-Effekt verpufft. Und noch viel mehr.

Spieler ignorieren taktische Anweisungen

Der farblose Setien scheint sein mit Topstars gespicktes Team nicht zu erreichen. Taktische Anweisungen werden geflissentlich ignoriert, wie der Coach nach dem knappen 1:0-Sieg gegen Stadtrivale Espanyol selbst durchblicken ließ.

"Ich habe darauf bestanden, den Ball zu haben, aber die Mannschaft neigt dazu, nach vorne zu gehen. Wir haben eine Menge Konterchancen zugelassen, die wir hätten vermeiden müssen", kritisierte Setien. "Es ist etwas, das wir verbessern müssen und das wir als Trainerstab wiederholen werden - aber es ist nicht einfach, etwas aus den Köpfen der Spieler zu bekommen, das so tief verwurzelt ist." 

Problematisch ist jedoch, dass Setien selbst kaum den Kontakt zu seinen Spielern sucht. Häufig schickt der introvertierte Übungsleiter seine jüngeren Assistenten vor. Die haben jedoch ein noch geringeres Standing in der Mannschaft. 

So kam es beim 2:2 bei Celta Vigo zum Eklat. Als Co-Trainer Eder Sarabia Superstar Messi am Spielfeldrand Anweisungen geben wollte, winkte der Argentinier genervt ab - und machte das Gegenteil.

Griezmann oft auf falscher Position - oder auf der Bank

Für Ärger sorgt auch die Personalie um Antoine Griezmann. Der Weltmeister kam vor der Saison mit größten Vorschusslorbeeren für 120 Millionen Euro von Atletico Madrid. Gerecht wurde er den hohen Erwartungen bislang nicht. Die spanische Presse machte ihn zum Prügelknaben.

 

Dabei ist Griezmann ein Opfer der Trainer, die ihn zu oft entgegen seiner Stärken auf dem linken Flügel einsetzen. Wenn der 29-Jährige dagegen als Doppelspitze mit Luis Suarez stürmen durfte, überzeugte er durchaus. Wie zuletzt beim 4:1 in Villarreal, als Griezmann nach Vorarbeit von Messi ein geniales Tor erzielte.

Aber häufig findet sich Griezmann eben auf der Bank wieder. Die absoluten Demütigung erlebte er, als Setien den Weltmeister gegen Atletico erst in der 90. Minute einwechselte. Prompt wurden Spekulationen wurden laut, wonach Griezmann Barcelona schon im Sommer wieder verlassen wolle.

Laut "L'Equipe" soll Sportdirektor Eric Abidal in einem persönlichen Gespräch mit seinem unzufriedenen Star aber einen Verkauf ausgeschlossen haben. Barca zähle weiterhin auf Griezmann.

Messi keilt gegen Vereinsspitze

Trotzdem: Das Verhältnis zwischen Klub-Verantwortlichen und Spielern ist mehr als angespannt. In der Vergangenheit hatte sich Messi höchstpersönlich mit Abidal und Präsident Josep Bartomeu angelegt. Letzterer zog den Zorn des Argentiniers auf sich, weil er aufgrund der Corona-Krise öffentlich Gehaltseinbußen seiner Stars gefordert hatte.

"Es ist überraschend, dass versucht wurde, uns unter gewaltigen Druck zu setzen, um etwas zu tun, was wir ohnehin getan hätten", keilte Messi daraufhin in den sozialen Medien. Die Spieler verzichteten schließlich auf 70 Prozent ihres Gehalts.

Fragwürdiger Spielertausch 

Die finanzielle Krise beim FC Barcelona entschärfte das aber nur bedingt. 140 Millionen Euro soll Corona dem Klub gekostet haben. Um das Geschäftsjahr nicht in den roten Zahlen beenden zu müssen, entschieden sich die Verantwortlichen zu einem sportlich fragwürdigen Schritt.

So wurde der aufstrebende Arthur Melo für 72 Millionen Euro an Juventus Turin verkauft und im Gegenzug der 30-jährige Miralem Pjanic für 60 Millionen von Juve verpflichtet. Durch einen buchhalterischen Trick wurde der Erlös des Arthur-Deals sofort verrechnet, während die Ausgaben für Pjanic auf die Dauer der Vertragslaufzeit angerechnet werden dürfen.

Barca schloss das Geschäftsjahr damit zwar mit einer nahezu ausgeglichenen Bilanz ab. Der Deal sorgte aber sowohl bei Fans als auch in der Kabine für Unverständnis.

Zu viele Transferflops in der Vergangenheit

Dabei stehen Präsident und Sportdirektor selbst enorm unter Druck. Mehr als eine Milliarde Euro hatte Barca in den vergangenen Jahren für Neuzugänge ausgegeben. Ein Volltreffer war nicht dabei. Millionenschwere Toptransfers wie Ousmane Dembele oder Philippe Coutinho erwiesen sich als Flops. Auch Griezmann und der hoch gehandelte Frenkie de Jong und blieben bislang noch hinter den Erwartungen zurück.

Neue Investitionen wie beispielsweise eine Rückholaktion von Neymar sind aktuell aufgrund der Finanzkrise kaum realisierbar. Und sollte sich Messi im nächsten Jahr tatsächlich ablösefrei verabschieden, stünde Barca plötzlich vor einem Umbruch, auf den der Verein nicht im Geringsten vorbereitet ist. Denn die Abhängigkeit vom besten Spieler der Welt war nie stärker als im Moment.

Viertelfinale gegen Bayern möglich

In der aktuellen Situation hilft eigentlich nur kurzfristiger, sportlicher Erfolg, um von den Baustellen abzulenken. Mit einem Sieg bei Real Valladolid (ab 19:30 Uhr im Liveticker auf ran.de und im Livestream auf DAZN) könnte Barca zumindest für eine Nacht wieder auf einen Zähler an Real heranrücken und die Königlichen damit unter Druck setzen.

Und dann ist da ja noch die Champions League. Nach dem 1:1 im Achtelfinal-Hinspiel beim SSC Neapel ist Barcelona sicher der Favorit auf den Einzug ins Viertelfinale. Dort würden aller Voraussicht die "Mia-san-Mia"-Bayern warten.

Aus Barca-Sicht wäre es spätestens dann nötig, zum alten Credo "Mes que un club" zurückzufinden.

Carolin Blüchel

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