Die Raptors-Fans (links) beklatschten die Verletzung von Kevin Durant (recht... - Bildquelle: GettyDie Raptors-Fans (links) beklatschten die Verletzung von Kevin Durant (rechts) © Getty

München/Toronto - Man stelle sich vor Tom Brady oder Aaron Rodgers würden sich in einem Spiel verletzen und die gegnerischen Fans würden jubeln, während der Spieler mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden sitzt.

Eigentlich unvorstellbar und in hohem Maße unsportlich. In der NBA hat sich jedoch ein ähnliches Szenario abgespielt.

 

Kevin Durant, zehnmaliger All-Star und MVP der letzten beiden Finalserien, musste Spiel fünf der diesjährigen Finals zwischen den Golden State Warriors und den Toronto Raptors mit einer Achillessehnenverletzung verlassen.

Als Durant auf dem Hallenboden saß und klar war, dass er nicht mehr weiterspielen konnte, jubelten einige Heimfans der Raptors, vereinzelt winkten sie sogar - frei nach dem Motto "Tschüss, auf Nimmerwiedersehen".

Sieg "wie ein Shot Tequilla"

Erst als die Raptors-Spieler gestikulierten und den Fans zu verstehen gaben, dass dieses Verhalten inakzeptabel sei, änderte sich die Stimmung in der Halle. Vielleicht hat es auch etwas gedauert, bis die Zuschauer realisierten, dass Durant wirklich schlimmer verletzt ist.

Der Warriors-Forward musste bei seinem Abgang von einem Betreuer gestützt werden. Das Team geht davon aus, dass sich Durant die Achillessehne gerissen hat. Die genaue Diagnose steht noch aus.

Immerhin erholten sich seine Teamkollegen von dem Schock, drehten die Partie im letzten Viertel noch und gewannen 106:105. Spiel sechs findet in Oakland statt und die Warriors dürfen weiterhin von der dritten Meisterschaft in Folge träumen.

Durants Verletzung schweißt das Team noch enger zusammen. "Kevin hat seine Gesundheit für uns aufs Spiel gesetzt. Wir haben einen besonderen Zusammenhalt in diesem Team. Wir beten für ihn", sagte Warriors-Star Steph Curry nach dem Spiel.

Durant selbst war von der Schock-Diagnose natürlich mitgenommen, blieb aber positiv. "Das tut mir tief in der Seele weh, ich will nicht lügen. Zu sehen, wie meine Brüder diesen Sieg holen, war wie ein Shot Tequila, der mir neues Leben gegeben hat", schrieb der Pechvogel bei Instagram.

Golden State ist ohne Durant schlagbar

Sportlich ist sein Ausfall definitiv ein Verlust. Mit Curry, Klay Thompson, Draymond Green und DeMarcus Cousins haben die Warriors zwar immer noch jede Menge Star-Power auf dem Parkett. Doch die Serie gegen die Raptors hat gezeigt - die Warriors ohne Durant sind ein starkes Team, aber eben auch schlagbar.

Das Team aus der Bay Area liegt immer noch mit 2:3 zurück und darf sich keine weitere Niederlage erlauben.

Es stellt sich auch die Frage, ob Durant nicht zu früh von seiner vorherigen Verletzung zurückgekommen ist. Schließlich setzt die Achillessehne an der Wadenmuskulatur an, und der 30-Jährige hatte die letzten vier Wochen mit einer Wadenverletzung pausieren müssen. Spiel fünf war sein langersehntes Comeback.

Sollten sich die Befürchtungen bestätigen wird der MVP von 2014 rund ein Jahr ausfallen. Ein Achillessehnenriss ist für Basketballer besonders schwerwiegend. Kobe Bryant hatte sich die Verletzung im Spätherbst seiner Karriere zugezogen und war danach nie wieder der Alte.

Warriors-GM unter Tränen: "Gebt mir die Schuld"

Gut möglich, dass Durant sein letztes Spiel für die Warriors gemacht hat. Der Forward wird im Sommer zum Free Agent, die New York Knicks und die Los Angeles Clippers gelten als Favorit für seine Verpflichtung. Selbst mit der Verletzung wird "KD" wohl einen Maximalvertrag unterschreiben. Sein Talent überstrahlt das Risiko, das mit der Verletzung einher geht.

Dennoch wird die NBA einen ihrer größten Stars für fast eine ganze Saison verlieren - ein Desaster für Liga und Fans.

Bob Myers war nach dem Spiel untröstlich: Der General Manager der Warriors kämpfte mit den Tränen, als er über die Verletzung sprach. Die Entscheidung für das Comeback sei gemeinschaftlich gefallen, viele Experten und Ärzte hätten Durant während seiner Zwangspause untersucht. "Ich glaube nicht, dass jemand Schuld hat", sagte Myers: "Aber ich kenne diese Welt und weiß, dass jemand Schuld haben muss. Also gebt sie mir", so Myers.

Raptors-Coach Nurse irritiert mit Timeout

Der Verletzung überschattete selbst die zweifelhaften Coaching-Entscheidungen von Raptors-Head-Coach Nick Nurse. Nach einem 10:2-Run seines Teams führten die Kanadier rund dreieinhalb Minuten vor dem Ende mit sechs Punkten. Kawhi Leonard war im letzten Viertel heiß gelaufen und hatte die letzten zehn Punkte für die Raptors markiert.

Unerklärlicherweise nahm Nurse eine Auszeit. Die Warriors konnten sich sammeln und drehten das Spiel. Toronto schaffte es nicht mehr den Ball in Leonards Hände zu bringen.

Nurse erklärte, er wollte seinen Spieler eine zusätzliche Verschnaufspause geben, da die Raptors zwei ihrer Timeouts ohnehin an der 3-Minuten-Marke verloren hätten. Doch dadurch wechselte das Momentum wieder zu den Warriors.

Statt den ersten Titel der Franchise-Geschichte zu feiern, müssen die Raptors für Spiel sechs wieder nach Oakland fahren. Die Fans dort werden nach den Ereignissen in Spiel fünf noch motivierter sein.

Julian Huter

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