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München - Entlassungen können kurzfristig neue Kräfte freisetzen. Sie können für einen Schub sorgen, für neue Ansätze, Ideen - und im Idealfall auch für Erfolge.

Im ersten Moment sind sie bisweilen aber auch Zungenlöser.

Und das liefert interessante Einblicke - wie jetzt bei den Minnesota Vikings. Denn klar: Wenn die Besitzer Zygi und Mark Wilf sowohl Trainer Mike Zimmer als auch General Manager Rick Spielman feuern, soll ein kompletter Neuanfang her. Ein Reset.

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Der ist auf den ersten Blick keine Überraschung, denn immerhin haben die Vikings zum zweiten Mal in Folge die Playoffs verpasst. Ein sauberer Schnitt auf der kompletten sportlichen Führungsebene hat am "Black Monday" Tradition - und ist in vielen Fällen das Ergebnis fehlender Ergebnisse, sprich längerer Erfolglosigkeit.

Mike Zimmer: Keine schlechte Gesamtbilanz

Zimmer, der 2014 im Alter von 57 bei den Vikings seinen ersten Job als Head Coach in der NFL antrat, kommt auf eine 72-56-1-Bilanz in der Regular Season und auf 2-3 in den Playoffs, die er mit seinem Team drei Mal erreichte. Spielman war sogar seit 2006 bei den Vikings.

Unvergessen ist sicher das "Minneapolis Miracle" in der Saison 2017, das den Einzug in die Divisional Playoffs ermöglichte, der Super Bowl vor eigenem Publikum wurde es damals aber trotzdem nicht. Eine 7-9 und eine 8-9-Bilanz 2020 und 2021 waren am Ende zu wenig, um weiterzumachen.

"Die Ergebnisse sprechen für sich", sagte Mark Wilf. "Wir sind nicht zufrieden. Wir sind nicht da, wo wir sein wollen. Aber wir haben eine hervorragende Organisation. Wir haben einen großartigen Kader, auf den wir aufbauen können. Jeder Trainer und Manager weiß, dass es hier etwas gibt, worauf er aufbauen kann."

Man habe sich als Eigentümer verpflichtet, "die Mittel bereitzustellen, um auf höchstem Niveau konkurrieren und versuchen können, Titel zu gewinnen", sagte er.

Die Entscheidung ist oft aber einen zweiten Blick wert.

Spontane Redseligkeit

Denn die Entlassungen von Coach und GM sorgten bei den Vikings-Spielern für spontane Redseligkeit. Die Franchise wird demnach nicht nur einfach einen personellen Neuanfang, also einen neuen Manager und Trainer brauchen, sondern eine neue Kultur.

Denn die hat in den vergangenen Jahren unter Zimmer gelitten, wie ein paar Spieler durchblicken lassen.

Linebacker Eric Kendricks beschrieb eine generelle funktionierende Kultur bei einem Team als "eine Kultur, in der die Kommunikation im Vordergrund steht und in der man unabhängig von der eigenen Rolle im Team eine Stimme hat und Dinge sagen kann, die man für wichtig hält", sagte er.

"Es ist wichtig, dass man sich Gehör verschafft und auf die Gefühle der anderen Rücksicht nimmt, egal wie groß die eigene Rolle ist", so Kendricks, der mit seinem letzten Satz aufhorchen lässt: "Ich glaube nicht, dass eine Organisation, die auf Angst basiert, der richtige Weg ist."

Zimmer ist ein Trainer der alten Schule, ein bisweilen knallharter Coach, Defensiv-Guru, Disziplin-Fanatiker, der mit seiner schroffen und teilweise verletzenden Art offenbar zuletzt nicht mehr weiterkam. Es gibt Spieler, die das brauchen, und so lange der Erfolg da ist, scheinen die Mittel zu stimmen.

Doch zuletzt geriet die Balance zwischen Zuckerbrot und Peitsche zu sehr aus den Fugen, weil auch die Ergebnisse nicht mehr da waren.

Toxisch könnte man die Kultur bezeichnen, wenn man den Spielern zuhört. Mindestens aber waren diverse Verhältnisse in der Kabine zwischen Trainer und Spielern gestört.

 

Receiver Adam Thielen sagte, er habe "viel Wertschätzung für" und "viel Respekt vor Zimmer". Was den nächsten Trainer angehe, so wünsche er sich jemanden, der "eine starke Führungspersönlichkeit, ein starker Kommunikator und ein starker Mitarbeiter" ist.

Persönliche Dinge machen einen großen Unterschied

Mitarbeiter im Sinne eines Chefs, der auf Zusammenarbeit aus ist. "Man kann es nicht nur auf seine Weise machen. Man braucht die Hilfe von anderen. Alle arbeiten zusammen für das gleiche Ziel und sind in der Lage, konstruktive Kritik zu üben", so Thielen.

Tief blicken lässt auch Tackle Brian O'Neill, der sich von den Chefs kleine Dinge "wie 'Hey, wie geht's?'" oder "das Gefühl, wenn man an Jungs vorbeigeht und sie sagen: 'Hallo, wie geht's? Guten Morgen'" wünscht.

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Man verbringe so viel Zeit miteinander und die Saison sei so lang, so O'Neill, "dass kleine persönliche Dinge hier und da einen großen Unterschied für einen jungen Spieler machen können, denn die Jungs spielen am besten, wenn sie sich selbst und ihre Rolle im Team gut finden. Je mehr wir alle als Trainer und Spieler verstehen, dass wir gemeinsam in dieser Sache stecken, desto besser wird es."

Zuletzt wurde es immer schlechter, als Zimmer zum Beispiel Quarterback Kellen Mond verbal abwatschte oder Receiver Justin Jefferson im bedeutungslosen letzten Saisonspiel einen Franchise-Rekord verbaute, weil den Ex-Coach Bestmarken nicht interessieren.

Das ist nun Vergangenheit, die Zukunft dürfte anders aussehen. Der Plan der Vikings: Zunächst soll ein neuer General Manager verpflichtet werden, der dann mit auf die Suche nach einem neuen Trainer geht.

Die Konkurrenz ist groß, denn neben den Vikings haben auch die Chicago Bears GM und Trainer entlassen, dazu die Denver Broncos und Miami Dolphins die Head Coaches und die New York Giants ihren GM. Die Vikings sondieren also nicht alleine den Markt. 

Offensiver Players Coach der Ansatz?

Einen kompletten Rebuild brauchen die Vikings indes nicht. Ein Ansatz könnte sein, einen offensiv ausgerichteten Trainer anzuheuern, einen sogenannten "Players Coach", der einen guten Draht zu den Spielern hat, aber in den richtigen Momenten die nötige Härte an den Tag legt. Das wäre das Gegenteil des bisherigen Weges.

"Die besten Trainer, die ich hatte, sind diejenigen, die mich abseits des Spielfelds zu einem besseren Menschen gemacht haben", sagte Kendricks: "Menschen, mit denen ich mich gerne umgeben würde, mit denen ich reden und mir Dinge von der Seele reden kann." 

Denn auch das kann Kräfte freisetzen. Sogar langfristig.

Andreas Reiners

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