München/Ljubljana - Als sich der Konfetti-Regen über der U21-Nationalmannschaft ergoss, trat Stefan Kuntz ein paar Schritte zurück. Und klatschte anerkennend.

Er überließ seinen Jungs in dem Moment ihres größten Erfolgs komplett die Bühne. 

Ein paar Tränen verdrückte er, ehe er sich vor dem Sieger-Interview mit ran die Frisur richtete, um dann einen tieferen Einblick in seine Gefühlswelt nach dem 1:0-Finalsieg gegen Portugal zuzulassen.

Immerhin stand er nach 2017 und 2019 zum dritten Mal in Folge im Endspiel einer U21-EM, das gelang vor ihm nur der italienischen Trainer-Ikone Cesare Maldini. Maldini gewann alle drei Finals, Kuntz nun sein zweites. 

Und das mit dem vermeintlich schwächsten der drei Jahrgänge.

Am wenigsten zugetraut

"Das war der Jahrgang, dem man von Anfang an am wenigsten zugetraut hat. Und diese innere Motivation wollten wir zeigen", sagte Kuntz bei ran, der auch ein paar seiner Tricks verriet, ein paar der Kniffe, die er nutzt, um seine Mannschaft zu motivieren gegen Teams wie im Halbfinale die Niederlande oder nun Portugal, die auf dem Papier als deutlich stärker gelten. Beziehungsweise den vermeintlich höheren Marktwert haben, wie es die deutschen Talente oft zu hören bekamen. 

"Ich habe den Jungs gesagt, dass ich ihr bester Salesmanager werde. Dann sollte man nochmal schauen, was Talent wirklich ist: Ist es das, zum Schluss zu gewinnen? Oder sind es nur Sprintwerte oder so? Wenn man ihnen Vertrauen schenkt, dann zeigen sie, dass sie zu sehr Großem fähig sind", so Kuntz. 

Sogar ein bisschen sentimental wurde Kuntz, sagte zum Torschützen Lukas Nmecha noch auf dem Platz: "'Weißt du noch, wie ich bei euch Zuhause war und von deinem Vater Rühreier gegessen habe, um dich zu überzeugen, dass es schön ist, für Deutschland zu spielen?' Diese Geschichten sind das Schöne an dem Sieg", so Kuntz.

Wahrscheinlich kann Kuntz zu jedem seiner Spieler eine Anekdote erzählen, die ihn mit dem Talent verbindet.

Und da Kuntz so in Form war, plauderte er weiter aus dem Nähkästchen, wie er seinem Team vor dem Finale die Nervosität und die Verkrampftheit nahm: "Ich habe ihnen vor dem Spiel gesagt, dass sie ein Löwenherz brauchen, aber auch Adleraugen, damit wir alles erkennen. Und: Ihr müsst einen Hyänenbande sein - die kann keiner leiden, aber die bekommen zum Schluss immer das, was sie wollen."

Und das bekamen sie, vor allem dank Kuntz. Denn wie wichtig der Trainer mit seinem Team für den DFB und die Nachwuchsarbeit ist, hat er mit diesem Jahrgang eindrucksvoll bewiesen. Denn trotz des Titelgewinns muss man zugeben, dass er nicht wie zuvor mit herausragenden Talenten, mit hochkarätigen Einzelspielern gespickt war. 

Das hatte Kuntz selbst im vergangenen Jahr betont.

"Wir wussten, dass eventuell auch einmal schwächere Jahrgänge kommen. Es war klar, dass wir mit diesem Jahrgang kein EM-Titelfavorit sind", sagte Kuntz im September 2020. 

Joti Chat­zi­alexiou, der Sport­liche Leiter Natio­nal­mann­schaften, hatte es im Magazin "11 Freunde" sogar noch ein bisschen dramatischer formuliert, und das auch erst kürzlich. 

Nicht mehr die Dichte an Qualität

"Wir haben bei den Spielern, die nach­rü­cken, nicht mehr die Dichte enormer Qua­lität. Des­halb haben wir uns von der Welt­spitze ent­fernt. Das zeigt sich bereits bei der aktu­ellen U21-Mann­schaft", sagte Chat­zi­alexiou.

Das Vakuum, diese Diskrepanz zwischen Qualität und Realität füllt Kuntz, der sich längst von Kritikern emanzipiert hat, die ihm gerne mangelnde Fachkenntnis vorwarfen.

"Stefan kennt seine Spieler, und das sind vor allem Menschen. Er berührt die Menschen einfach. Wenn mir spontan ein Trainer einfallen müsste, der seine Jungs so erreicht, dann vielleicht Jupp Heynckes", sagte ran-Experte Rene Adler: "Er ist der Vater des Erfolgs. Er ist angekommen, ist mit sich im Reinen. Das ist eine Symbiose."

"Er bringt Feuer in die Mannschaft rein" 

Exemplarisch lobte Mergim Berisha noch vor dem Endspiel: "Stefan Kuntz schenkt jedem einzelnen Spieler das Vertrauen. Er ist taktisch ein sehr guter Trainer, kann uns motivieren und bringt Feuer in die Mannschaft rein." 

Dabei sei Kuntz "der Zusammenhalt“ besonders wichtig, so Berisha: "Er will, dass wir auf dem Platz und auch außerhalb alles füreinander geben. Und ich glaube das ist auch der Grund, warum wir so erfolgreich sind." 

Ein Grund, denn der Erfolg hat viele Faktoren. So trifft Kuntz, der als Menschenfänger gilt, als Talenteflüsterer, den Ton bei Spielern, die in ihrem Alter oft ein bisschen in der Luft hängen, so im Findungsbereich zwischen Nachwuchs und Profis.  

Er will deshalb berechenbar sein für seine Spieler, authentisch, er will und muss die richtige Mischung finden aus Spaß und Ernst. Seine Stärken im zwischenmenschlichen Bereich kommen ihm zugute, weshalb er sie gezielt ausspielt. Die Jungs wachsen so als Mensch, aber natürlich auch als Spieler.

Man muss sich das Interview nach dem Final-Triumph anschauen und man hört und sieht, warum die meist fast 40 Jahre jüngeren Kicker ihren Herbergsvater trotz des Altersunterschieds cool finden.

Und so schafft er es auch trotz kurzer Vorbereitungszeit, einen zusammengewürfelten Haufen zu einer verschworenen Gemeinschaft zu formen.

Die Qualität ist das Kollektiv.

Wilde Titelparty

"Jeder zahlt zurück", brachte es Kuntz vor dem Finale auf den Punkt. Um nach dem Sieg eine wilde Feier anzukündigen. Nicht umsonst wurde das Hotel in einem Industriegebiet gebucht. "Jetzt wird so gefeiert, ich hoffe, dass ich morgen das Flugzeug erwische, aber dafür sind die Verantwortlichen verantwortlich", sagte Mittelfeldmotor Niklas Dorsch.

Vorher hat Kuntz aber noch etwas zu erledigen. "Jetzt freue ich mich darauf, dass ich jedem erzählen kann, was ich am Anfang über ihn gedacht habe und jetzt über ihn denke", sagte Kuntz.

Es wird viel Positives dabei sein, gut möglich, dass er als guter Salesmanager auch anerkennend klatscht. Denn die Bühne - sie gehört seiner Hyänenbande.

Andreas Reiners

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